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Landesligist HSG Lüdenscheid: „Der Geruch des Harzes fehlt“

Handball Bild von der Trainerbank
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Handball-Landesligist HSG Lüdenscheid wird erst wieder in den Spielbetrieb einsteigen, wenn die Pandemie überwunden ist. Das sagen Abteilungsleiter Felix Kroll (stehend) und Teammanager Michael Mirus (Zweiter von rechts).

Die HSG Lüdenscheid in der Corona-Lockdown-Pause: Wo steht der Verein? Wo will er hin? Ein Video-Interview mit Abteilungsleiter Felix Kroll und Landesliga-Teammanager Michael Mirus.

Lüdenscheid – Schon früh in der Corona-Krise haben die Handballer der HSG Lüdenscheid klare Kante gezeigt, wollten einen Spielbetrieb nicht übers Knie brechen. Doch wie sieht es heute aus in der Bergstadt? Welche Spuren hat die Pandemie hinterlassen? Im Video-Interview sprach Sportredakteur Axel Meyrich mit dem Abteilungsleiter der HSG, Felix Kroll, und Michael Mirus (Teammanager der Männer-Landesliga-Mannschaft).

Gehen wir gleich in die Vollen: Was hat Corona mit der HSG Lüdenscheid gemacht in den vergangenen Monaten?
Felix Kroll: Die Hauptproblematik ist, dass praktisch alle Sozialkontakte weggefallen sind. Man sieht die Jungs nicht, die Helfer, die sich kümmern, die Mitglieder. Jeder hat normalerweise seine Aufgaben – das ist alles weg. Noch schlimmer ist das bei den Kindern, die ihre Freunde nicht sehen. Das ist extrem. Mit den Jungs den Sport zu machen, den wir lieben, zu quatschen, in der Kabine ein Bier zu trinken. Das fehlt alles. So viel kannst Du gar nicht telefonieren, um das wettzumachen.
Michael Mirus: Die Jungs nicht zu sehen, der Geruch des Harzes, das Adrenalin – das sind alles Dinge, die fehlen. Und wer weiß, was noch alles auf uns zukommt. Ich rechne nicht damit, dass wir vor Ostern in die Halle kommen.
Ganz konkret: Hat die HSG durch Corona Mitglieder verloren?
Mirus: Bisher habe ich keine Info, dass sich jemand abgemeldet hätte oder seinen Mitgliedsbeitrag zurückgefordert hätte.
Kroll: Ich telefoniere in der Regel einmal pro Woche mit Peter Werner und Sabine Kutzehr und spreche auch über finanzielle Dinge – da ist nichts bekannt in dieser Hinsicht. Alles, was ich höre, ist – wie schon gesagt – dass den Mitgliedern die persönlichen Kontakte fehlen.
Wenn wir auf die 1. Männer-Mannschaft schauen: Findet momentan Training statt und wenn ja, in welcher Organisationsform?
Mirus: Stephan Nocke stellt den Jungs alle zwei Wochen neue Workouts zur Verfügung, die abgearbeitet werden müssen und natürlich Läufe, die mindestens sechs Kilometer lang sind. Den Nachweis darüber müssen die Spieler führen, beispielsweise über eine App. Bislang zieht die Mannschaft hervorragend mit. Wir werden außerdem an einer Challenge teilnehmen, die der Trainer der TG Voerde, Hans-Peter Müller, organisiert, in der mehrere Mannschaften ab Anfang Februar gegeneinander antreten.

