Skispringen

„Versucht, die Balance zu wahren“

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Der ehemalige Skisprung-Bundestrainer Werner Schuster gewährte beim Sparkassen-Forum in Neuenrade am Mittwochabend einen Einblick in seine überaus erfolgreiche Arbeit.

Neuenrade – Elf Jahre lang war Werner Schuster Skisprung-Bundestrainer. Es war eine Ära, die von großen Erfolgen der DSV-Adler geprägt war. Unter anderem gewann die deutsche Mannschaft unter der Regie Schusters bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi Gold im Teamspringen. Am Mittwochabend war Werner Schuster zu Gast beim 11. Sparkassen-Forum der Vereinigten Sparkasse im Märkischen Kreis im Neuenrader Hotel Kaisergarten. Der 50-Jährige referierte zum Thema „Leitprinzipien im Spitzensport – Durchhaltevermögen und Zielsetzungen“. Im Anschluss an seinen Vortrag sprach Sportredakteur Lars Schäfer mit dem 50-jährigen Vorarlberger.

Werner Schuster, auf dem Weg nach Neuenrade sind Sie an Meinerzhagen vorbeigefahren. Was sagt Ihnen die Stadt Meinerzhagen? 

Ich weiß, dass in Meinerzhagen seit ewigen Zeiten eine Mattenschanze steht. Ich bin leider selbst nie dort gesprungen, aber man kann schon erahnen, dass hier eine gewisse Skisprung-Affinität in der Region vorhanden ist. 

Am Wochenende beginnt in Polen die neue Saison. Nach elf Jahren auf Welttournee mit den deutschen Skispringern sind Sie in diesem Winter nicht permanent auf Reisen. Wo und wie werden Sie den Auftakt verfolgen? Ich werde es mir wahrscheinlich im Fernsehen anschauen. Und mit welchen Gefühlen? 

Das weiß ich noch nicht. Das muss ich abwarten. An sich bin ich mit meiner Entscheidung im Reinen. Dadurch, dass ich ein bisschen den Gregor Schlierenzauer berate, werde ich natürlich immer noch ein Auge drauf werfen. Und ich werde gespannt sein, wie der Start verläuft. 

Sie haben bei den deutschen Skispringern eine Ära geprägt und Ihrem Nachfolger Stefan Horngacher ein erfolgreiches Team hinterlassen. Gab es eine Art Übergabe? 

Ich kenne den Stefan Horngacher ganz gut, er war ja auch lange mein Kollege. Ich denke mir, er ist erfahren genug. Er kennt die Sportler und ist voll motiviert, das Ganze weiterzuführen. Und er wird es auch schaffen. Die Mannschaft hat leider ein bisschen Verletzungspech – ohne Andreas Wellinger, ohne Severin Freund, ohne David Siegel. Aber es sind noch genügend Sportler da, die sehr leistungsstark sind. Speziell die Sportler, die im vergangenen Jahr die deutschen Fahnen hochgehalten haben. Also Karl Geiger und Markus Eisenbichler. Ich denke mir, sie werden wieder kompakt auftreten.

Sie sind nun Berater des österreichischen Rekord-Weltcupsieger Gregor Schlierenzauer, der nach vier mageren Jahren zurück in die Weltspitze springen möchte und den Sie bereits in der Jugend sehr erfolgreich trainiert haben. An welchen Stellschrauben werden Sie drehen? 

Ich habe schon an einigen Stellschrauben gedreht und versucht, die Dinge eher ein bisschen zu vereinfachen. Gregor ist ein Materialtüftler gewesen, der immer versucht hat, schnellstmöglich den Überflieger-Status herzustellen. Diesen Zahn habe ich ihm gezogen. Ich habe versucht, mit ihm eine solide Aufbauarbeit zu machen, um ihn wieder schrittweise an die Spitze heranzuführen. Ich wäre schon zufrieden, wenn er in naher Zukunft wieder unter den besten Zehn der Welt auftaucht. 

