Fußball

Michael Dregger: „Als Vereinsvorstand ist man ein Puppenspieler“

Fußballer jubeln nach dem Spiel
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Michael Dregger nach dem Auswärtssieg in Attendorn mit Landesliga-Coach Bayram Celik – die Maske natürlich mit dem RWL-Emblem.

Silberjubiläum für Michael Dregger im Vorstand von Rot-Weiß Lüdenscheid. Im April 1997 nahm der Vorstandssprecher an seiner ersten Vorstandssitzung teil, damals als 2. Geschäftsführer. Ein Rückblick.

Lüdenscheid – 25 Jahre ist sie her, die erste Vorstandssitzung, an der Michael Dregger bei Rot-Weiß Lüdenscheid teilnahm – seinerzeit als 2. Geschäftsführer.

Ein Jahr später übernahm Dregger, der am 1. April 52 Jahre alt geworden ist, die Fußballabteilung und den Posten des Schatzmeisters. Als Mangelverwalter eines einst ruhmreichen Zweitligisten, der auf einmal die Schuldentilgung als erste Aufgabe definieren musste.

Sportlich ging es bergab bis in die Bezirksliga, doch inzwischen ist der Nattenberg-Klub wieder schuldenfrei, hat einen florierenden Nachwuchs und ein gut aufgestelltes Landesliga-Team.

Die Bilanz zu Dreggers Silberjubiläum im Vorstand fällt positiv aus. Im Gespräch mit Sportredakteur Thomas Machatzke schaut das Geburtstagskind zurück.

25 Jahre Vorstand bei Rot-Weiß. Gehen wir mal ins Jahr 1996 zurück: Die Steuerfahndung im Haus. Handballer, Basketballer und auch Läufer verabschieden sich in der Folge, aus dem Mehrsparten- wird ein Einspartenverein. Da will man doch als junges Vorstandsmitglied am liebsten auch direkt wieder weglaufen, oder?
Warum soll man weglaufen? Natürlich ist die Verwunderung groß, wenn es in der ersten Vorstandssitzung, an der man teilnehmen darf, darum geht: „Selbstanzeige wegen Steuerprüfung – ja oder nein?“ Und: „Nein, wir haben ja nicht genug Geld dafür. Wir ziehen das so durch.“ Das sind die Momente, in denen man sich die Frage stellt: Was habe ich vor ein paar Tagen bei meiner Zusage falsch gemacht? Aber dann wegzulaufen, wäre falsch gewesen. Man läuft nicht weg!
Sie haben stattdessen die Arme hochgekrempelt – kann man sagen, dass das Abtragen des Schuldenbergs, für den Sie gar nichts konnten, für Sie eine Art Lebensaufgabe im Ehrenamt geworden ist?
Ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Ich bin als stellvertretender Geschäftsführer gewählt worden, um Joost Günther zu unterstützen. Der ist da in meinem Fall übrigens Schuld an allem. Dann kam die Steuerfahndung, Amtsinhaber hatten dann bald keine Lust mehr, andere hatten Angst, das Amt zu übernehmen. Nicht alle hatten sich damals scheinbar wirklich erkundigt: Wofür hafte ich? Was tue ich? So habe ich im September 1997 die Fußballabteilung übernommen und bald danach die Finanzen des Vereins. Es kamen immer wieder kurzfristig Jobs dazu. Dann war es auch nicht mehr möglich wegzulaufen.
Nach 25 Jahren ist RWL nun wieder schuldenfrei, gerade in die Landesliga aufgestiegen. Aber es war ein sehr weiter Weg. Was waren auf diesem Weg die schönsten Jahre?
Man kann das nicht mit den schönsten Jahren umschreiben. Es gibt viele schöne Momente. Vorneweg sind für mich immer die größeren Spiele gewesen, die ich zusammen mit Udo Golombek und Peter Wolf in Lüdenscheid organisieren durfte. Wir hatten uns als Team super eingespielt, das hat unheimlich viel Spaß gemacht, auch wenn es bedeutete, drei, vier Wochen Stress zu haben und am Tag selbst 24 Stunden auf den Beinen zu sein. Das gemütliche Bier nach der Veranstaltung, das war immer mit das Schönste, ein toller Moment.
Weitere Momente?
Ja! Wer durfte mit Wolfgang Overath in der Podiumsdiskussion sitzen und anschließend ein leckeres Kölsch trinken? Oder wer durfte mit Dr. Reinhard Rauball beim Abendessen sitzen? Es gab viele schöne Momente. Dazu gehörten anfangs die Heimfahrten im Bus nach Auswärtsspielen im Ruhrpott. Sven Krahmer und ich haben uns das eine oder andere Mal eine Siegerzigarre zum Pilsken gegönnt. Da durfte man im Bus noch rauchen.