Testkonzept wäre für die HSG nicht bezahlbar

Der Handballverband Westfalen hat in dieser Woche Alternativen für den weiteren Spielbetrieb vorgestellt: Nur Aufsteiger, keine Absteiger, eine in Teilen freiwillige Runde. Wie steht die HSG dazu?
Mirus: Man muss den Verband da loben. Die Verantwortlichen haben sich wirklich Gedanken gemacht in dieser schwierigen Situation. Die jetzt vorgestellte Lösung ist für alle Vereine eine gute Sache. Wer unbedingt weiterspielen möchte, kann das tun – das ist in Ordnung. Wir vertreten allerdings die Meinung, dass wir auch nicht auf freiwilliger Basis am Spielbetrieb teilnehmen werden, solange Corona eine Gefahr darstellt. Wir können uns nur vorstellen, ab Sommer unter freiem Himmel langsam mit der Saisonvorbereitung zu beginnen. Solange nicht alle geimpft sind, ist das Risiko zu groß. Wir können nicht die Verantwortung dafür übernehmen, dass sich jemand bei einem freiwilligen Spiel infiziert.
Es gibt erste Überlegungen, dass eine Fortsetzung des Spielbetriebs mit einer Testpflicht verbunden werden könnte – auch in unteren Klassen. Wäre das für die HSG finanziell überhaupt zu stemmen?
Mirus: Das können sich Drittligisten vielleicht leisten, aber wir nicht.
Kroll: Wer soll das bezahlen? Wir haben ja nicht nur eine Mannschaft. Da ist man ja ganz schnell bei 1000 Euro im Monat. Vor Mai/Juni sehe ich gar nichts. Vielleicht kann man im August wieder Testspiele machen. Aber es muss sicher sein, dass das Virus eingedämmt ist. Mal ganz davon abgesehen, was sagen denn die Arbeitgeber, wenn die Spieler jetzt früh wieder einsteigen und sich dann infizieren?
Tun wir mal so, dass wir alle die Krise in den Griff bekommen und eine halbwegs „normale“ Saison bevorsteht. Sie sind in der Personalplanung schon sehr weit. Waren es schwierige Gespräche?
Kroll: Leicht sind solche Gespräche nie. Wir haben uns zum letzten Mal im Oktober im BGL gesehen. Danach lief alles am Telefon. Der Austausch mit Stephan Nocke und Arnd Pielhau ist generell sehr gut, auch zwischen den beiden. Wir sind sehr froh, dass wir mit beiden weiter planen können.
Mirus: Der Großteil der Spieler hat bereits zugesagt ( ‘ Infokasten). Das ist das Resultat von intensiven Gesprächen, die Felix und Matthias Skutta geführt haben. Das zeigt, dass wir bei der HSG auch im Hintergrund gute Arbeit leisten.

Ganz wichtig sind die Jugendarbeit und die Zusammenarbeit mit der Jugend. Wir wollen als HSG-Familie weiter zusammenwachsen. 

Michael Mirus (HSG Lüdenscheid)
Wenn Sie zwei, drei Jahre nach vorne schauen – wo soll bzw. kann die HSG Lüdenscheid realistisch stehen?
Kroll: Wir sind auf einem guten Weg, uns in allen Bereichen professioneller aufzustellen und nicht die komplette Belastung auf einzelnen Schultern abzuladen. Jugendabteilung, Damenabteilung, Finanzen, Sponsoren, Social Media – auch das sind alles Bereiche, wo es nach vorne geht. Wenn ich auf die 1. Herren schaue, da kann es weiter nur um den Klassenerhalt gehen. Junge Spieler zur HSG zurückzuholen, ist ein wichtiger Punkt. Wir wollen den Spielern zeigen, die HSG ist da und hier wird ein guter Job gemacht. Das hat viel mit Vertrauen zu tun.
Mirus: Ganz wichtig ist die Jugendarbeit und die Zusammenarbeit mit der Jugend. Wir wollen als HSG-Familie weiter zusammenwachsen. Ich hoffe, dass wir dann irgendwann wieder eine A-Jugend haben, um eigene Talente heranzuführen. Wenn es wieder losgeht, sind wir wahrscheinlich 14 Mannschaften in der Liga, mit vier oder fünf Absteigern am Ende. Das wird natürlich ein Brett, die Klasse zu halten.
Abseits des lokalen Geschehens: Die Handball-WM in Ägypten hat begonnen. Ist das für Sie persönlich ein Thema?
Mirus: Ja, schon. Wir zählen sicherlich nicht zu den Top-Favoriten, aber ich glaube, dass die junge deutsche Mannschaft weiter zusammenwachsen wird. Ich werde das gerne verfolgen und möglichst alle deutschen Spiele sehen. Das Viertelfinale muss auf jeden Fall drin sein, vielleicht auch das Halbfinale. Aber danach dürfte wahrscheinlich Ende sein.
Kroll: Ich schaue das natürlich, weil ich den Sport geil finde. Aber ganz ehrlich? Ich halte diese WM für total überflüssig. Das passt überhaupt nicht zu dem, was jeder Einzelne im normalen Leben gerade erlebt. Unter dieser Voraussetzung eine WM in Ägypten zu spielen, halte ich – sorry – für bekloppt. Es liegt ein Schatten drauf auf dieser WM.
Und dennoch: Ihr Weltmeister-Tipp?
Kroll: Das kann nur Frankreich sein...
Mirus: Dänemark.

