Integration als Chance für die Sportvereine

Prof. Dr. Christa Kleindienst-Cachay von der Universität Bielefeld ermunterte die Vereine am Dienstagabend, das Thema Integration strategischer anzugehen. - Fotos: Machatzke

Lüdenscheid - Integration und Sport – das sind zwei Begriffe, die gut zueinander passen. In der Gesellschaft gibt es wenige Orte, in denen Integration mehr gelebt wird als im Sportverein. Wird aber in Sportvereinen mit dem Thema Integration bereits sorgfältig und bewusst genug umgegangen? Am Dienstag war auch dies Thema der Auftaktveranstaltung „Sport und Integration“ des Kreissportbundes im Lüdenscheider Kreishaus.

Von Thomas Machatzke

Mit Prof. Dr. Christa Kleindienst-Cachay war von der Universität in Bielefeld eine echte Expertin auf diesem Themengebiet gekommen und stellte im Impulsreferat, das im Zentrum des Abends stand, eine Studie der Universität Bielefeld vor. Thema: „Die Integration von Migrantinnen und Migranten in und durch den Sport“.

Am Beispiel der Städte Bielefeld und Duisburg hatten sich die Forscher aus Ostwestfalen dem Thema genähert. „Nach unserer Definition für Migrantinnen und Migranten gibt es bei 82 Millionen Einwohnern in Deutschland etwa 16 Millionen, also annähernd 20 Prozent“, erklärte Kleindienst-Cachay, „im Märkischen Kreis sind es sogar 27 Prozent. Bei den Kindern bis zum Alter von sechs Jahren sind es in Bielefeld 46 Prozent mit Migrations-Hintergrund.“ Ihre Schlussfolgerung: „In zehn bis 15 Jahren wird unsere Gesellschaft eine andere sein – bunter, vielfältiger.“

In der Studie hatten sich die Verantwortlichen mit deutschen Sportvereinen, Jugendhäusern, Sport-AGs, Betriebssportgemeinschaften und auch Fitness-Studios beschäftigt. Kleindienst-Cachay konzentrierte sich am Dienstag auf die Vereine und Fitness-Studios. Die Erkenntnisse der Studie sind nicht revolutionär, und doch legen sie dar, dass die Integration in vielen Bereichen eben doch längst noch nicht so weit ist, wie es wünschenswert wäre.

Der Handballsport hat Nachholbedarf

Bei einem Anteil von 31 Prozent Migranten in Duisburg und Bielefeld beträgt der Anteil an Mitgliedern in Sportverein mit Migrationshintergrund nur 14,8 Prozent. In Fitness-Studios liegt er bei 24,8 Prozent. 64 Prozent aller Sportvereine gaben in den Befragungen an, dass sie keine oder kaum Mitglieder mit Migrationshintergrund haben. Auf der anderen Seite gibt es etwa 2,5 Prozent der Vereine, die zu mehr als 75 Prozent aus Migranten bestehen. Im Vergleich: In den Fitness-Studios liegt der Anteil, die keine oder kaum Migranten als Mitglieder haben, bei 33 Prozent. „Zwei Drittel der Vereine haben praktisch keine Migranten – deshalb sprechen wir hier von einem Verinselungseffekt“, stellte Kleindienst-Cachay fest.

Als weitere Tendenz ist ablesbar, dass der Frauenanteil bei den Menschen mit Migrationshintergrund in Sportvereinen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung niedriger ist. Bei der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil bei 40 Prozent Frauen, bei den Mitgliedern mit Migrationshintergrund bei 30 Prozent. Auffällig hier: In Fitness-Studios teilt sich der Anteil der Migranten auf 47 Prozent Frauen und 53 Prozent Männer auf.

Interessant ist auch der Blick auf das Alter der Sportvereins-Mitglieder mit Migrationshintergrund, der deutlich von dem der Gesamtbevölkerung differiert: 58 Prozent der Migranten in Sportvereinen sind Kinder und Jugendliche, 30 Prozent Erwachsene, nur 3,5 Prozent Senioren über 60 Jahre. In der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil der Senioren bei 17 Prozent, der Erwachsenen bei 56 Prozent und jener der Kinder und Jugendlichen „nur“ bei 33 Prozent.

Erklärlich sind diese Daten mit Blick darauf, in welchen Sportarten Migranten zu Hause sind: 57 Prozent spielen Fußball, 14 Prozent sind Mitglieder, das Turnen (10 %) und das Schwimmen (9 %) sind noch relativ gut vertreten. Im Tischtennis (3 %), Handball (3 %) oder Reha-Sport (2 %) ist der Anteil gar nicht mehr relevant. Basketball taucht in der Statistik nicht einmal mehr auf. Im Verhältnis Wettkampf- und Breitensport liegt der Wettkampfsportler-Anteil bei Migranten bei 62,7 Prozent, bei der Gesamtbevölkerung ist er exakt umgekehrt...

Migranten als wertvolle Ressource

„Es gibt eine ganze Reihe von Sportarten mit erheblichem Nachholbedarf“, stellte Kleindienst-Cachay fest und ermutigte Vereine überdies, Menschen mit Migrations-Hintergrund auch in Funktionen zu locken – als Übungsleiter oder auch im Vorstand von Vereinen. Integration im Sport – für Kleindienst-Cachay eine Situation, bei der beide Seiten gewinnen. Die Migranten durch den Abbau sozialer Distanzen und den Zugewinn interkultureller Freundschaften. Bei den Vereinen kritisierte die Professorin: „Ein großer Teil der Vereine beschäftigt sich nicht strategisch damit, wie man Integration fördern kann. Viele Vereine leisten Hervorragendes, aber bei der Mehrzahl der Vereine hat man Integration als Thema noch gar nicht wahrgenommen.“

Die Kommunikation der Verbände, so Kleindienst-Cachay, komme unzureichend an der Basis an. Zudem fordert sie die Vereine zum Umdenken auf: Weg vom Defizitblick hin zu einer Betrachtungsweise, in der Migranten als wertvolle Ressource für die Zukunft gesehen werden. „Alle Vereine, ausgenommen die Fußballer, haben doch Probleme, ihre Mitgliederzahl zu halten. Es wird immer schwieriger, die Wettkampf-Mannschaften zusammenzubringen. Überall fehlen Übungsleiter, Trainer und Schiedsrichter“, stellte Kleindienst-Cachay fest, „das ist die Einflugschneise für das Thema Integration. Es geht um einen intensiven Vereins-Entwicklungsprozess – hin zur interkulturellen Öffnung. Und die muss am Ende von oben gewollt und von unten getragen sein.“

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