Handball

Leidenschaft statt Lockdown: Der Handball fliegt wieder in der 3. Liga

Handball-Zweikampf am Kreis
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Leidenschaft statt Lockdown: Hagens Tilman Pröhl gegen die Potsdamer Abwehrreihe.

32 der 72 Handball-Drittligisten beendeten am Wochenende den Lockdown, gingen nach mehr als fünf Monaten ohne Pflichtspiel in Aufstiegsrunde und Ligapokal wieder auf Punktejagd. Die SGSH schaute dabei nur zu. Ein Streifzug durch die Handballrepublik.

Kreisgebiet – Am Vormittag nach dem besonderen Abend, dem ersten Handballabend nach 168 Tagen des Wartens, ist Thorsten Barteldrees schon wieder busy.

„Videokonferenz – es ging um den Rahmenterminplan“, sagt der Technische Leiter und Hallensprecher des VfL Eintracht Hagen, der seit zwei Jahren auch in der Spielkommission des Deutschen Handball-Bundesliga für die 3. Liga sitzt, „die neue Saison muss ja auch geplant werden…“ Arbeit im Hintergrund, wie so oft in den vergangenen Monaten.

Am Samstagabend zum Auftakt der Aufstiegsrunde der Drittligisten zur 2. Bundesliga war Barteldrees in der Krollmann-Arena noch ganz anders in seinem Element gewesen. 58 Tore hatte es anzusagen gegeben, 32 davon für die Eintracht. Tore ansagen, auch wenn nur ein paar verletzte Spieler, ein paar Presseleute und ein paar Helfer und Vorstandsmitglieder auf der Tribüne sitzen – macht das Sinn?

Leidenschaft statt Lockdown: Der Handball fliegt wieder in der 3. Liga

„Zum einen geht es ja auch darum, Dinge anzusagen, wenn sich Leute an etwas halten sollen“, sagt Barteldrees, „und zum anderen kann man so vielleicht der Mannschaft doch ein bisschen helfen, ein bisschen Stimmung machen, pushen...“ Also kein komisches Gefühl? „Ich habe überlegt, ob man es anders macht als sonst“, sagt der Hagener, „aber dann habe ich mich dafür entschieden, es wie immer zu machen.“ Also leidenschaftlich, laut, voller freudiger Erregung nach der langen Zeit von Lockdown und Lethargie.

Freudige Erregung quer durch die Republik. „Ich hatte richtig ein bisschen Gänsehaut“, sagt Christian Bien. Der Schalksmühler ist inzwischen in Cloppenburg zu Hause und Abteilungsleiter des TV Cloppenburg, hätte eigentlich im Ligapokal der Drittligisten gegen die SGSH Dragons gespielt, wenn diese sich nicht am Ende aufgrund der drohenden weiten Fahrten doch gegen Pflichtspielhandball in Corona-Zeiten entschieden hätten.

Die Cloppenburger durften am Samstag beim TSV Altenholz antreten, also beim Farmteam des THW Kiel. Viele Kilometer, wenig Chancen auf Ertrag. Und dann dies: „Als ich da in der Halle stand, die Musik, der Hallensprecher“, sagt Bien und verweist auf sein Gänsehaut-Gefühl, „da hab ich gedacht: alles richtig gemacht.“ 60 Netto-Minuten Handball später war diese Einschätzung nicht mehr so eindeutig. 21:47 hatte der TVC gegen Altenholz verloren. Sein ungarischer Coach sprach einen Tag später von einem Image-Schaden und wollte sich bei den Fans entschuldigen.

Wir haben gesehen, dass da im Moment verschiedene Welten aufeinander treffen!

Christian Bien (Schalksmühler in Cloppenburg)

„Wir haben gesehen, dass da im Moment verschiedene Welten aufeinander treffen“, sagt Bien, „klar ist es toll, mal wieder in der Halle zu sein. In Altenholz ist alles sehr professionell abgelaufen – da war auch unter den Helfern und Betreuern niemand in der Halle, der nicht getestet worden ist. Aber wenn man dann so verliert, fragt man sich schon, ob es die richtige Entscheidung gewesen ist.“

Barna-Zsolt Akcsos, der Trainer des TVC, hat seine Unterlagen durchforstet und vorgerechnet: Vor dem Start im Oktober hatte sein Team 71 Trainingseinheiten und zwölf Testspiele absolviert. Vor dem Spiel in Altenholz waren es nach fünf Monaten Pause gerade elf Trainingseinheiten. Kein Testspiel. Dazu hat der Verein seine beide dänischen Topspieler inzwischen abgegeben. In Altenholz trainiert man im Leistungszentrum voll durch, selbst jetzt mit einer anderen Häufigkeit als im Hoch-Inzidenz-Gebiet im südlichen Niedersachsen.

So sortiert sich manches neu dieser Tage. „Ich glaube, dass es gut war gegen Potsdam am Anfang zu spielen“, sagt Thorsten Barteldrees mit Blick auf den 32:26-Sieg des VfL Eintracht Hagen gegen den 1. VfL Potsdam am Samstagabend, „diese Mannschaft ist stark, muss sich aber noch einspielen – am Ende der Runde wäre es schwieriger geworden…“

Es ist einfach schön, dass man so ein Stückchen Normalität zurückgewinnt, auch wenn noch keine Zuschauer dabei sein dürfen!