Es gehört dazu, dass man gegenüber, nennen wir sie mal Obrigkeit, keine Angst hat. Man muss nicht unverschämt werden, aber man muss schon deutlich seinen Standpunkt klarmachen.

Michael Dregger über Vorstandsarbeit
Sie gelten als einer, der gerne gegen Strich bürstet, der nicht mit Kritik spart, haben sich oft geärgert über Funktionäre in Kreis und Verband, aber auch vielleicht über Spieler, die dann doch nicht so zuverlässig das gehalten haben, was man sich von ihnen versprochen hat. Macht das nicht auf die Dauer so mürbe, sodass man irgendwann keine Lust mehr hat?
Es gibt immer wieder Situationen, in denen man ins Überlegen kommt, aber dazu gehören solche Situationen nicht. Man darf nicht alles schlucken, darf nicht alles hinnehmen. Man muss sich zur Wehr setzen, hat als Vorstand eine Aufgabe, der man gerecht werden muss. Das versuche ich. Das mag nicht immer perfekt klappen. Aber es gehört dazu, dass man gegenüber, nennen wir sie mal Obrigkeit, keine Angst hat. Man muss nicht unverschämt werden, aber man muss schon deutlich seinen Standpunkt klarmachen. Nur dann ist es auch möglich, Dinge in die richtige Bahn zu lenken. Als Vereinsvorstand ist man ein Puppenspieler!
Ein Puppenspieler?
Ja, ein Puppenspieler! Man muss irgendwann wissen, erkennen und probieren, an welchen Fäden man ziehen muss, damit sich die Dinge in die Richtung bewegen, von der man glaubt, dass es die richtige ist. Manchmal muss es ein lauter Knall sein, muss man offen Kritik äußern. Vieles aber macht man auch im Hintergrund.
Muss man als Vereinsvorstand auch Vereinsmeier sein? Sind Sie einer?
Was ist ein Vereinsmeier?
Jemand, der in den geselligen Strukturen, in der Tradition des Vereins verwurzelt ist. Und dem jedes einzelne Mitglied am Herzen liegt. Also das Gegenteil des typischen Bürokraten, der einen Verein führt…
Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen den Söldnern, zu denen ich nicht nur Spieler, sondern auch Funktionäre in Bundesliga-Vereinen zähle, und den Vereinsvorständen vor Ort. Es sind nur ganz wenige da, die wie in der Bundesliga ihren Verein wie andere Oberhemden wechseln. Wir machen das mit Herzblut für die Menschen und den Verein. Wer das nicht macht, hat im Amateursport nichts zu suchen. Natürlich liegt mir jedes Mitglied am Herzen. Man muss da immer ein offenes Ohr haben, wobei ein einzelnes Mitglied nicht alleine die Richtung bestimmt, aber es kann Impulse geben. Deshalb bin ich wohl ein Vereinsmeier. Dazu gehört im Sauerland, dass man auch mal mit den Mitgliedern ein Bier trinkt und auch nachts um 2 Uhr noch weiß, was einem der Stinkstiefel von nebenan erzählt hat, um daraus die Konsequenzen zu ziehen.
Zum Beispiel?
Wenn einem zum Beispiel bei einer Trainerfeier ein Trainer erzählt, wie gerne er noch Spieler zu anderen Vereinen bringen möchte. Dann muss man das zur Kenntnis nehmen und am nächsten Tag den Trainer entlassen.
Das hat es gegeben?
Selbstverständlich. Alles kommt wieder, es gibt nicht viel, was ich noch nicht erlebt habe. Beispiel Spielerstreik: Den Versuch eines Spielerstreiks gab es in den Anfängen, als die Spieler monatelang ihre Aufwandsentschädigung nicht bekommen haben. Natürlich habe sie die später bekommen, aber es waren schwierige Jahre. Wenn man jeden Monat 5000 Mark ans Finanzamt zahlen muss, ist am Anfang des Monats nicht immer das Geld da, um die Spieler pünktlich zu bezahlen. Und dann drohte in einem Jahr ein Spielerstreik. Stichwort Puppenspieler: Was hat man gehört? Wie kann man die Phalanx durchbrechen?

Vom Grundsatz her bin ich ein Freund davon, dass man es so macht, wie es da steht, aber nicht in dieser Gesamtsituation. Es kann nur einen Abbruch geben!

