Fußball

Nuri Sahin: „Diese wundervolle Geschichte ist noch nicht zu Ende“

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Gedankenaustausch über die Zukunft ihres Vereins: Die RSV-Macher Nuri Sahin (links) und Dirk Rebein im Gespräch.

Meinerzhagen - Der RSV Meinerzhagen sorgt in der Fußball-Oberliga für Furore. Vor dem Rückrundenstart standen Macher Nuri Sahin und Vereinsvorsitzender Dirk Rebein Frage und Antwort.

Der RSV Meinerzhagen schwimmt weiter auf der Erfolgswelle, ist nach mittlerweile drei Aufstiegen in Folge auch in der Fußball-Oberliga eine Spitzenmannschaft und klopft sogar ans Tor zur Regionalliga: Für die am nächsten Wochenende beginnende Rückrunde zeichnet sich ein Dreikampf zwischen den Volmestädtern, dem SC Wiedenbrück und Rot-Weiß Ahlen um die beiden Aufstiegsplätze ab. Im Gespräch mit Sportredakteur Thomas Busch äußern sich Nuri Sahin, Macher und Motor der 1. Mannschaft, und Vereinsvorsitzender Dirk Rebein zur Strahlkraft des Projekts RSV für die Region, den weiteren Perspektiven und die Voraussetzungen, die für eine Fortsetzung der Erfolgsstory gegeben sein müssen. 

In acht Tagen beginnt für den RSV Meinerzhagen die zweite Saisonhälfte in der Oberliga. Wie gut ist die Mannschaft gerüstet? 

Nuri Sahin: Wir hatten in den vergangenen Jahren in der Wintervorbereitung ja immer das Pech, dass das Wetter nicht mitgespielt hat – das ist diesmal zum Glück anders gewesen. Die vielen Testspiele gegen überwiegend stärkere Gegner, sprich: gegen Regionalligisten, haben wir ganz bewusst vereinbart, damit sich die Jungs im Wettkampfmodus testen können. Es ist alles ganz gut gelaufen: Wir haben kaum Verletzte, vielmehr sind verletzte Spieler zurückgekommen oder kommen zurück. Ich denke, dass wir für die Rückrunde gut aufgestellt sind. 

Der RSV ist Tabellenzweiter, überwintert also auf einem der beiden Aufstiegsplätze. Da wird die Regionalliga ja schon nahezu zwangsläufig zum Thema – wie konkret befasst man sich im Verein mit einem möglichen Aufstieg in die 4. Liga? 

Dirk Rebein: Für die Regionalliga gibt es einen 34 Punkte umfassenden Vorgabenkatalog des Westdeutschen Fußballverbandes. Diesen arbeiten wir gerade ab. Es ist nicht so, dass da alle Punkte komplett erfüllt sein müssen. Aber vor allem in puncto Sicherheit gibt es ein paar wichtige Dinge, die definitiv passen müssen – zum Beispiel muss eine räumliche und durch entsprechende Abzäunung auch bauliche Trennung der Fanlager erfolgen. Der Antrag für die Regionalliga muss bis zum 31. März beim Verband gestellt werden, und darauf bereiten wir uns gerade vor. 

Die Regionalliga ist gewissermaßen die „Schwellenliga“ zum Profifußball und gilt wegen der im Vergleich zur Oberliga deutlich höheren Fixkosten gerade für kleinere Vereine als schwierig. Wäre die 4. Liga für den RSV überhaupt dauerhaft machbar? 

Nuri Sahin: Hier geht es ja nicht allein um den Verein RSV Meinerzhagen, sondern um das Gesamtpaket. Wir würden es dem RSV und der Region niemals antun, ein oder zwei Jahre in der Regionalliga zu spielen und dann die weiße Flagge zu hissen. Deshalb benötigen wir ein noch stärkeres Zusammenspiel zwischen den Sponsoren, dem Verein und der Stadt. Zu diesem Zusammenspiel gehören alle – nicht zuletzt auch die Fans. Ich glaube, dass wir den Leuten, die uns unterstützen, im Gegenzug einiges anbieten können, was sehr attraktiv ist. Hier wird sehr ehrlicher und sehr erfolgreicher Fußball gespielt, und es ist einfach toll zu sehen, welche Dynamik die ganze Sache genommen hat und auf welcher Welle wir gerade unterwegs sind. Es wäre sehr, sehr schön, wenn wir diese Geschichte auch auf Dauer weiterschreiben könnten!
Dirk Rebein: Ich denke, dass der RSV Meinerzhagen gerade in den letzten anderthalb Jahren immer mehr zu einem Werbeträger für Meinerzhagen und die Region Südwestfalen geworden ist. Und von einem höheren Bekanntheitsgrad kann nicht zuletzt auch die Industrie profitieren – nämlich dann, wenn im nächsten Schritt über regionale Grenzen hinaus publik wird, dass hier nicht nur guter Fußball gespielt wird, sondern es in einer landschaftlich obendrein sehr reizvollen Umgebung auch sichere Arbeitsplätze in großen Unternehmen gibt. Da und darüber hinaus sind sicherlich zahlreiche Synergieeffekte möglich, wobei es unser Ziel ist, weitere potenzielle Sponsoren von einer Zusammenarbeit mit dem RSV und deren Nutzen zu überzeugen. Beispielsweise können wir unseren Unterstützern ein interessantes Netzwerk anbieten, das wir ganz bewusst fördern möchten. Nachhaltigkeit zu schaffen, ist also das, worum es jetzt geht. 