Drei Wünsche für das Jahr 2021

Weil das Jahr noch jung ist: Sie haben drei Wünsche frei für 2021. Wie sehen die aus?
Mirus: Thema Nummer eins ist natürlich Gesundheit. Ich hoffe, dass alle gut durch diese Krise kommen, dass wir das alle zusammen in den Griff bekommen und ab Pfingsten wieder ein halbwegs normales Leben führen können. Ich wünsche mir, dass die Bundesregierung bei den nächsten Entscheidungen ein glückliches Händchen hat. Das war in den letzten Wochen unglücklich. Man kann nicht einfach etwas raushauen, keiner weiß Bescheid und an der Basis ist dann das große Desaster angesagt. Ich erlebe das selbst im Moment beruflich mit dem Kinderpflegekrankengeld. Handballerisch hoffe ich, dass wir gut starten, wenn es irgendwann weitergeht und wir die Leistung, die wir Ende 2020 gezeigt haben, auf die Platte bringen und für manche Überraschung sorgen werden.
Kroll: Klar steht Gesundheit ganz oben – und zwar in allen Bereichen. Egal, ob beruflich oder privat. Sportlich hoffe ich, dass wir die Entwicklung mit den Jungs voranbringen, dass der Knoten platzt. Die Stimmung in der Kabine nach einem Sieg ist einfach unbezahlbar. Die Niederlage gegen Witten war hingegen ein Tiefpunkt, da sind die Jungs in ein tiefes Loch gefallen, da hat es auch Tränen gegeben. Die HSG zu entwickeln, ist das Thema. Der private Bereich ist natürlich auch wichtig. Meine Frau ist schwanger, ich hoffe, dass die Geburt im Sommer so gut läuft wie vor vier Jahren bei unserem ersten Kind.
Felix Kroll, Michael Mirus, vielen Dank für das Gespräch!

Kaderplanungen bei der HSG schreiten voran

Corona-Krise hin oder her: In Sachen Personalplanungen sind die HSG-Verantwortlichen mit Blick auf ihr Landesliga-Team schon sehr weit. Nach Trainer Stephan Nocke hat auch das Gros des Kaders bereits zugesagt. Lediglich Julius Hahn, Sascha Pennekamp und Marcel Fenner haben sich aus beruflichen bzw. privaten Gründen noch Bedenkzeit erbeten. Der bisher feststehende Kader 2021/22:
HSG: Tim Stute, Colin Reid, Luan Ferizi – Marcel Plischka, Fabian Linde, Ben Schmidt, Lars Gruber, Phil Bieker, Phillip De Bie, Tamas Kiss, Robin Plischka, Jens Ritthaler, Justin Jung, Phil Lausen – Trainer: Stephan Nocke

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