Stefan Neff (Trainer Eintracht Hagen)

Stefan Neff, nach drei Spielzeiten und drei Spielen bei den SGSH Dragons nun Chefcoach des VfL Eintracht beim Unternehmen Zweitliga-Aufstieg, war jedenfalls sehr zufrieden am Samstagabend. „Natürlich war man nervös, dann aber doch schnell wieder drin“, stellte Neff nach den 60 Minuten fest. Geschafft, aber glücklich. „Es ist einfach schön, dass man so ein Stückchen Normalität zurückgewinnt, auch wenn noch keine Zuschauer dabei sein dürfen.“

Die Hagener hatten am 24. Oktober ihr letztes Spiel gemacht, in Hannover. Es war der Abend, an dem die SGSH in Menden gewann. 168 Tage Pause. Der 1. VfL Potsdam hatte noch am 1. November gegen Empor Rostock gespielt und verloren – 160 Tage ohne Pflichtspiel. Und nun der Wiedereinstieg an einem Wochenende, am dem die Inzidenzen im südlichen Westfalen so hoch sind, dass der Hagener Nachbar, der Märkische Kreis, gerade eine Ausgangssperre verhängt hat.

Am Wochenende zudem vor dem Dienstag, an dem der Bundestag das Infektionsschutzgesetz noch einmal nach Gusto der Regierung modifizieren möchte, um die Zügel bundesweit noch straffer zu ziehen. Es ist ein Zeitpunkt, der mal wieder nicht in allen Schattierungen logisch erscheint. „Wir haben am Sonntag in der Spielkommission auch darüber gesprochen, wie es gelaufen ist“, sagt Barteldrees, „in Rostock hatte man fürs Heimspiel gegen Spenge ein Modellprojekt mit Zuschauern in der Halle geplant – aber das hat man aufgrund der Entwicklungen doch gelassen…“

Keine Heimspiele in Bremen und in Berlin

Immerhin: Alle angesetzten Spiele fanden statt. Und da, wo die Kommune nicht so mitspielen will, da finden die Handballer andere Lösungen. Das Spiel zwischen Habenhausen und Aurich – auch zwei potenzielle Gegner der SGSH, die nun nur aus der Ferne zuschaut – hatte eigentlich in Bremen stattfinden sollen, doch die Hansestadt hatte dies nicht erlaubt. Also spielte man am Sonntag in Aurich. Die Füchse Berlin II dürfen auch keine Heimspiele austragen – sie bestreiten im Ligapokal nun alle sechs Spiele auswärts. Die Botschaft: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

„Noch vier Heimspiele sollen es werden“, sagt Thorsten Barteldrees mit Blick auf seinen Hallensprecher-Dienst in der „Ische“ hoffnungsfroh. Gegen Hildesheim und Spenge spielt der VfL Eintracht noch in der normalen Runde, danach sollen – wenn alles gut geht – noch zwei Heimspiele in der K.o.-Runde dazukommen. Noch viermal die Videoeinspieler vor dem Spiel in fast leerer Halle, noch viermal die Einlauf-Zeremonie mit Lichterspiel und der Gedanke, was hier gerade los wäre, wenn Zuschauer dabei sein dürften. Was könnte es für ein Fest sein. Und was für ein bizarres Schauspiel ist es nun in der Realität.

„Der Zuspruch für die Eintracht ist im Moment riesengroß“, sagt Barteldrees und verweist auf Medien und soziale Netzwerke, auf die vielen Gratulanten nach dem gelungenen Start. Die Basketball-Saison in Hagen ist zu Ende, die Fußballsaison gibt es praktisch nicht. Die Eintracht ist dieser Tage Sport-Leuchtturm der Region. So anders als man es im herkömmlichen Sinne kennt und doch so strahlend. So traurig im Detail und doch so mit Freude erfüllend im Gesamtbild. Corona verschiebt die Maßstäbe, das ist schon so oft in den vergangenen Monaten festgestellt worden. Es stimmt. Auch der Handball liefert dafür dieser Tage ein wunderbares Beispiel.

Ergebnisse der Aufstiegsrunde und des Ligapokals im Überblick

Aufstiegsrunde, Gruppe Nord
VfL Eintracht Hagen – 1. VfL Potsdam 32:26
HC Empor Rostock – TuS Spenge 31:25
Eintracht Hildesheim – MTV Braunschweig 32:29
spielfrei: TuS Vinnhorst

Aufstiegsrunde, Gruppe Süd
HSG Krefeld – HSG Hanau 27:26
TuS 04 Dansenberg – TV Willstätt 29:27
HC Oppenweiler/Backnang – TSG Heilbronn-Horkheim 33:30
spielfrei: VfL Pfullingen

Ligapokal, Gruppe Nord
TV Altenholz – TV Cloppenburg 47:21
SC Magdeburg II – Füchse Berlin II 23:30
OHV Aurich – ATSV Habenhausen 32:32
spielfrei: Oranienburger HC

Ligapokal, Gruppe Mitte
TV Kirchzell – SV 64 Zweibrücken 26:31
HSG Rodgau Nieder-Roden – ESG Gensungen/Felsberg 29:29
HG Saarlouis – TV Gelnhausen 23:35
spielfrei: HSG Bieberau-Modau

Ligapokal, Gruppe Süd
SG Leutershausen – TGS Pforzheim 20:21
HBW Balingen-Weilstetten II – TV Plochingen 29:30
TSV Blaustein – HC Erlangen II 18:23
SG Pforzheim/Eutingen – HG Oftersheim/Schwetzingen 23:16

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