Dortmunder Schachtage

Mit zwei Ex-Weltmeistern und einem neuen Ansatz zurück in die Zukunft

Junge Schachspielerinnen am Brett
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Remischance ausgelassen: Gegen Michelle Trunz (links) ging die Plettenbergerin Linda Becker unnötig leer aus. Dafür feierte die 15-Jährige bei den Dortmunder Schachtagen aber auch schon zwei Siegpartien und holte gegen Topspielerin Melanie Müdder ein Remis.

Bei den Dortmunder Schachtagen spielt die Basis in dieser Woche Online-Schach, die Topspieler treffen sich in der Westfalenhalle - auch die Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik und Viswanathan Anand. Und beim Nachwuchs Linda Becker aus Plettenberg.

Dortmund – Die Geschichte der 48. Dortmunder Schachtage, die seit dem Wochenende laufen, beginnt eigentlich bereits im Jahr 2019. Sie beginnt mit Carsten Hensel, dem Dortmunder, der nach seiner Zeit als Pressesprecher der Stadt Dortmund sieben Jahre lang Manager des Schach-Weltmeisters Vladimir Kramnik gewesen ist. Nun trägt er den Titel Veranstaltungsleiter der Schachtage. Hensel, der zwei WM-Kämpfe an entscheidender Stelle mitgeprägt hatte, war es, der in Dortmund etwas ändern wollte, der etwas angestoßen hat vor zwei Jahren.

Die Geschichte führt weiter in den Märkischen Kreis zum Rechtsanwalt und Vereinsvorsitzenden des SV Hemer, Andreas Jagodzinsky, der 2019 im Deutschen Schachbund Referent für den Leistungssport war und mithin ein Vertrauter der deutschen Topspieler. Jagodzinsky ist nun Turnierdirektor in Dortmund. Eigentlich sollte er es erstmals 2020 sein, aber da sind die Schachtage aufgrund der Corona-Pandemie komplett ausgefallen.

„Ja, sicherlich ging es auch um meine guten Kontakte zu den besten deutschen Spielern“, sagt Jagodzinsky, „vor allem aber ging es darum, dass es an der Zeit war, in Dortmund etwas zu ändern. Wir wollten zurück zu einem echten Schachfestival. Mit vielen Spielern an einem Ort, unter einem Dach. Deshalb zurück in die Westfalenhalle. Dafür hat die Initiative Pro-Schach gekämpft.“

Mit zwei Ex-Weltmeistern und einem neuen Ansatz zurück in die Zukunft

Das neue Konzept in Zeiten, in denen in Dortmund das Geld reicht, um Topgroßmeister zu holen, aber eben nicht mehr die absoluten Topspieler wie zu Zeiten Kramniks, als dieser Weltmeister war und Dortmund sein „Wohnzimmer“ – dieses neue Konzept sollte andere Schwerpunkte setzen. Mehr junge deutsche Topleute wie in diesem Jahr die größte deutsche Schachhoffnung Vincent Keymer im Kampf gegen starke Spieler aus dem Ausland. Topturniere für den Nachwuchs, so wie es nun mit dem Sportland-NRW-Cup und dem Sportland-NRW-Mädchen-Cup (u.a. mit der Plettenbergerin Linda Becker) auch in dieser Woche trefflich gelingt.

Dazu ein Hingucker. Ein Alleinstellungsmerkmal. Damit gelangt man zu den NC World Masters, dem ersten Turnier auf Weltklasseniveau im No-Castling-Chess, also im Schachspiel, in dem alle Regeln gelten, in dem nur das Rochieren untersagt ist. In dieser Spielart messen sich 13 Jahre nach dem in Deutschland legendären WM-Kampf in Bonn nun Vladimir Kramnik und Viswanathan Anand, der 14. und der 15. Weltmeister der Schach-Geschichte. Ein bisschen Retro, ein bisschen futuristisch, auf jeden Fall etwas für Schach-Romantiker.

Der 14. gegen den 15. Weltmeister der Geschichte: Vladimir Kramnik verlor am Mittwoch in der Westfalenhalle die erste Partie im No-Castling-Chess gegen den Inder Viswanathan Anand (rechts). Andreas Jagodzinsky (hinten Mitte) eröffnete den Kampf.

