Schädelprellung und Schleudertrauma

Brutale Attacke auf Schiedsrichter: Das ist die Strafe für Kreisliga-Fußballer

Symbolbild

Kreisgebiet – Als er die gelbe Karte bekam, sah er rot: Ein Fußballer des Kreisligisten TSKV Altena schlug den Schiedsrichter zu Boden. Jetzt wurde vor dem Sportgericht verhandelt - ohne den Beschuldigten. Verteidigen wollte ihn niemand. Am Ende stand ein Urteil, das nicht jedem passte.

Der kleinere Raum im Festzentrum Hohe Steinert, in dem das Kreissportgericht in der Vergangenheit in der Regel getagt hat, war von einer Trauergesellschaft länger als geplant belegt gewesen, so dass das Gericht umziehen musste in den größeren Nachbarraum. Der passte eigentlich auch viel besser, denn der zu verhandelnde Fall lockte sogar ein Fernsehteam an. Ein Novum.

Dafür fehlte der Beschuldigte – sein Anwalt hatte ihm angesichts eines anhängigen Zivilgerichtsverfahrens geraten, die Verhandlung beim Sportgericht gar nicht zu besuchen. Der Fall war medial der vielbeleuchtetste der vergangenen Jahre: Am 25. August hatte jener 28-jährige Fußballer des TSKV Altena, über den nun in Abwesenheit geurteilt werden musste, den 71-jährigen Schiedsrichter Uli Schlieper in der 86. Minute des Meisterschaftsspiels zwischen dem TuS Herscheid und dem TSKV Altena beim Stande von 5:1 für Herscheid tätlich angegriffen.

Der Referee war gestürzt, möglicherweise kurz bewusstlos (Schlieper wusste es so wenig klar zu sagen wie die anderen Zeugen auch) und hatte danach die Partie abgebrochen. An der Faktenlage gab es nichts zu deuteln. Alles zu dem Vorfall lesen Sie hier.

TSKV kämpft nicht für seinen Spieler

Die beiden Vereinsvertreter des TSKV kämpften nicht für ihren Spieler. „Wir waren überrascht, kannten ihn so nicht“, bekräftigten sie, gaben aber auch zu Protokoll, dass ihnen das Urteil egal sei. Man habe sich ohnehin vom Spieler getrennt – und außerdem noch zwei weitere Spieler suspendiert, die auch schon mal Schwierigkeiten machen würden. Eine Reduzierung des Personals unter Inkaufnahme der Abmeldung der D-Liga-Reserve. Die Botschaft: Der TSKV will keinen Ärger mehr und schon gar nicht mehr negativ auffallen.

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Er hatte Schlieper zur Entschuldigung sogar einen Blumenstrauß mitgebracht, noch so ein Novum vor dem KSG. Der TuS Herscheid hatte einen Vereinsvertreter geschickt, der wohl Uli Schlieper hatte am Boden liegen sehen, nicht aber, wie es dazu gekommen war. Dies beschrieb Schlieper dann aber ausführlich. Eine harmlose Situation, er hatte das Spiel laufen lassen, um einen Vorteil zu gewähren, und dann doch zurückgepfiffen, als es keinen Vorteil gab.

Schiedsrichter Uli Schlieper berichtete vor dem Kreissportgericht ausführlich von der Tätlichkeit und den gesundheitlichen Folgen für ihn.

Der Kicker hatte gemeckert, die Gelbe Karte gesehen, dann war er mit zehn Metern Anlauf auf Schlieper zugelaufen. Sicherungen durchgebrannt. „Ich bin fünfmal an der Nase operiert worden und habe mich weggedreht: Nur nicht wieder die Nase, habe ich gedacht“, sagte Schlieper, „und dann hat er mich mit der rechten Hand am Kinnwinkel getroffen. Ob ich bewusstlos war? Ich kann es nicht sagen. Wenn du K.o. bist, dann bist du K.o.!“

