„Hatten keine richtige Mannschaft“

Nach Abstieg des VfB Altena: Interview mit Vereinsboss Klaus Westerwell

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Nach der 1:4-Niederlage im Entscheidungsspiel gegen den SC Lüdenscheid II steht der VfB vor einem sportlichen Neuaufbau.

Altena - Abstieg in die Fußball-Kreisliga B, „Ermittlungen“ wegen des Einsatzes von Pyrotechnik durch VfB-Anhänger im Entscheidungsspiel am Dickenberg und die Frage, wie es sportlich weitergehen wird beim VfB Altena: Über diese Themen sprach Sportredakteur Lars Schäfer mit Klaus Westerwell, dem Vorsitzenden des VfB Altena.

Herr Westerwell, wie geht es Ihnen wenige Tage nach dem Abstieg des VfB Altena in die B-Liga? 

Westerwell: Ich habe sehr unruhig geschlafen – vor dem Spiel wegen der Aufregung, danach wegen der Enttäuschung. Jetzt sind zwei Tage vergangen, und ich glaube, soweit haben wir uns jetzt alle gefangen, dass wir jetzt wieder mit normalem Sachverstand an die Dinge herangehen können, die vor uns liegen. 

Nach dem sportlichen Fiasko stellt sich freilich auch die Trainerfrage. Wird Robert Krumbholz den VfB auch in der kommenden Serie trainieren? 

Westerwell: Wir hatten am Dienstag eine Vorstandssitzung, aber über Personalien, und mit wem wir einen Neustart machen, haben wir letztlich noch nicht endgültig beschlossen. Das ist ergebnisoffen. 

Der Live-Ticker zum Entscheidungsspiel zum Nachlesen

Das Entscheidungsspiel am Sonntag am Dickenberg war das wichtigste Spiel für den VfB in der jüngeren Vereinsgeschichte. Am Tag zuvor haben drei Spieler, die am Sonntag in der Startelf der „Ersten“ standen, mit den VfB-Altherren gegen die „Oldies“der Amateure von Borussia Dortmund gekickt. Halten Sie das für normal und in irgendeiner Form noch für vertretbar? 

Viel Arbeit nach dem bitteren Abstieg aus der A-Liga: VfB-Vorsitzender Klaus Westerwell

Westerwell: Das Spiel der Alten Herren gegen Borussia Dortmund Alte Herren habe ich mir in der zweiten Halbzeit noch selber angeschaut. Dass dort Altherren-Spieler, die auch bei uns noch in der ersten Mannschaft ausgeholfen haben, gespielt haben, kann ich verstehen. Ob sie die ganze Zeit hätten spielen müssen, daran habe ich meine großen Zweifel. Aber das sind individuelle Leute, die für sich auch eine Entscheidung treffen müssen, was wichtig oder unwichtig ist. 

Weil am Sonntag durch VfB-Anhänger Pyrotechnik gezündet wurde, drohen Ihrem Verein nun Sanktionen. Was ist in diesem Fall Stand der Dinge? 

Westerwell: Auch das war zugegebenermaßen ein Thema unserer Vorstandssitzung. Dass wir das nicht gutheißen, steht, glaube ich, außer Frage. Allerdings muss ich auch dazusagen: Der Veranstalter hatte ja auch im Vorfeld schon verstärkte Kontrollen angekündigt. Dass da Pyrotechnik durchgekommen ist, ist in letzter Konsequenz nicht unser Verschulden. Gutheißen kann ich es aber nicht. Und ich will auch nicht abreden, dass das unsere Fans waren.

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Sie wussten, dass es nach dem personellen Umbruch im Sommer 2016 eine schwierige Saison werden würde. Warum hat es aus Ihrer Sicht nicht für den Klassenerhalt gereicht? 

Westerwell: Wir hatten nach den zugegebenermaßen sehr späten Entscheidungen, die der damalige Trainer (Fitim Zejnullahu, Anm. d. Red.) dem Vorstand dann mitgeteilt hat, keine Zeit mehr. Dass der Vorstand das zugelassen hat, dafür übernehmen wir die Verantwortung. Der Wechseltermin 30. Juni war nur noch vier Wochen hin. Die meisten guten Spieler hatten schon Zusagen bei anderen Vereinen gemacht. Uns haben im Zuge des Abgangs des damaligen Trainers dann zehn Leute verlassen, die alle Stammspieler von uns waren. Sechs davon hatten vorher (beim VfB, Anm. d. Red.) eine Zusage gemacht, die sie dann aber nicht eingehalten haben. So standen wir vor einer schier unlösbaren Aufgabe, kompetente Spieler, die nicht mehr frei auf dem Markt waren, zu bekommen. Und das war an und für sich der Beginn vom Ende. Das heißt: Wir haben die gesamte Saison über nur einen Flickenteppich gehabt. Wir hatten keine richtige Mannschaft. Wir haben vielfach nach der Hinrunde wiederum Leute austauschen müssen, die gar nicht ins Konzept passten. Die auch fußballerisch nicht passten von ihrem Leistungsvermögen. Also insgesamt ist es uns, dem VfB Altena, mit einem engagierten Robert Krumbholz, der immer versucht hat, noch das Möglichste zu tun, nicht gelungen, eine stabile Mannschaft aufzubauen. Und das Endergebnis kennen wir. 