„Schach ohne Rochaden – das ist ein Ansatz, um das Schachspiel wieder attraktiver zu machen“, erklärt der Internationale Meister Patrick Zelbel. Der Dortmunder ist Pressesprecher der Schachtage und analysiert im Pressezentrum die Partien. Zelbel steht für die junge Generation, hat im Internet bei seinen Schachvideos viele Follower. Er ist nicht nur ein guter Schachspieler, sondern auch ein guter Schach-Präsentator, führt auch Dortmund in der Zeit von Online-Boom und fehlenden Zuschauern im Turniersaal in eine neue Zeit. Auch die Schachtage präsentieren ihre Highlights nun auf einen YouTube-Kanal. Nicht nur die Meister, auch der Nachwuchs, so am Mittwoch die rumänische Frauen-Meisterin Alessia Ciolacu. Die 16-Jährige spielt für den SV Hemer und wohnt in der Turnierwoche bei Familie Becker in Plettenberg. Am Mittwoch darf sie via YouTube nach Hause grüßen und ihre feine Siegpartie gegen GM Mihael Saltaev, den Turnierfavoriten, präsentieren.

Doch zurück zum No-Castling-Schach. „Viele Partien auf Großmeisterniveau enden Remis. Man tauscht seine Eröffnungsvorbereitung aus und einigt sich friedlich“, sagt Zelbel und beschreibt die Misere des Schachs der Neuzeit. Vieles ist ausanalysiert mit Computerhilfe. „Ohne Rochaden geht es nun nicht so sehr ums Eröffnungswissen. Es entstehen ganz andere Strukturen. Es geht mehr um Intuition, um das reine Schachspiel“, erklärt Zelbel.

Kramnik, der 14. Weltmeister der Geschichte und in seiner Spätphase auf absoluten Topniveau auch ein Meister des Remis (Spitzname: „Drawnik“), hat sich nach seinem Rückzug vom Turnierschach für derlei interessiert. Wie könnte man Schach attraktive Wendungen geben? Er ist mit DeepMind dieser Frage nachgegangen. Auch die Idee, Bauern nur noch ein Feld nach vorne ziehen zu lassen und so die Strukturen zu verändern, war zum Beispiel eine denkbare Variante gewesen. Am Ende aber kam man beim No-Castling-Chess heraus. Es ist dem bekannten Schach am ähnlichsten – und ändert doch alles.

DeepMind-Chef Demis Hassabis schaut aus London zu

DeepMind ist das führende Unternehmen im Bereich der Programmierung von Künstlicher Intelligenz (KI). Sein Chef Demis Hassabis, der das Unternehmen 2014 vier Jahre nach dessen Gründung für 400 Millionen US-Dollar an Google verkauft hat und nun unter der Google-Fahne weiter auf der Erfolgswelle segelt, ist selbst Schachspieler. Sein DeepMind-Programm AlphaGo hat den Go-Weltmeister zur Strecke gebracht. Die Fachwelt wertete es als Beweis der Dominanz Künstlicher Intelligenz in strategischen Spielen. Das Schachprogramm AlphaZero von DeepMind analysiert nun gemeinsam mit Kramnik und Anand den Kampf in Dortmund. Hassabis schaut aus London, der DeepMind-Zentrale, zu. Vielleicht wäre er auch vor Ort, wäre da nicht die Pandemie mit all ihren Beschränkungen.

Kasimjanov gibt auf, weil ihn das Tropfen des Wasser stört

„Jetzt haben wir unser Watergate“, sagt ein Beobachter am Mittwoch im Analyseraum der Schachtage und schmunzelt. Andere finden es nicht so komisch. Beim Deutschland-Grand-Prix, dem Großmeisterturnier der Schachtage, hat gerade der Usbeke Rustam Kasimjanov seine Partie Vincent Keymer aufgegeben, weil er sich vom Tropfen des Wassers an einer Notausgangtür beim Denken gestört gefühlt hat. Das Unwetter über NRW – es klopft bei den Schachtagen „nur“ ganz leicht in Form dieses Lecks an der Tür zum Kongress-Saal an. Die Organisatoren bekommen den Wasserfluss mit Eimern und Decken in den Griff. Für Kasimjanov aber ist das zu wenig...

Aus England sollte eigentlich auch fürs Großmeisterturnier, das in diesem Jahr in Dortmund unter dem Namen Deutschland-Grand-Prix firmiert, Luke McShane anreisen. Er wäre der Topspieler des Turniers gewesen. Doch dann stiegen die Zahlen in England wieder. McShane hätte in Quarantäne gemusst. Er ist auf der Insel geblieben. Dazu kam den Veranstaltern die kurzfristige Turnierplanung im Corona-Jahr in die Quere. Der Termin für den World-Cup in Sotschi wurde spät festgelegt – so fällt das Topturnier nun mit Dortmund zusammen. Die deutschen Topspieler Matthias Blübaum und Rasmus Svane spielen nun in Sotschi statt in Dortmund. Nachgerückt sind Andreas Heimann und Dmitrij Kollars.