Diagnose: Schädelprellung und Schleudertrauma

Schlieper ist seit 28 Jahren Schiedsrichter, auch das Sportgericht kennt er gut. Als es noch Kreisspruchkammer hieß, war er öfter mal hier mit Spielabbrüchen. Er ist Schiedsrichter aus Leidenschaft. „Natürlich will ich wieder pfeifen, aber ich kann noch nicht“, sagte er. Es war hier seine Bühne, deshalb ergänzte er: „Ich bin zwar ein schlechter Schiedsrichter, aber wir haben ja sowieso zu wenige…“ Keine Frage: Schlieper hatte seinen Humor nicht verloren, dabei war das Thema ernst.

Seine Tochter, eine Ärztin, hatte ihn ins Krankenhaus geschickt. Diagnose: Schädelprellung und Schleudertrauma. Drei Wochen konnte er nicht Auto fahren. Den Sonderbericht verfasste er erst spät, weil er bei der Arbeit am Computer Kopfschmerzen bekam. Bei seinem Umzug von Lüdenscheid nach Werdohl am vergangenen Wochenende musste er die Arbeit von Helfern erledigen lassen. Nichts ging bei ihm.

Das Sport-Wochenende 21./22. September 2019, Teil 1

So lagen die Fakten nun auf dem Tisch, nichts war strittig. Der KSG-Vorsitzende Heiko Kölz erklärte die Sanktionsmöglichkeiten für tätliche Angriffe gegen einen Referee. Im normalen Fall zwischen ein und drei Jahren Sperre, im minderschweren Fall sechs Monate, in besonders schweren Fällen bis zu acht Jahren Sperre. Die TSKV-Vertreter hörten es und fanden „zwei bis drei Jahre“ gerechtfertigt.

Schlieper selbst, der einen Antrag gestellt hatte, als Beteiligter am Verfahren teilzunehmen, sagte: „Man greift keinen Menschen an, schon gar keinen über 50, ich habe es am Herzen. Da riskiert man mein Leben. Acht Jahre sind zu wenig. Ich plädiere für lebenslänglich…“ So weit mochte das KSG dann aber doch nicht gehen.

Das Urteil: Weitere zwei Jahre Sperre für den TSKV-Kicker bis zum 23. September 2021, 300 Euro Geldstrafe für den Spielabbruch, die der TSKV in Mithaftung für seinen Fußballer tragen muss. Dazu die Verfahrenskosten. Und natürlich die Punkte für den TuS Herscheid (Spielwertung: 5:1).

Schiri-Chef hätte härtere Strafe gefordert

Heiko Kölz sprach bei der Begründung von einem „schwierigen Balanceakt“ – die Verletzungen seien vergleichbar mit denen bei Verkehrsunfällen. Er verwies auf schwerere Verletzungen bei früheren Fällen (z.B. einen Nasenbeintrümmerbruch). „Es ist sicher kein minderschwerer Fall, aber man darf auch nicht übers Ziel hinausschießen“, sagte Kölz, „wir mussten auch im Auge behalten, den Spieler nicht unverhältnismäßig zu anderen Spielern zu bestrafen.“ Die Verfahrensbeteiligten nahmen das Urteil an. Der Schiedsrichter-Chef des Kreises, Christian Liedtke, hätte sich „ein bisschen mehr gewünscht, vielleicht drei Jahre“.

Sein Kreisvorsitzender Klaus Scharf ging noch weiter: „Ich hätte acht Jahre gefordert.“ Scharf kündigte an, dass der Fall damit für den TSKV Altena zwar vor dem KSG abgeschlossen ist, dass der Verein aber in Kürze zu einem Gespräch mit der Kommission Integration des FLVW gebeten werden wird. „Der TSKV ist in diesem Jahr zum zweiten Mal auffällig geworden“, begründete Scharf diesen Schritt. Und dann war ein denkwürdiger Abend vor dem KSG vorbei.

Das Sport-Wochenende 21./22. September 2019, Teil 2

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