Von den zehn Neuzugängen, die der VfB vor der Saison geholt hat, waren sieben Spieler große Flops. Und bis auf Lukas Rathmann haben auch die Nachverpflichtungen in der Winterpause nicht gezündet. Wer trägt die Verantwortung für diese personellen Fehlentscheidungen? 

Westerwell: Gemeinsam haben wir vor der Winterpause versucht, insgesamt sieben Spieler zu uns zu holen, die auch zum Großteil bereit gewesen wären. (....) In der Winterpause aber ist es ein freier Markt, jeder Verein kann eine Ablösesumme bestimmen. (...) Aufgrund der Konditionen war es uns überhaupt nicht möglich, die Spieler zu bekommen. Die Forderungen der anderen Vereine waren so hoch, dass wir sie nicht hätten erfüllen können. Somit blieb es dann bei den drei Leuten, die wir von Nachrodt geholt haben. Mehr war aufgrund der finanziellen Forderungen damals auch gar nicht für uns stemmbar. Ob da jetzt eine Verantwortung von einer individuellen Person oder Personengruppe zu tragen ist, das weiß ich nicht. Bemüht hat man sich. Wenn andere Bedingungen dagegen sprechen, hat man halt keine Chance. 

Kreisliga  A-Relegationspiel: VfB Altena - SC Lüdenscheid II 1:4

Sie sprechen die finanzielle Seite schon an: Ende April haben Sie und Ihr Vorstandsteam im Rahmen der Jahreshauptversammlung verkündet, dass es gelungen sei, die hohen Belastungen, vor denen der Verein noch vor zehn Jahren gestanden habe, um 75 Prozent zu reduzieren. Beim VfB Altena geht es wirtschaftlich also bergauf, sportlich aber wurde der Tiefpunkt erreicht. In welchem Zusammenhang sehen Sie Wirtschaftlichkeit und den sportlichen Misserfolg? 

Westerwell: Natürlich hängen die in einem direkten Zusammenhang – wenn auch nicht ausschließlich. Ich muss aber auch sagen: Wenn wir die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht positioniert bekommen hätten, in der Form, wie wir es jetzt zumindest zwischenzeitlich erreicht haben, hätte der VfB Altena schon vor acht Jahren aufgehört zu existieren. 

Weil? 

Westerwell: Weil wir ganz einfach unseren finanziellen Verpflichtungen damals nicht hätten nachkommen können. Das heißt: Letztendlich hätten wir aufgeben müssen.

Also ist der Abstieg in die B-Liga aus Ihrer Sicht letztendlich auch eine Konsequenz aus der Misswirtschaft vor 15 bis 20 Jahren? 

Westerwell: Nein. Das war keine Misswirtschaft, so würde ich das nicht ausdrücken. Damals gab es sportliche Ziele und Rahmenbedingungen, die diese sportlichen Ziele zumindest oberflächlich gesehen auch rechtfertigten. Man spielte in der Landesliga, das ist ja auch schon etwas. Man hatte sehr gute Besuchereinnahmen und, und, und. Das einzige, was man halt nicht richtig eingeschätzt hatte, war: Wenn ein Erfolg nicht mehr da sein sollte, wie schnell dann so ein Verein auch an seine finanziellen Grenzen kommen kann. (...) 

Sie haben in der Versammlung Ende April auch gesagt, dass es im Falle eines Abstiegs einen Plan B geben würde. Wie sieht dieser Plan aus? 

Westerwell: Plan B heißt schlicht und ergreifend das, was wir auch in den früheren Jahren mit Erfolg gemacht haben – wieder auf eigene Kräfte zu setzen. Und in letzter Konsequenz einen Neuanfang mit dem Schwerpunkt eigene Jugend. Dieser Schwerpunkt ist auch Gegenstand unser Besprechung am Dienstag gewesen. Wir werden uns jetzt zeitnah mit den Verantwortlichen der A-Jugend, mit dem Vorstand der Jugend hinsetzen und konsequent und konkret besprechen, wie wir ein Konzept erstellen für die Zukunft, dass aus den Reihen unserer eigenen Jugend der Hauptanteil der beim VfB in erster und zweiter Mannschaft spielenden Spieler rekrutiert wird. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Wir haben eine gute Jugendarbeit, die sehr stabil über viele, viele Jahre funktioniert hat und auch funktionieren wird. Ralf Willschütz ist mit seinen Trainerkollegen innerhalb der verschiedenen Jugendmannschaften bereit, mit uns genau diesen Weg zu gehen. Die Gespräche dazu werden wir zeitnah angehen. (...) 

Denken Sie, dass in der kommenden Saison der direkte Wiederaufstieg gelingen kann? 

Westerwell: Wenn ich nicht daran glauben würde, dann würde ich diese ganzen Gespräche, die seit Sonntag vor mir gelegen haben und noch vor mir liegen, nicht führen. Wir sind innerhalb des Vorstandes Willens, eine tatkräftige Truppe aufzustellen. Aber wie schon gesagt: Über Personalien im Konkreten gibt es noch keine abschließende Entscheidung. Wir sind aber dabei und versuchen eine Mannschaft aufzustellen, die in der Kreisliga B das Potenzial hat, sowohl ein paar Zuschauer anzulocken als auch die Option offen hält, wieder aufzusteigen. Es wird in jedem Fall eine Menge Arbeit.

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