MZV-Serie: Übungsleiter der Woche

„Früher wurde gemacht, was der Trainer gesagt hat“

+
Johannes Riedel schaffte mit seinen Aktiven mehrere Male Qualifikationen für Deutsche Meisterschaften. Hier ist es die 4x400m-Staffel 2015 in der Besetzung (v.l.) Tim Dahlhaus, Florian Kalb, Frederic Wolf und Niklas Bergmann.

Lüdenscheid - Trainer und Übungsleiter im Sport: Auf der einen Seite sind da die „Profis“, die in der Bundesliga oder bei Olympia im Rampenlicht stehen und viel Geld verdienen. Auf der anderen Seite gibt es im Sport aber auch unzählige Trainer und Übungsleiter, die ehrenamtlich oder für eine kleine Aufwands-Entschädigung in der Halle oder auf dem Sportplatz stehen.

Seit 1972 gibt es die Leichtathletik-Gemeinschaft (LG) Lüdenscheid. Einer der Männer der ersten Stunde war auch Johannes Riedel. Damals noch als aktiver Mittelstreckler, seit 1978 dann auch als Trainer verschiedenster Gruppen bei den Bergstädtern. Mit Marc Kusche unterhielt sich der mittlerweile 70-Jährige A-Schein-Inhaber (Lauf) über seine Tätigkeit als Übungsleiter. 

Eigener Wunsch oder die Überredungskunst eines anderen? Was ist der Antrieb für Ihre Übungsleiter-Tätigkeit? Wie sind Sie dazu gekommen? 

Meine Leidenschaft für die Leichtathletik ist 1960 entflammt, als ich mit großer Begeisterung im Fernsehen die Leichtathletik-Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen in Rom verfolgt habe. 1967 habe ich dann selbst beim TV Friesen angefangen, meinen letzten Wettkampf noch mit 48 Jahren bestritten. Der Wunsch, Übungsleiter zu werden, ist schon sehr früh entstanden, ich wollte einfach das weitergeben, was ich bei anderen gelernt habe. Und da stehen an erster Stelle mein Trainer beim TV Friesen, Rudi Wendel, und mein Dozent beim Studium in Münster, Walter Oberste, der damals Bundestrainer für den Sprintbereich war. 

Der Faktor Zeit spielt für viele Menschen eine entscheidende Rolle. Viele haben keine Zeit für eine Übungsleiter-Tätigkeit. Wieviel Zeit investieren Sie pro Woche? Und: Wie geht das Umfeld damit um? Gibt es Kritik? 

Ob ich berufstätig war oder seit nunmehr einigen Jahren nicht mehr: Vier Trainingseinheiten pro Woche waren und sind Standard. Inklusive der Vorbereitung darauf kommen da schon zehn bis zwölf Stunden zusammen. Und die Wettkämpfe am Wochenende sind da noch nicht berücksichtigt. Natürlich hat das Familienleben darunter gelitten, nicht nur einmal gab es Kritik: Wie, du bist schon wieder weg? Irgendwann habe ich für mich entschieden, zumindest nicht mehr jeden Wettkampf zu besuchen, sonst hätte ich vielleicht irgendwann die Rote Karte zu sehen bekommen. 

Stichwort Ziele: Geht es Ihnen um konkrete sportliche Ziele bei der Arbeit als Übungsleiter oder eher um gesellige Aspekte? 

Die LG ist damals ins Leben gerufen worden, um den Leistungssport hier zu fördern. Und das war und ist auch mein Motto gewesen und auch noch heute mein Anspruch. Es ist aber klar erkennbar, dass Leistungsbereitschaft und Disziplin abgenommen haben. Es gibt einfach zu viel Drumherum, die längeren Schulzeiten tun ihr Übriges. Stichwort Disziplin: Früher wurde gemacht, was der Trainer gesagt hat. Heute wird oft diskutiert, werden Dinge in Frage gestellt. Da kommt man auch schon mal zu spät zum Training oder unentschuldigt gar nicht. Es sind Aspekte, die auch bei mir mittlerweile dazu geführt haben, dass jahrzehntelange Begeisterung und Motivation nachgelassen haben. Ein aktuelles Beispiel gibt es auch: Unser obligatorisches Trainingslager zum Abschluss des Wintertrainings und Vorbereitung auf die Bahnsaison auf Norderney fällt aus, weil im April keiner mitfahren möchte. Wenn, dann würden die Aktiven gerne im Mai fahren. Das aber ist sportlich gesehen zu spät. 

Stichwort Selbstkritik: Als Trainer bzw. Übungsleiter beurteilen Sie Ihre Schützlinge, üben Kritik, um sie zu verbessern. Wenn Sie auf sich selbst schauen, was gibt es denn da zu kritisieren und zu verbessern? 

Ganz klar: Ich bin ich vielen Bereichen manchmal zu ungeduldig. Beispiel: Wenn ich meine Gruppe zum Beispiel 5x600 Meter in einer bestimmten Zeit laufen lassen möchte, wird erst noch diskutiert, ob nicht drei Läufe reichen. Oder es werden unzureichende Zeiten gelaufen, obwohl ich genau weiß, dass es schneller geht. So etwas regt mich dann schnell, wahrscheinlich zu schnell auf. 

Noch eine Frage zum Spitzensport: Wie ist es möglich, dass im Männerbereich auf den Strecken 400 bis 10 000 Meter der letzte Deutsche Rekord 1997, also vor 23 Jahren, aufgestellt wurde? 

Da gibt es für mich mehrere Ansätze. Erst einmal glaube ich, dass die totale Bereitschaft der Athleten, sich zu quälen, mittlerweile nicht mehr ausreichend vorhanden ist. Da spielt auch die fehlende finanzielle Absicherung eine Rolle, sodass viele versprechende Athleten schon mit Anfang 20 aufhören. Und natürlich gibt es auch den Verdacht, egal ob es Läufer aus dem damaligen Ost- oder Westteil waren, dass nicht alles sauber abgelaufen ist. 

Johannes Riedel, vielen Dank für das Gespräch!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare