Eishockey

Dieser Ex-Rooster lebt seinen Traum

Ex-Rooster Lean Bergmann im Gespräch mit Mirko Heintz.

San Jose/USA - Lean Bergmann gehört in Deutschland zu den besten Eishockey-Spielern des Landes. Bei den San Jose Shark will sich der 21-Jährige den Traum von der NHL erfüllen.

Wer dieser Tage durch den US-Bundesstaat Kalifornien fährt, der erlebt nahezu die gleichen Einschränkungen wie bei uns. Die Corona-Angst ist groß, das selbstbestimmte Leben steht teilweise still. „Mir geht’s gut, wir warten, ob und wie es mit Eishockey weitergeht“, meldet Lean Bergmann aus San Jose. Wenige Tage vor Ende der Hauptrunde in der NHL hatte auch die beste Liga der Welt den Spielbetrieb eingestellt. Ob die Partien nachgeholt werden, ist offen. Für die Playoffs reicht es in diesem Jahr für Bergmann und seine Sharks definitiv nicht. 

Rückblick: Es ist noch gar nicht so lange her, da sah die Welt im Silicon Valley noch völlig anders aus. Der Frühling hatte Einzug gehalten, die Temperaturen stiegen fast täglich über 20 Grad. San Jose ist eine Millionenstadt, in der Fläche. Das Stadtzentrum, ganz nahe dem SAP-Center, wirkt fast beschaulich.

Ich habe eine Verabredung zum Abendessen – mit Lean Bergmann. Der Ex-Rooster unterzeichnete im letzten Frühsommer einen Vertrag bei den Sharks. Seitdem lebt der gebürtige Hemeraner seinen Traum. Ich stehe vor dem Fairmont-Hotel, als plötzlich ein gelber Hummer vor mir halt macht. Drin sitzt ein Strahlemann. „Hat jemand ein Taxi bestellt?“ Gemeinsam geht’s zum nächsten Einkaufszentrum. Restaurants gibt es meistens dort. Lean hatte gerade noch eine Teamveranstaltung mit Sponsoren, kommt im schwarzen Anzug mit Krawatte. „Mein Traumauto. Hab ich im letzten Sommer aus Green Bay abgeholt. Dort stand er seit meiner Zeit in der US-Hockeyleague.“ 

Das Restaurant ist voll, wir finden einen Platz an der Bar. Lean bestellt Wasser, gönnt sich ein paar Chicken-Wings und als Hauptgericht Lachs. „Ich trinke nie Alkohol, versuche so gesund wie möglich zu essen, was hier nicht ganz einfach ist. Muss sein, wenn man ein Ziel vor Augen hat.“ Mancher würde behaupten, Bergmann hätte sein Ziel längst erreicht. Er sieht es anders. „Wenn ich wirklich konstant in der NHL spielen will, muss ich sehr diszipliniert sein. Beim Essen und bei meiner Extra-Viertelstunde Training. Ich bin hergekommen mit dem Ziel, nicht in die AHL zurückgeschickt zu werden. Und am Anfang habe ich es geschafft, auch wenn ich es bis 24 Stunden vorher nicht wusste“, lacht der 21-Jährige. 

Trainer und Manager hielten ihn im Unklaren. Erst nach dem letzten Training hieß es, die Koffer zu packen. Mit den großen Shark-Stars Patrick Marleau oder Joe Thornton ging es nach Las Vegas, zu den Golden Knights. „Es war unglaublich. Laute Musik, wie im Club, Go-Go-Tänzerinnen nur an der Bande beim auswärtigen Team. Die Mädels versuchen wirklich, dich abzulenken. Es ist einfach 100 Prozent USA.“ Insgesamt acht Partien machte er mit der NHL-Truppe, war komplett integriert, auch regelmäßig mit den Topstars unterwegs.

Dann aber kam der erste Rückschlag. Bergmann musste runter in die AHL. „Es ging um Hockey-IQ. Ich sollte das System besser verstehen, es zuverlässiger aufs Eis bringen.“ Anschließend ging es hoch und runter, hoch und runter. Bergmann war immer an der Schwelle zur NHL, trainierte mit, spielte aber nicht. Rund um Weihnachten stoppte ihn eine Verletzung – fünf Wochen Pause. Er ging in die Reha, kämpfte sich ran, sammelte Spielpraxis in der AHL, schaffte erneut den Sprung zu den Sharks. In Deutschland gehört Lean zu den Besten, in San Jose steht er mit Weltstars auf dem Eis. „Joe Thornton spielt länger in der NHL als ich Eishockey spiele. Mit diesen Jungs auf dem Eis zu stehen, ist unglaublich. Ich habe ihn schon im Kindergarten bewundert. Und er ist ein toller Mensch.“ Das sind die Momente, die auch das Leben leichter machen, denn Bergmann ist in San Jose komplett auf sich gestellt. Auto, Wohnung, Leben organisiert und zahlt man selbst. Die Familie ist daheim in Iserlohn und Hemer. „Ich musste kurz wieder lernen, komplett allein zu sein. Das war im Roostersjahr schon außergewöhnlich, so viel Zeit mit der Familie zu verbringen.“ 

Seit 2011 kämpft Bergmann für seinen Traum. In Mannheim, Schweden, den USA. „Es ist ein großer Unterschied, ob man jeden Morgen aufsteht und versucht, sich in den nächsten Sommer zu retten oder ob man jeden Morgen aufsteht, um zu kämpfen, damit man sein Ziel erreicht. Die Jahre allein, weg von zuhause, waren schon charakterbildend.“ 

Je länger der Abend dauert, umso bemerkenswerter wird das Gespräch. Ich spüre, was Bergmann für sein großes Ziel zu opfern bereit war und ist. Noch bemerkenswerter ist seine Wahrnehmung von sich selbst. „Es gibt so viele Jungs, die viel talentierter sind als ich. Aber am Ende sind die, die am härtesten gearbeitet haben, fleißig waren, die früh ins Bett gegangen sind, um am nächsten Tag wieder hart zu arbeiten, die nicht feiern gegangen sind, die, die es geschafft haben, sich durchzusetzen.“ 

Harte Arbeit, sich zu quälen, für Jahre, nie zufrieden zu sein mit 99 Prozent, sondern immer mehr zu wollen – das ist der Unterschied zwischen denen, die es gerade eben nicht schaffen und denen, die den Schritt machen. Lean Bergmann tut es, jeden Tag. Drei Stunden sitzen wir zusammen, er freut sich über die Geschichten aus der Heimat. Natürlich hat er Kontakt, trotzdem genießt er den Abend.

Und es gibt ein Versprechen. „Sollte es in ein paar Jahren einen Lock-Out (Arbeitskampf/Anmerkung der Redaktion) in der NHL geben und ich habe es geschafft, mich hier durchzusetzen, dann bringe ich ein paar Jungs mit und wir mischen die Liga auf – in blau und weiß.“ Kein Spruch. Die Roosters sind sein Verein. Heimat. Er wird noch mal für das Sauerland spielen – das hat er sich fest vorgenommen. Aus Überzeugung.

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