Sie haben bei den DSV-Adlern eine Generation geformt und diese zu herausragenden Erfolgen geführt. Martin Schmitt hat mal gesagt, Sie seien in Ihrer Arbeit sehr „analytisch, sehr strukturiert“ und als Trainer „ausgewogen“. Analysefähigkeit, Struktur, Ausgewogenheit. Sind das Erfolgsfaktoren? 

Ich habe immer versucht, einen ganzheitlichen Ansatz reinzukriegen. Man kann ja heute alles aufschlüsseln – und das sollte man auch. Man muss wissen, wo man ansetzt. Man muss wissen, wo man die Schwerpunkte setzt. Und trotzdem darf man das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Und da habe ich immer versucht, die Balance zu wahren. Neben der Technik und dem passenden Material kommt es beim Skispringen auch stark auf den Kopf des Athleten an. 

In anderen Sportarten, beispielsweise beim Fußball, kann inzwischen der Eindruck entstehen, dass Vieles, wenn es sportlich mal nicht so rund läuft, mit der Aussage „alles Kopfsache“ begründet wird. Ist dem so? 

Ich finde nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es bei Fußballern reicht, immer nur zu sagen „ihr müsst mal kämpfen oder mal laufen“. Man muss schon in den Teilbereichen sehr akribisch arbeiten, sehr sauber und auch sehr geduldig arbeiten. Dann kommt auch das Selbstvertrauen, dann entwickelt sich das. Sportler haben ein Gespür dafür, ob ihre Grundlagenarbeit Hand und Fuß hat und ob diese mal zum Erfolg führen kann. Selbstvertrauen muss man sich erarbeiten. Das kommt nicht dahergeflogen. 

Fußball- oder Handball-Profis beenden Ihre Karriere häufig mit Mitte 30. „Flugsaurier“ Noriaki Kasai geht am Wochenende in seine 31. Weltcupsaison. Mit 47 Jahren. Das Alter scheint beim Skispringen nicht eine ganz so große Rolle zu spielen? 

Das ist auch für uns Trainer überraschend gewesen, wie es denn Noriaki Kasai gelang, Grenzen zu verschieben. Aber von dem lebt, sage ich mal, die Menschheit immer wieder. Dass es Leute gibt, die eine Vision haben, die eine Idee haben, die hartnäckig sind. In Insiderkreisen hat man es nicht für möglich gehalten, dass es möglich ist, mit über 40 Jahren noch ein Weltcupspringen zu gewinnen – geschweige denn eine Olympia-Medaille zu holen. Ich denke mir natürlich, dass das Märchen jetzt bald mal zu Ende sein wird. Er ist jetzt jenseits der 45, da geht es nicht mehr ewig weiter. Aber: Es ist nach wie vor faszinierend, mit welchem Mut, mit welcher Leidenschaft er sich von den Schanzen dieser Welt stürzt. Kasai war schon ein Trendsetter. Er hat Grenzen verschoben. Was Viele nicht für möglich gehalten haben, dass man diese verschieben kann. 

Und Kasai ist auch ein absoluter Unterhaltungsfaktor. Ein Sportler, der die Menschen an die Schanzen lockt... 

Absolut. Er ist super sympathisch. Ich bin selber noch mit ihm gesprungen. Er ist hochbegabt in allen Bereichen. Er hatte ein langes Tief. Dass er da herausgekommen ist und noch einmal eine fantastische Karriere hatte – ich sag mal zwischen 38 und 44 – das ist schon bemerkenswert. Aber: Auch er wird irgendwann klein beigeben müssen. Das ist ihm, glaube ich, auch bewusst. Aber manchmal hatte ich das Gefühl, er braucht fast schon absurde Zielsetzungen, um die Motivation oben zu halten. Und nur diese Leidenschaft hat ihn überhaupt so lange oben gehalten. 

Werner Schuster, vielen Dank für das Gespräch!

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