Und so schaut Andreas Jagodzinsky am Mittwoch im Kongresscentrum der Westfalenhalle nun 32 Schachspielerinnen und Schachspielern zu. Nur 32. Die Open-Turniere sind pandemie-bedingt ins Internet gewandert, 316 Teilnehmer in drei Vorrunden im No-Castling-Chess auf dem Portal lichess.org waren es, ein guter Wert. Der Plettenberger Marc Schulze hat es wie auch der bis zuletzt fürs MSHS-Bundesliga-Jugendteam aktive Jean-Pierre Fuß in die Endrunde geschafft, wird am Samstag ab 14 Uhr gegen die Topspieler im NC-Schach antreten (live auf dem YouTube-Kanal des Turniers). Aber eben „nur“ im Internet, Schulze aus dem Urlaub auf Mallorca, nicht in der Westfalenhalle. Dortmund ist noch kein Treffpunkt für so viele Schach-Enthusiasten wie es einmal war.

Wir sind auf Nummer sicher gegangen. Vielleicht könnten wir aktuell sogar ein Open mit 200 Teilnehmern spielen, aber das war ja lange gar nicht absehbar. Ich hoffe nur so sehr, dass das dies 2022 wieder möglich sein wird. Ich hoffe, dass wir dann endlich wieder das große Schachfestival bekommen, das wir uns vorstellen.

Andreas Jagodzinsky (Turnierdirektor in Dortmund)

„Wir sind auf Nummer sicher gegangen“, sagt der Andreas Jagodzinsky, „vielleicht könnten wir aktuell sogar ein Open mit 200 Teilnehmern spielen, aber das war ja lange gar nicht absehbar. Ich hoffe nur so sehr, dass das dies 2022 wieder möglich sein wird. Ich hoffe, dass wir dann endlich wieder das große Schachfestival bekommen, das wir uns vorstellen.“

2022 – das wird dann genau 30 Jahre nach dem Auftritt von Garri Kasparov in der Westfalenhalle sein. Das Turnier in Dortmund war damals das stärkste Supergroßmeisterturnier, das je auf deutschen Boden stattgefunden hatte. Ein Großevent in der großen Eventstätte. Kasparov gewann es, natürlich.

Von der Westfalenhalle in Theater und weiter ins Orchesterzentrum NRW

Später zogen die Schachtage ins Theater am Wallring und für die Open ins Rathaus weiter. Auch das hatte seinen Reiz. Noch später ins schicke und moderne Orchesterzentrum NRW und für die Open ins gar nicht so schicke und gar nicht moderne Fritz-Henssler-Haus. Gerade diese Open-Lösung war es, fernab von einem schönen Ambiente und zudem räumlich getrennt vom Großmeisterturnier, die die Initiative Pro-Schach auf den Plan rief. Die den Ruf nach Veränderung laut werden ließ.

Die 48. Dortmunder Schachtage, die noch bis zum Sonntag laufen, dürfen als Aufbruch zu neuen Ufern in der Historie des Turniers einen Platz finden. Angekommen aber ist man noch lange nicht. Die Pandemie hat ein steriles, kleines Pflänzchen übrig gelassen, das wachsen muss, wenn die Zeit von Abstandsregeln, Masken und Quarantänezeiten vorbei sein wird. Das nicht nur Internet-Event, sondern Analog-Event werden will. Vielleicht schon 2022. Nicht nur Andreas Jagodzinsky würde das von Herzen freuen.

Linda Becker schon mit zwei Siegpartien in Dortmund

Vor ein paar Wochen ist die 15-jährige Linda Becker bei ihrem Analog-Schach-Comebeck Deutsche Vizemeisterin mit der U14-Mädchen-Mannschaft der SG Porz geworden. Der Sportland-NRW-Mädchen-Cup mit neun Partien gegen Topnachwuchskräfte ist nun der ideale Härtetest für die U16-NRW-Einzelmeisterschaft der Mädchen, bei der sich Becker in der nächsten Woche in Kranenburg für die Deutschen Einzelmeisterschaften qualifizieren will. In Dortmund startete die für den SV Hemer aktive Becker mit einem Sieg gegen Tamila Trunz, verlor dann dreimal in Folge, um dann erst gegen die topgesetzte Melanie Müdder (Solingen) ein Remis zu erkämpfen und danach Amina Fock (Berlin) zu besiegen. Mit 2,5 Punkten aus sechs Partien darf sich die Zwischenbilanz somit durchaus sehen lassen. 

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