Fußball

Jil Hellerforth am Morningside-College: Gut eingelebt in Sioux City

Jubel beim Frauenfußball
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Eine Lüdenscheiderin mitten in der Jubeltraube der Mustangs des Morningside-Colleges: Jil Hellerforth (Mitte) hat ihren Weg im Soccer-Team der Frauen gemacht, spielt inzwischen direkt hinter der Spitze.

Fußball gespielt, Tennis gespielt und fleißig studiert: Das erste Semester ihres Sportstipendiums hat für Jil Hellerforth trotz der Pandemie ein relativ normales Studentenleben bereitgehalten.

Lüdenscheid – Frankfurt/Main, Dallas, Sioux City/Iowa: Am Sonntag geht es für die 18-jährige Lüdenscheidern Jil Hellerforth zurück aufs Morningside-College. Zurück auf den Fußballplatz, auf den Tenniscourt – und zurück zu einem Leben, das sich ein bisschen normaler anfühlt, als es dieser Tage im Sauerland der Fall ist.

Als sich das sportliche Multitalent im August zum ersten Semester im Rahmen ihres Sportstipendiums gen Iowa aufmachte, da saßen auch – mehr noch als üblich vor jeder Konfrontation mit dem Neuen, dem Unbekannten – Zweifel mit im Flieger. Was würde das geben in Pandemie-Zeiten im fremden Land? Wie würde sich die Corona-Krise entwickeln? Würde man überhaupt Fußball spielen können? Ein knappes halbes Jahr ist seitdem vergangen. Hellerforth hat Fußball gespielt, hat studiert, hat Tennis trainiert, Restaurants und Malls besucht, wirkt beim Treffen im Redaktionshaus in Lüdenscheid sehr zufrieden. Sportlich, aber auch darüber hinaus.

Zwei Wochen Quarantäne nach der Ankunft in Iowa, zwei Wochen mit Training in der Quarantäne-Gruppe mit all den Fußballerinnen, die aus dem Ausland gekommen waren. Dann ein Saisonstart mit zwei Wochen Verspätung, doch viel mehr hat die Pandemie dem Conference-Spielbetrieb nicht anhaben können. „Wir haben bis Ende November zwar auch Spiele verlegen müssen, wenn mal in einem Team mehrere Infizierte waren“, sagt Hellerforth, „aber am Ende sind alle Spiele ausgetragen worden.“

Jil Hellerforth: Gut eingelebt in Sioux City

Die Lüdenscheiderin, die in der vergangenen Saison noch für die Regionalliga-Frauen in Recklinghausen gespielt hat, hat auch in den USA ihren Weg gemacht. Aus den 40 Spielerinnen am College ist sie direkt für die 1. Mannschaft ausgewählt worden. Umgeschult von einer linken Verteidigerin zur „10“, also zur Spielerin direkt hinter der Sturmspitze („Das war am Anfang ungewohnt, aber dann ging es immer besser“). Noch nicht immer in der Anfangsformation, aber immer im 16er-Kader.

„Mustangs“ heißen die Sportteams des Morningside-Colleges. Bis zum letzten Spieltag führten die Fußballerinnen der Mustangs die Tabelle ihrer Conference an. Endspiel im November gegen den Tabellenzweiten. Ein Unentschieden hätte für Platz eins gereicht und zur Qualifikation für die Nationals. „Aber dann haben wir einen schlechten Tag gehabt“, sagt Hellerforth. 1:2 verloren. Und Hellerforth? Eingewechselt. Tor geschossen. Vertrauen bestätigt. So war es für die Bergstädterin ein Serienfinale, das ihr geteilt in Erinnerung bleiben wird.

Frauenfußball in den USA – das ist nicht nur vom Stellenwert etwas anderes. „Es wird viel körperlicher, aggressiver gespielt, weniger abgepfiffen“, sagt Hellerforth, „daran habe ich mich erst gewöhnen müssen.“ Auch das Training bedeutete eine Umstellung. Mehr Schnellkraft, Athletik. Hellerforth hat immer viel trainiert – in Recklinghausen Fußball, beim TC Halden und davor beim TC Halver Tennis, dazu daheim die Fitness. Aber nun, nach vier Monaten am College, fühlt sie sich vielleicht nicht fitter, aber anders fit, athletischer. Und gut versorgt fühlt sich die Sauerländerin. Die Probleme am linken Handgelenk gibt es nicht mehr – und wenn sich doch mal eine Blessur einstellt, geht’s direkt nach dem Training zum Physiotherapeuten. Eine Rundumversorgung, die die Lüdenscheiderin selbst aus ihrer Regionalliga-Zeit im Vest nicht kennt.

Es wird viel körperlicher, aggressiver gespielt, weniger abgepfiffen. Daran habe ich mich erst gewöhnen müssen.

Jil Hellerforth über den Frauenfußball in den USA

Dafür gibt sie auf dem Platz gerne alles. Auch im Training. Von 6 bis 8 Uhr steht die erste Fußball-Einheit an, von 18 bis 20 Uhr die zweite. Täglich. Dazu kommt am Nachmittag das Tennistraining. Studiert wird auch noch. Hellerforth hatte keine Langeweile, zumal die Fußball-Touren mitunter das komplette Wochenende ausgefüllt haben. Die längste mehr als sieben Stunden zum Zielort – mit Übernachtungen. Das Team der Jungen immer mit im Bus. Die schafften es am Ende sogar, ihre Conference zu gewinnen.