Michael Dregger über das Lavieren des Verbandes
Wie hat das geklappt?
Ein Wortführer hat direkt sein Geld erhalten, ein anderer musste sich anhören, was er überhaupt für einer ist, dass einer wie er mit seiner sportlichen Vita eigentlich gar nicht die Chance bekommen hätte, in der 1. Mannschaft zu spielen. Damit waren zwei Wortführer gedreht, die Mannschaft spielte. Die Mannschaft wusste das nicht, vielleicht bis heute nicht… Das war damals ein Tipp von Klaus Eick. Man kann die Tätigkeiten am Anfang nicht ausführen, ohne auch mal einen Tipp anzunehmen. Da gab es im Verein am Anfang einige, auf deren Wort ich auch gehört habe.
Wie ist das nach 25 Jahren? Gibt es heute noch jemanden im Verein, auf dessen Ratschlag Sie besonders Wert legen?
Ja, mein Bruder Thomas.
Bleiben wir in der Gegenwart: Der Verband hat die Saison nicht abgebrochen. Haben Sie Verständnis für die Haltung des FLVW?
Grundsätzlich habe ich Verständnis, weil es so in der Spielordnung steht, in der Durchführungsbestimmung. Es gibt allerdings auch Situationen, in denen der Verband meint, sich nicht unbedingt immer an seine Spielordnung halten zu müssen, in der man die Dinge irgendwie auslegt. Wenn man dies weiß, gibt es keinen Grund, die Saison jetzt nicht abzubrechen und so Planungssicherheit für alle zu schaffen. Vom Grundsatz her bin ich ein Freund davon, dass man es so macht, wie es da steht, aber nicht in dieser Gesamtsituation. Es kann nur einen Abbruch geben.
Aber warum so ungeduldig? Die Vereine wissen es doch im Grunde, dass nichts mehr geht. Warum ist das endgültige Wort des Verbandes so wichtig? Man könnte doch auch losplanen und davon ausgehen, dass es ohnehin so kommt.
Nein, das kann man eben nicht. Weil auch die Spieler hoffen, dass wieder gespielt wird. Es ist doch keiner da, der nicht gerne wieder spielen würde. Aber es muss klare Worte geben. Wir müssen überlegen: Wie geht es weiter? Wann kann ich neue Trikots bestellen? Es stehen so viele Entscheidungen für die neue Saison an, die man treffen könnte, auf die man sich in Ruhe vorbereiten könnte. Mannschaften könnten schon zusammenfinden. Wenn der Verband nun sagt: Vier Wochen Vorbereitung, dann ist das lieb und nett, aber wir spielen seit November keinen Fußball mehr, da reichen vier Wochen nicht aus. Da kann man ein bisschen kicken und nach vier Wochen mit der richtigen Vorbereitung anfangen. Wir werden drei Monate brauchen, um die Spieler auf den Stand von vor dem Lockdown zu bringen.

Ich verspüre nicht die Müdigkeit aufzuhören. Dazu gehört eine positive Wirkung des Lockdowns, weil auch der Arbeitsaufwand für den Vereinsfunktionär gesunken ist im Lockdown. Das war quasi eine Zwangspause, in der man die Akkus auffüllen konnte!

Michael Dregger über etwaige Amtmüdigkeit
Also im Grunde kein Verständnis für den Verband?
Was ich verstehe, das ist der Umgang mit dem Westfalenpokal, weil da viel Geld fließt, wenn man in die Hauptrunde einzieht. Aber ich bin ein Freund davon, Menschen Ziele zu geben und klar zu sagen: Wann passiert was? Manchmal müssen Verbandsfunktionäre fünfe gerade sein lassen und zivilen Ungehorsam an den Tag legen. Dann soll der Kreisliga-C-Verein halt klagen – über wie viele Instanzen soll das denn gehen? Und welcher Verein wird das wirklich machen?
Sie sind ein Freund klarer Worte: Wie lange wird es den Funktionär und RWL-Chef Michael Dregger noch geben? Noch mal 25 Jahre?
Ich verspüre nicht die Müdigkeit aufzuhören. Dazu gehört eine positive Wirkung des Lockdowns, weil auch der Arbeitsaufwand für den Vereinsfunktionär gesunken ist im Lockdown. Das war quasi eine Zwangspause, in der man die Akkus auffüllen konnte. Ich verspüre keine Müdigkeit. So lange die Mitglieder mir das Vertrauen schenken, solange werde ich im Vorstand tätig sein. Ein Enddatum kann ich also nicht benennen. Es liegt in der Hand der Mitglieder.
Michael Dregger, vielen Dank für das Gespräch! 

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