Sie haben ja schon beim Aufstieg in die Oberliga betont, dass das Projekt RSV Meinerzhagen kein Kartenhaus sein dürfe, das irgendwann einfach in sich zusammenfällt...

Nuri Sahin: Die Nachhaltigkeit ist für mich das Wichtigste. Dafür benötigen wir noch mehr vom bereits angesprochenen Zusammenspiel. Ich bin überzeugt davon, dass jeder Sponsor von einer Partnerschaft mit dem RSV profitieren kann. Denn das mediale Interesse steigt immer mehr – Dirk hat nahezu jede Woche einige TV- und weitere Medien-Anfragen auf dem Tisch – und wird im Fall eines Aufstiegs nochmals deutlich steigen. Wir werden gegen Traditionsvereine wie Alemannia Aachen, Rot-Weiß Oberhausen, sehr wahrscheinlich Rot-Weiß Essen und gegen Borussia Dortmund II spielen. Wir werden NRW-weit Städte anreisen, in denen das Interesse einfach groß ist, bzw. Gäste von dort hier empfangen. Man muss sich vorstellen: Wir werden dann nicht mehr vor 500, 600 Zuschauern, sondern vielleicht in Essen vor 10 000 bis 15 000 spielen... Das kann zu einer echten Win-Win-Situation werden, denn davon profitieren längst nicht nur wir, sondern alle. Wenn wir alle zusammenhalten, wenn alle mit anpacken, können wir hier etwas wirklich Nachhaltiges, für Meinerzhagen und die Region vielleicht sogar Einzigartiges schaffen. Eines dürfen wir aber natürlich nicht vergessen: Noch sind wir nicht aufgestiegen. 


Unabhängig von der Spielklasse, in der man ab dem Sommer kicken wird, plant der Verein umfangreiche Baumaßnahmen im Stadion an der Oststraße. Was soll konkret gemacht werden, und wie ist der Stand der Dinge?

Dirk Rebein: Die eingereichten Pläne sehen eine überdachte, 48 Meter lange Tribüne und eine Erweiterung und Modernisierung des Vereinsheims vor. Der Bauantrag ist gestellt, wir warten jetzt auf die Genehmigung durch den Märkischen Kreis, die möglicherweise im Februar erfolgen könnte. Wenn wir grünes Licht haben, werden wir schnellstmöglich loslegen, damit wir für den Startschuss zur eventuellen Regionalliga-Saison 2020/21 gewappnet sind. 

Zurück zum sportlichen Teil: Sollte der Sprung in die Regionalliga gelingen, wäre das der vierte Aufstieg in vier Jahren. Ist diese Entwicklung nicht etwas zu rasant?

Nuri Sahin: Ich werde mich niemals dafür entschuldigen, dass wir sportlich erfolgreich waren bzw. sind. Doch obwohl es schon unser Ziel war, irgendwann in die Westfalenliga, in die Oberliga aufzusteigen, ging die sportliche Entwicklung für einen kleinen Verein wie unseren vielleicht wirklich etwas zu schnell. So ehrlich muss man schon sein. Aber jeder, der sich sportlich misst, will gewinnen, und bei uns hat fast von Anfang an sehr viel zusammengepasst. Der Vorstand um Dirk Rebein hat meinem Trainerteam und mir vom ersten Tag an komplett vertraut, und dieses Vertrauen wollten wir einfach zurückzahlen. Vor den Spielern wiederum ziehe ich wirklich jeden Hut, den ich habe. Egal, ob sie jetzt noch bei uns sind oder früher hier gespielt haben – sie haben das Projekt RSV Meinerzhagen voll angenommen und es zu 100 Prozent durchgezogen. 

