Boxen

Aus der Krise Motivation schöpfen

Jan Christoph Jaszczuk wird zum Sieger erklärt.
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Sein Profidebüt entschied der Plettenberger Jan Christoph Jaszczuk gegen den Iraker Ramadan Falyoun (rechts) vorzeitig zu seinen Gunsten.

Plettenberg – Mit dem Gedanken gespielt hatte er schon länger. Am Samstag hat Jan Christoph Jaszczuk diesen Gedanken in die Tat umgesetzt. Mit 37 Jahren hat er seinen ersten Kampf als Boxprofi bestritten – und ihn schon nach einer Runde gewonnen.

Die Idee war über Monate gereift, über die Zeit des Lockdowns, die auch für das von Jaszczuk betriebene First Punch Box Center in Plettenberg eine einschneidende ist. Nicht nur das Boxtraining musste seit einem Jahr weitgehend ruhen, auch die anderen Angebote wie das beliebte Fitnessboxen mit Hobbysportlern zwischen 14 und 71 Jahren oder die Zusammenarbeit mit Jugendlichen in der Punch School kamen zum Erliegen. Über die sozialen Medien blieb Jaszczuk mit seinen Schützlingen in Kontakt, schrieb ihnen individuelle Trainingspläne, versuchte zu motivieren: „Ich habe schon im ersten Lockdown Vollgas gegeben und trainiert, so viel ich konnte. Klar, hatte ich auch das Glück, in unserem Gym trainieren zu können, aber wenn man dort nicht rein darf, kann man auch draußen, im Keller oder auf dem Dachboden trainieren.“

Pause seit November

In der Zeit zwischen erstem und zweitem Lockdown war im Box Center an der Jüttenstraße in Eiringhausen zumindest ein limitiertes, zeitlich genau abgestimmtes Training in Kleingruppen möglich, aber seit November musste der Betrieb wieder pausieren. Die bittere Konsequenz: Die Zahl der Boxer, die individuell trainierte, wurde immer geringer: „Anfangs hat noch ein Drittel von 60 mitgemacht, dann waren es nur noch drei, zuletzt sogar nur noch einer“, berichtet Jaszczuk. „Die Leute haben sich aufgegeben, halten es nicht mehr aus. Es geht ihnen schlecht, sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen. So geht jegliche Motivation verloren, so etwas geht auf die Psyche“, beschreibt der Plettenberger die Folgen des Lockdowns für die jungen Sportler.

Die Leute haben sich aufgegeben, halten es nicht mehr aus. Es geht ihnen schlecht, sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen. So geht jegliche Motivation verloren, so etwas geht auf die Psyche.

Jan Christoph Jaszczuk

Ein Jahr nicht geboxt

Er versuchte, ihnen Alternativen aufzuzeigen – auch welche, die auf den ersten Blick nichts mit Sport zu tun haben: „Lest Bücher, bildet euch weiter“ empfahl er in seinen Whatsapp-Gruppen, die freie Zeit sinnvoll zu nutzen und sich fit zu halten. „Diejenigen, die nichts gemacht haben, müssen sich hinten wieder einreihen, wenn es wieder losgeht“, sagt Jaszczuk. Doch nicht nur Jugendliche, selbst Profisportler, die ja aktiv bleiben durften, brachten in der Corona-Krise kaum Motivation auf. „Viele haben ein Jahr lang nicht geboxt“, weiß Jaszczuk aus Gesprächen.

Event ohne Publikum

Um in dieser Situation ein Zeichen zu setzen, nahm er die Planungen für einen Kampfnachmittag im First Punch Box Center in Angriff – unter strenger Einhaltung des Hygienekonzepts und ohne Publikum. „Damit auch unsere Leute aktiv bleiben können“, hatte Jaszczuk dabei vor allem auch die Ukrainerin Maryna Malovana im Blick. Sie sollte den Hauptkampf bestreiten, um sich für einen noch in diesem Jahr erhofften Titelfight vorbereiten zu können. Die Idee fand beim Boxverband positiven Anklang. Jaszczuk: „Wir hatten ein super Feedback. Selbst große Veranstalter machen es im Moment genauso und bieten kleine Events in den Gyms an.“ Das Ordnungsamt der Stadt Plettenberg willigte ebenfalls ein.