Zu einem relativ normalen Fußball-Leben gesellte sich ein relativ normales Studentenleben. Während ihre Freunde aus Lüdenscheid an deutschen Universitäten viel online unterrichtet wurden, fanden für Hellerforth drei der vier Kurse als Präsenzunterricht statt. „Nur Psychologie war online, weil die Professorin schwanger war“, sagt Hellerforth. „Für mich war der Präsenzunterricht sehr wichtig, um noch besser Englisch zu lernen.“

Deutsche Studenten hinken technisch hinterher

Zur Sprachgewöhnung kam die Gewöhnung an die technischen Standards. „Einen Stift braucht man praktisch nicht im Semester“, sagt die Lüdenscheiderin. Das College stellte allen Studenten ein Macbook zur Verfügung. Alles prima, nur eine Erfahrung nicht: Studenten aus anderen Ländern zeigten sich im Umgang mit Computerprogrammen deutlich weiter als Hellerforth und andere deutsche Studenten. „Wir haben da in Deutschland an der Schule auch kaum etwas gemacht“, sagt sie. „Natürlich bin ich auch vorher schon mit dem Computer umgegangen, aber das war schon etwas anderes – diese Probleme hatten alle Deutschen.“

Sei’s drum: Hellerforth hat sich auch in ihre Kurse hineingefunden, kommt gut klar. Ein weiterer Vorteil des Präsenzunterrichts und des Fußballs: Die Lüdenscheiderin hat direkt Anschluss gefunden, Freundinnen und Freunde. Sozialisation gelungen. Keine Selbstverständlichkeit in Corona-Zeiten.

Aber was heißt das in diesem Kontext überhaupt? Im Staat Iowa gab es bisher mehr als 290 000 Infizierte, mehr als 4000 Corona-Tote. Die Wochen und Monate im Herbst waren zwar vielleicht nicht so regnerisch wie im Sauerland, aber dafür mitunter kalt mit zweistelligen Minusgraden. Auch Sioux City ist keine Insel, die mit dem Virus nichts am Hut hat.

Jil Hellerforth (Zweite von rechts) fand in Sioux City übers College und den Fußball direkt Anschluss, Freundinnen und Freunde. Sozialisation gelungen. Keine Selbstverständlichkeit in Corona-Zeiten.

Der Umgang indes ist ein anderer als in Deutschland. „Ich habe das ja aus der Ferne alles verfolgt“, sagt Jil Hellerforth. Es wirft die Frage auf, welches Szenario im Moment surreal wirkt. Aus dem Blick der US-Studentin womöglich der Lockdown in der Heimat. Aus dem Blick der Familie das Leben am College mit geöffneten Restaurants, Malls, Bars und mit American-Football-Spielen auf dem Campus, die 12 000 Menschen im Stadion besuchten. Dazu der Präsenzunterricht am College.

„Auch beim Fußball hat es öfter Infizierte gegeben“, sagt Hellerforth, „aber der Verlauf war mit Ausnahme einer Spielerin aus Holland, die es schlimmer erwischt hat, meistens sehr leicht.“ Nach deutschen Maßstäben wäre die Lüdenscheiderin in den Wochen und Monaten mehr als nur einmal eine „Kontaktperson 1“ gewesen, in Quarantäne aber musste sie nie. „Selbst wenn die Zimmernachbarin positiv gewesen wäre, wäre eine Quarantäne freiwillig gewesen“, erzählt Hellerforth, „ich hätte das dann auf jeden Fall gemacht, aber den Fall hat es zum Glück nicht gegeben.“

Am College selbst gab es die Empfehlung, eine Maske zu tragen, aber keine Vorschrift. Vorm Fußballtraining wurde Fieber gemessen – wenn die Temperatur zu hoch war, musste diejenige erst einmal im Schatten eine Zeit lang warten. Nur, wenn die zweite Messung auch zu hoch ausfiel, musste man das Training auslassen.

Die Tennissaison beginnt Anfang Februar

„Vielleicht ändert sich das nun alles, wenn ein neuer Präsident kommt“, sagt Hellerforth mit Blick auf die Wahl von Joe Biden. Bis hin zum kompletten Wegfall des Präsenzunterrichts und auch einem Wohnverbot am College selbst gingen zuletzt die Szenarien – die Zeit muss es zeigen. Jil Hellerforths Vorfreude auf die Rückkehr nach Iowa trübt das nicht. „Natürlich werden mir meine Familie und meine Freunde hier in Lüdenscheid fehlen“, sagt die Bergstädterin, die sich aus der Ferne stets für das Geschehen daheim interessiert hat, auch für die Bürgermeisterwahl, für die sie ihre Briefwahl-Unterlagen in den USA ein bisschen zu spät erhalten hatte und am Ende doch nicht mitwählen konnte. Hellerforth aber fliegt nun gerne wieder in die Staaten: „Ich freue mich einfach, wieder auf dem Fußballplatz zu stehen und wieder Tennis zu spielen. Das mache ich nun mal am liebsten…“

In Lüdenscheid ist sie zuletzt Laufen gegangen, hat mit den Hanteln gearbeitet, gut einen Monat lang. Mehr war nicht möglich. Nun geht es wieder anders rund. Im Februar beginnt die College-Saison im Tennis. Das Fußballteam der Mustangs will sich über den Conference-Cup der besten acht Teams noch den zweiten Startplatz für die nationale Endrunde des Verbandes sichern. Dann würde es vielleicht nach Los Angeles gehen. Reizvolle Aussichten. Im Mustangs-Team indes werden zahlreiche ältere Spielerinnen, die in ihrem letzten Semester in Prüfungen gefordert sind, ersetzt werden müssen. Der Blick nach vorne – er ist so auch diesmal ein spannender, ein ungewisser. Aber mit den Erfahrungen des ersten Semesters werden nun keine Zweifel mitfliegen, eher Vorfreude. Vorfreude auf Fußball, auf Tennis, auf ihre neuen Freundinnen und Freunde – und auf ein vergleichsweise normales Leben.

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