Wie zufrieden sind Sie mit der Zuschauerentwicklung? Rechnet man die Westfalenpokalspiele ein, liegt der Besucherschnitt in dieser Saison bei knapp über 600 – das ist Oberliga-Spitzenwert. Außerdem entwickelt sich seit dem vergangenen Frühjahr sogar eine Fanszene.

Nuri Sahin: Als wir im Sommer 2015 angefangen haben, schlug uns Skepsis entgegen – verständlicherweise. Ich habe damals gesagt: Wir müssen in Vorleistung treten, und die Leute werden nachziehen, wenn sie sehen, dass wir ehrliche Arbeit leisten. Wir können niemanden zwingen, ins Stadion zu kommen. Aber wir haben von Anfang an gesagt, dass wir für attraktiven Fußball stehen möchten, dass wir als Verein wieder interessanter werden wollen. Das ist uns gelungen, und das wird honoriert. Für mich persönlich hat sich beim Westfalenpokal-Viertelfinalspiel in Wiedenbrück sehr viel erfüllt, als ich gesehen habe, wie die Jungs nach dem Spiel von unseren Fans gefeiert wurden (beim 2:0-Sieg des RSV sorgten mehr als 200 mitgereiste Meinerzhagener für Heimspielatmosphäre, Anm. d. Red.). Ich habe wirklich viel erlebt in meiner Karriere, aber das war für mich schon ein besonderer emotionaler Moment – ich hoffe und wünsche mir, dass wir noch weitere große Momente erleben können. Momente, in denen man dann merkt, wofür wir alle – unser Trainer- und Funktionsteam, unser Vorstand – so unglaublich viel Zeit investiert haben. 

Beim Oberliga-Aufstieg im Mai 2019 haben Sie gesagt: „Ich sehe unsere Grenze noch nicht.“ Kommt die nun so langsam in Sicht?

Nuri Sahin: Gemeint war damit die sportliche Grenze, und die haben wir meiner Meinung nach immer noch nicht erreicht. Diese wundervolle Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Damit meine ich nicht nur die 1. Mannschaft – wir müssen auch im Jugendbereich wieder interessant sein. Aber das ist keine One-Man-Show und darf es auch nicht sein – es muss auf breite Schultern verteilt sein, und jetzt liegt es an uns allen, ob die Geschichte, die wir gemeinsam geschrieben haben, weitergeht. Wenn alles passt, wenn alle mit anpacken, bin ich dabei und gehe weiterhin voran!

In Meinerzhagen fest verwurzelt

Das Engagement von Nuri Sahin für den RSV Meinerzhagen sucht fraglos seinesgleichen. Oft sei er nach seinen Beweggründen dafür gefragt worden, sagt der 31-Jährige. Die Antwort darauf zeugt von großer Bodenständigkeit: „Das ist meine Heimat, meine Familie lebt in Meinerzhagen, und auch ich komme von dort. Ich habe diesem Verein und dieser Stadt einfach viel zu verdanken.“ Sahins Laufbahn als Fußball-Profi – 2001 war er aus Meinerzhagen zum Nachwuchs von Borussia Dortmund gewechselt – begann im Sommer 2005 beim BVB, führte ihn unter anderem für ein Jahr zu Real Madrid und vor anderthalb Jahren schließlich zu seinem aktuellen Klub SV Werder Bremen. Im Frühsommer 2015 nahm sich der 52-fache türkische Nationalspieler zusätzlich der Geschicke der 1. Mannschaft seines Stammvereins RSV Meinerzhagen an, die gerade mit Mühe und Not dem Abstieg in die Kreisliga A entronnen war. Der Rest ist Geschichte: Viereinhalb Jahre später kämpfen die Volmestädter um den Regionalliga-Aufstieg und stehen obendrein im Halbfinale des Westfalenpokalwettbewerbs. Genauso wie Nuri Sahin ist auch RSV-Vorsitzender Dirk Rebein in Meinerzhagen aufgewachsen und hat beim RSV einst das Fußballspielen erlernt. Für seinen Heimatklub spielte der heute 51-jährige Verteidiger auch im Seniorenbereich, trug darüber hinaus zudem das Trikot der Sportfreunde Dünschede und des VfL Gummersbach. Rebein ist zweifacher Familienvater, arbeitet als Fertigungsleiter eines mittelständischen Meinerzhagener Unternehmens und steht dem RSV seit nunmehr fast vier Jahren vor. Im Mai 2016 rückte er vom 2. zum 1. Vorsitzenden auf.

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