Fußball

„Benehmen wird immer schlimmer“

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Der KJSG-Vorsitzende Ralf Willschütz

Lüdenscheid – Nicht ein einziges Mal hat das Kreisjugendsportgericht in der vergangenen Saison getagt. Allerdings nicht, weil sich die Vereine auf den Fußballplätzen des Kreises so vorbildlich benommen haben. Die neue Rechts- und Verfahrensordnung, in der die frühere Kreisjugendspruchkammer den Namen Kreisjugendsportgericht (KJSG) bekommen hat, sieht vermehrt Einzelrichter-Urteile vor.  Die Zahl der Fälle, mit denen sich KJSG-Vorsitzender Ralf Willschütz als Einzelrichter beschäftigen musste, sind deutlich angestiegen. Im Gespräch mit Sportredakteur Thomas Machatzke blickt Willschütz auf die Saison zurück.

Ralf Willschütz, das erste Jahr für das Kreisjugendsportgericht nach der neuen Rechts- und Verfahrensordnung ist um. Wie fällt die Bilanz aus?

Für mich selbst ist es definitiv mehr Arbeit gewesen. Früher hat man die Sitzung vorbereitet, die Leute geladen und verhandelt. Die Kammer konnte sich ein Bild machen, man war beim Urteil nicht so alleine. Nun muss ich als Einzelrichter den Fall betrachten, bewerten, die Beweismittel aufnehmen, telefonieren und notieren, was die Einzelnen gesagt haben. Es ist schon aufwändig. Und dann muss das Urteil ja auch hieb- und stichfest sein, sonst geht der Verein in Berufung. Dieselbe Anzahl an Fällen nimmt mehr Zeit in Anspruch als früher – am Ende bin ich wegen beruflicher und gesundheitlicher Dinge gar nicht richtig nachgekommen, auch, weil im Winter bei den Hallenturnieren eine Menge an Fällen dazugekommen ist. Einige Urteile kamen deshalb erst sehr spät. 

Wie ist das Jahr vom KJSG – unabhängig von der Art zu urteilen – einzuschätzen? 

Nach der relativen Flaute im Vorjahr ist die Zahl der Fälle wieder deutlich angestiegen, von rund 15 auf mehr als 25. Zum Beispiel sexistische Beleidigungen hat es reichlich gegeben, eine klare Zunahme. Es ging schon im Herbst los. Trainer haben sich gegenseitig beleidigt, es gab Spielabbrüche. Bei den E- und F-Junioren meinten Vereine, es sei nicht richtig gepfiffen worden, aber das ging aus wie das Hornberger Schießen. Da hat der Vorstand am Ende mitgetragen, dass wir das gar nicht weiter aufgreifen und verhandeln. Generell würde ich sagen, dass Trainer zu oft die Sportlichkeit aus den Augen verlieren. Sie üben nicht den Einfluss auf ihre Mannschaften aus, den wir uns wünschen würden. Dazu haben die Beleidigungen gegenüber Schiedsrichtern erheblich zugenommen. Dabei sollten doch alle froh sein, dass die Schiedsrichter überhaupt kommen. Wenn der Schiedsrichter kritikwürdig pfeift, darf man die Kritik gerne später an den Obmann herantragen. Klar ist doch, dass immer weniger Schiedsrichter pfeifen wollen, wenn sie so angegangen werden. 

Was wünschen Sie sich denn für die neue Saison? 

Zunächst einmal, dass die Vereine die neuen Regeln gerade auch bei ihren Trainern gut publik machen. Und dann natürlich ein besseres Miteinander auf dem Platz. Der Umgang mit dem Gegner und dem Schiedsrichter sollte stets fair sein. Gerade die Trainer haben da eine Vorbildfunktion, die Jungs schauen sich doch bei ihnen das Verhalten ab. Ich selbst trainiere beim VfB Altena die F-Jugend und habe da auch einiges erlebt. Ein Spiel ist so eskaliert, dass die Leute von unserem Gegner mit Regenschirmen auf den Platz gelaufen sind. Was sollen denn die jungen Fußballer da denken? Zum Glück haben wir besonnen reagiert, so dass es nicht noch weiter eskaliert ist. 

Es hat gleichwohl nicht eine einzige Verhandlung in der Saison gegeben. Sie haben in allen Fällen selbst als Einzelrichter geurteilt... 

In einem Fall war der VfB Altena beteiligt, da hat mein Stellvertreter Peter Schmalenbach als Einzelrichter das Urteil verfasst. Ansonsten stimmt das, ja. Man schlägt dem Vorstand des Vereins ein Urteil vor, und ich habe den Eindruck, dass der Verein das dann auch gerne annimmt, damit die Sache vom Tisch ist. Ich weiß auch gar nicht, ob das dann tatsächlich in den Vereinen bei den Beklagten so ankommt. 

Nach der alten Rechts- und Verfahrensordnung wurden die Angeklagten vor die Kammer zitiert und mussten sich für ihr Verhalten verantworten. Hatte das nicht auch einen erzieherischen Effekt?

Ja, genau das denke ich auch. Sowohl für den Beklagten selbst als auch fürs Umfeld –man musste sich noch einmal mit dem beschäftigen, was man gemacht hat. Deshalb werde ich auch dazu übergehen, Vereine, die häufiger auffällig werden in einer Saison, wieder vor die Kammer zu laden. Das Benehmen wird ja immer schlimmer. Früher haben sich die Leute, wenn sie den Schiedsrichter beschimpft hatten, nachher auch mal entschuldigt. Heute sind Kanonaden an Beschimpfungen an die Schiedsrichter gegangen, da habe ich gar kein Verständnis dafür. Es mag sein, dass das neue Modell für das KJSG kostengünstiger ist, aber ob es vom erzieherischen Effekt genauso gut ist – dafür ist die vergangene Saison jedenfalls den Beweis schuldig geblieben. 

Ralf Willschütz, vielen Dank für das Gespräch!

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