Doch der Hauptkampf platzte durch die Absage der Gegnerin von Maryna Malovana. Und weil sich kein adäquater Ersatz fand, reiste „Dark Angel“, die ihre drei bisherigen drei Kämpfe in Deutschland alle gewinnen konnte, aus der Ukraine erst gar nicht an. Jaszczuk: „Es hätte keinen Sinn gemacht, Flüge zu buchen, zumal es mit der Einreise sehr schwierig ist.“

So stieg am Samstag zunächst der junge Lippstädter Riccardo Ritiro (18) im Super-Weltergewicht für die First Punch Promotion in den Ring. Jaszczuk coachte aus der Ecke und sah das Talent im Kampf gegen den Gelsenkirchener Sandro Luetke Bordewick (29) als den überlegenen Mann. Nachdem er bereits die 1. Runde für sich entschieden hatte, schickte Ritiro seinen Gegner in Runde zwei mit einem Cross zu Boden und siegte durch technischen K.o..

Im zweiten, ähnlich einseitigen Kampf bezwang Ali El Said (36), ein Schützling von Jaszczuks Trainerkollegen Sebastian Tlatlik, ebenfalls im Super-Weltergerwicht seinen Kontrahenten Hani El Jarie durch technischen K.o. schon in Runde eins.

Mit Sebastian Tlatlik, dem älteren Bruder von First Punch-Boxer Robert Tlatlik, arbeitet Jaszczuk schon lange zusammen. Und ihm vertraute er auch als Erstem sein Vorhaben an, mit 37 Jahren – dem „letzten Moment, um anzufangen“, so Jaszczuk – selbst noch als Profi in den Ring steigen zu wollen. Was Tlatlik offenbar nicht überraschte: „Ich habe die ganze Zeit schon darauf gewartet“, soll seine Antwort gelautet haben.

Jan Christoph Jaszczuk hatte das First Punch Box Center in den vergangenen Monaten oft allein für sich. Er nutzte die Zeit zu intensiven Trainingseinheiten.

15 Kilo abgenommen

An der nötigen Fitness mangelt es Jaszczuk nicht. Konsequentes, zweimal tägliches Training, die Umstellung der Ernährung – seit zwei Jahren Vegetarier, lernte Jaszczuk, gesund zu kochen und nahm 15 Kilo ab – und Übungsrunden mit einem Sparringspartner von Schwergewichts-Weltmeister Tyson Fury machten den Plettenberger „fit wie noch nie“. Hinzu kam eine gute medizinische Betreuung, ohne die eine derartige Leistung gar nicht möglich gewesen wäre.

Und so war es letztlich keine so große Überraschung mehr, dass Jaszczuk nun, nachdem sein geplantes Debüt in Essen zweimal verschoben, dann nach Gelsenkirchen verlegt und letztlich komplett abgesagt werden musste, im heimischen Gym zum Profidebüt in den Ring stieg.

Harte Körpertreffer

Auch für den im Amateurbereich erfahrenen Gegner Ramadan Falyoun (30), einen in Essen lebenden Iraker, war es der erste Profikampf im Halbschwergewicht. Der auf vier Runden angesetzte Kampf endete vorzeitig. Jaszczuk setzte früh harte Körpertreffer und legte, als der Iraker die Hände herunternahm, zweimal zum Kopf nach. Eine zweite Runde wollte sich Falyoun nicht mehr antun und gab nach dem ersten Abschnitt auf.

Ein Einstand, der Jaszczuk zufrieden stimmte. Und der kein einmaliges Ereignis bleiben soll, „wenn der Körper mitspielt“, so der Plettenberger. Viel wichtiger als der eigene Erfolg ist Jan Christoph Jaszczuk aber die Botschaft, die er mit seinem Sieg in Corona-Zeiten transportieren möchte: Dass man eine Krise als Motivation nutzen kann, um noch mehr, noch intensiver an sich zu arbeiten. Und um dann gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

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