Erinnerung an die Olympischen Spiele 1964

Zwei Lüdenscheider in Tokio

Manfred Kinder (links) und Klaus Brensing
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Erinnerungen an das Training am Nattenberg: Manfred Kinder (links) und Klaus Brensing, die auch gemeinsam beim Renault-Autohaus Gorniak arbeiteten in dieser Zeit.

Die am Freitag in Tokio eröffneten Olympischen Spiele rufen in Lüdenscheid Erinnerungen wach: Olympische Spiele in Tokio gab es schon einmal im Jahr 1964 – und vor 57 Jahren waren in der japanischen Metropole auch zwei Aktive aus Lüdenscheid mit von der Partie: die Leichtathleten Jürgen Kalfelder und Manfred Kinder.

Als Kalfelder und Kinder in Fernost für die deutsche Mannschaft – übrigens die letzte gesamtdeutsche bis zur Wiedervereinigung 1989 – auf die Laufbahn traten, verfolgte Peter Brensing die Dinge am Fernsehen, allerdings sporadisch. „So viel lief seinerzeit ja noch nicht, das war damals ja noch alles anders als heute“, sagt Brensing, der im Juli gerade seinen 79. Geburtstag gefeiert hat. 1964 – da machte er gerade in Lüdenscheid seine Lehre, und war mächtig stolz darauf, dass zwei seiner Freunde seinerzeit für Deutschland in Tokio starteten. Peter Brensing stellt noch heute voller Stolz fest, „welch erfolgreiche Athleten wir damals in Lüdenscheid hatten...“

1964 – da lag das Nattenberg-Stadion als „Schmuckkästchen der Stadt“, auf dessen in den 70er-Jahren so modernen Laufbahn auch die ganz Großen der Leichtathletik laufen sollten, noch weit in der Zukunft. Aber am Nattenberg traf man sich trotzdem in dieser Zeit – nicht nur unter der Woche, auch an jedem Sonntag. Peter Brensing und sein Bruder Klaus waren dabei, und natürlich auch Manfred Kinder und Jürgen Kalfelder. „Der Trainer hieß Wendel und war aus der DDR nach Lüdenscheid gekommen“, erinnert sich Peter Brensing, „er brachte ganz neue Methoden mit. Wir machten auf einmal ein Intervalltraining dort.“

Jürgen Kalfelder (in weiß) vertrat die deutschen Farben in Tokio.

Brensing denkt gerne zurück an diese Zeit. Jürgen Kalfelders Familie war an der Höh zu Hause – und Peter Brensing arbeitete dort an der Tankstelle. Kalfelder wurde zu einem guten Freund. Als Kalfelder nach den Spielen in Tokio zurückkam, schenkte er seinem Kumpel Peter Brensing ein Tokio-Handtuch, das die Athleten bekommen hatten, und ein Bild mit einem Gruß mit den Unterschriften des Olympiateams. Peter Brensing hat den Gruß gerahmt und in Ehren gehalten. Daheim kommt er an jedem Tag daran vorbei, das Bild hat einen Platz im Flur der Familie gefunden. „Darauf bin ich noch heute sehr stolz“, sagt Brensing.

Andenken von den Olympischen Spielen in Tokio 1964: Peter Brensing mit dem Tokio-Handtuch von 1964 und dem Gruß der deutschen Olympia-Mannschaft. Beides hatte dem Lüdenscheider damals Jürgen Kalfelder aus Fernost mitgebracht.

Manfred Kinder blieb der Leichtathletik treu

Manfred Kinder gehörte auch zu Brensings Freundeskreis, war allerdings eher sehr gut bekannt mit Brensings Bruder Klaus. Die beiden arbeiteten zusammen in der Renault-Werkstatt Gorniak. Kinder machte dort eine Ausbildung zum Autoschlosser, doch in diesem Beruf sollte er nicht bleiben. Später wechselte der so erfolgreiche Läufer zur Polizei und verließ dann auch die Stadt Lüdenscheid, trat seinen Polizeidienst in Wuppertal an und wurde nach Stationen in Dortmund und Wuppertal später mit Ehefrau Maria, mit der er im April gerade die Diamantene Hochzeit gefeiert hat, in Wülfrath heimisch. Maria hatte Manfred Kinder in Lüdenscheid kennengelernt, auch sie war in der Bergstadt als Leichtathletin aktiv gewesen. Mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern fand Manfred Kinder so eine neue Heimat – und blieb der Leichtathletik doch treu, immerhin noch zwölf Jahre als Bundestrainer. Noch im hohen Alter hält sich der ehemalige Weltklasseathlet mit Tennis und Radfahren fit.

Jürgen Kalfelder verschrieb sich dem Tennis

Dem Tennis verschrieb sich auch Jürgen Kalfelder später in seinem Leben. Kalfelder war bereits während seiner aktiven Laufbahn mit Frau Carola und Tochter Claudia an den Adidas-Standort Herzogenaurach gezogen. Nach seinem Karriereende im Jahr 1966 übernahm er für den Sportartikelhersteller Aufgaben in der Öffentlichkeitsarbeit. Als am Standort Anfang der 70er-Jahre das Adidas-Sporthotel eröffnete, übernahm Jürgen Kalfelder die Direktion des Hotels und brachte es gemeinsam mit seiner Frau Carola richtig in Schwung. Bis Mitte der 80er-Jahre. Dann eröffnete das Ehepaar in Erlangen ein eigenes Restaurant. 1990 wurde Kalfelder Verkaufsleiter der Sektkellerei Deinhard und 1997, als Deinhard an Henkel verkauft wurde, übernahm er dieselbe Aufgabe bei der Sektkellerei Bernhard Massard in Trier. Heimisch geblieben ist die Familie indes im Aurachtal. Beim TC Herzogenaurach spielte Kalfelder seit 1968 Tennis und entwickelte sich zu einem der großen Förderer der Jugend des Vereins. Im Bayerischen Tennissverband arbeitete er lange Zeit im Lehrteam mit und wurde später Referent für den Breitensport.

Sandra Möller war die letzte Spitzenathletin aus Lüdenscheid

Peter Brensing hat den Weg seiner beiden Leichtathletik-Freunde aus der Ferne verfolgt. Er denkt gerne an die Tage am Nattenberg zurück, als sich die jungen Athleten des TV Friesen Woche für Woche trafen und gemeinsam trainierten. Daran, welch große Sportler dabei waren in dieser Zeit. „Erfolgreich und sympathisch“, sagt Brensing und es klingt auch ein wenig Wehmut mit. Die Leichtathletik hat nicht mehr den Stellenwert in Lüdenscheid, den sie einmal gehabt hat. Athleten, die es zu Olympischen Spielen schaffen in dieser Sportart, sind nicht mehr in Sicht. Die Sprinterin Sandra Möller war die letzte Leichtathletin, die es aus der Bergstadt zu internationalen Wettkämpfen schaffte – ihr Staffel-Start bei den Weltmeisterschaften in Paris liegt aber nun auch schon 18 Jahre zurück.

Nach Tokio wird Peter Brensing trotzdem schauen. Keine Zuschauer im Stadion, dafür viele vor dem TV. Alles ist anders als vor 57 Jahren. Auch die Herkunft der 400-Meter-Spezialisten. Die Einzelstarter heißen Marvin Schlegel und Corinna Schwab, sie kommen aus Chemnitz. Lüdenscheid spielt diesmal in Tokio keine Rolle mehr...

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