Der Handball und sinkende Mannschaftszahlen

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

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In der Kreisliga der weiblichen A-Jugend messen die SGSH Juniors und der TuS Drolshagen die Kräfte. In dieser Spielklasse sind gerade noch fünf Mannschaften dabei. Im Nachbarkreis Hagen gibt es gar keine Kreisliga im weiblichen Bereich mehr.

Kreisgebiet - Die Bälle sind bunter geworden als früher, und griffiger. Die Outfits haben modische Strahlkraft. Ergebnisse bis hinunter in die unterste Spielklasse stehen zeitnah im Internet, genauso andere Informationen und Geschichten über die Vorbilder, die nicht selten richtig gute Typen sind. Der Handballsport hat es eigentlich gut, und doch laufen ihm die Aktiven weg. Im Jahr 2015 sind die Mannschaftszahlen im DHB von 23 209 auf 22 192 zurückgegangen. Muss man sich Sorgen machen? Eine Spurensuche.

Der Handballkreis Gütersloh ist ein Flächenkreis wie der Kreis Lenne-Sieg. Sein Vorsitzender heißt Friedrich Prill. Prill (65) soll im Januar in seinem Amt wiedergewählt werden. Auch deshalb hat ihn die am Ort ansässige Zeitung zum Jahreswechsel befragt. Prill hat sich also auf die Suche nach Ursachen begeben. Ursachen dafür, dass der Kreis 26 Jugendmannschaften verloren hat, elf Prozent seines Bestandes aus 2014. „Handball hat enorm an Image eingebüßt“, hat Prill dem Redakteur gesagt. Sein Kreis hat noch 25 Vereine, es waren einmal 49.

Im Kreis Lenne-Sieg sieht es nicht entscheidend besser aus. Beim Blick auf die Spielklassen im Nachwuchs-Bereich gruselt es den Betrachter mitunter. Die Klassen sind spärlich besetzt, und hinter einem Teil dieser spärlichen Besetzung steht der Zusatz „aK“ – er steht für Mannschaften, die nicht genügend Aktive in einer Altersklasse zusammenbringen und deshalb zwei ältere Spieler einsetzen dürfen. Solche Teams spielen „außer Konkurrenz“. Eine Notlösung, die erfunden wurde für Mannschaften, die gerade in Not waren. Heute scheint der gesamte Jugendhandball in Not zu sein.

„Du kannst die Dinge nicht aufhalten, höchstens verzögern“, sagt Klaus Krass. Krass ist im Sommer zum Vorsitzenden des Handballkreises Lenne-Sieg gewählt worden. Er ist schon in seinem Verein Lennestadt der Hans-Dampf-in-allen-Gassen gewesen, nun macht er den Job im Kreis. Krass hat das Prill-Interview gelesen. Handball ist in Zeiten von Facebook gut vernetzt – noch so ein Vorteil gegenüber der alten Zeit. Oder ein Nachteil? „Unser Hauptkonkurrent ist das Internet“, hat Friedrich Prill gesagt, „da kann sich jeder davor setzen, King sein und einfach aufhören, wenn er keinen Bock mehr hat.“ Ja, das Internet, sinniert auch Klaus Krass, findet das aber vielleicht doch eine Spur überhöht.

Es gibt vielfältige andere Gründe. Manchmal hat der Zuhörer den Eindruck, auf diese Gründe werden die Kreisfürsten bei ihren Treffen im erweiterten HV-Präsidium eingeschworen, wenn sie den Verfall beklagen sollen. Der Offene Ganztag zum Beispiel ist kein Freund der Handballvereine. Das sagt Prill. Das sagt auch Krass. Die Kinder haben weniger Freizeit, die sie in den Sport investieren könnten. Der demographische Wandel gehört auch nicht zum Freundeskreis. Weniger Kinder, weniger Basis. Trendsportarten als Konkurrenz, natürlich auch König Fußball kommen dazu.

Zuletzt gab es dieses neue Problem, dass Vereine ihre Hallen nicht mehr nutzen konnten, weil diese als Notunterkünfte für Flüchtlinge genutzt werden. Der Handball ist da solidarisch. Engpässe gibt es gleichwohl. Gerade im Kreis Olpe, wo die großen Hallen in Attendorn, Drolshagen und Olpe geschlossen sind, ist die Situation im Detail problematisch.

Die Nationalmannschaft ist kein guter Werbeträger mehr

Und dann ist da noch all das, was der Handball trotz bunter Bälle und greller Outfits selbst verbockt hat. Im Januar spielen die Männer in Polen die Europameisterschaft aus. Es hat in der Vergangenheit eine WM gegeben, da war die Nationalmannschaft nur im Bezahl-Fernsehen zu sehen. Eine Katastrophe für den Sport, der gerade über die Turniere der Nationalmannschaft Begeisterung und neues Interesse am Sport generiert hat. Am meisten zu jenen Zeiten, in denen das Nationalteam auch noch erfolgreich war. 2007 zum Beispiel, als Heiner Brand die Mannschaft in Köln zum Weltmeistertitel führte. Derlei darf aktuell kaum erwartet werden. Die Nationalmannschaft ist international nicht mehr das Maß aller Dinge. Und die Bundesliga wird Stars und am Ende womöglich den Status, die beste Liga der Welt zu sein, verlieren.

„Keine Frage, wir sind nicht die Sportart Nummer eins“, sagt Klaus Krass, „im Wettbewerb mit dem Fußball sowieso nicht. Aber auch sonst schlafen die anderen nicht.“ Sein Kollege Friedrich Prill hat im Interview darauf verwiesen, dass der Handball in der Förderung des Landes nicht einmal mehr in den „Top 10“ rangiert. Vorsitzende schauen auf solche Details. Vor Ort sind andere Dinge entscheidender.

In Altena will sich der VfB Altena im Januar entscheiden, ob er auch ohne eine Handball-Abteilung leben möchte. Ohne Handball lebt der Großverein, der eine Oberliga-Vergangenheit hat, bereits. Außerhalb des in Sachen Handball eigenartigen Fleckchens Altena, wo TS Evingsen und  die neue Sport Union nebeneinander den Mangel verwalten, wird im Altkreis Lüdenscheid vielfach auf Spiel-Gemeinschaften gesetzt. Lüdenscheid, Halver-Schalksmühle, in Kierspe-Meinerzhagen, in Plettenberg/Werdohl. Der Kreis hatte es mit seiner Fusion mit den Kreisen Siegen und Olpe vorgelebt.

Positiv-Beispiel SG Schalksmühle-Halver

Die SG Schalksmühle-Halver ist aktuell das Positiv-Beispiel. Die Jugend-Abteilung ist die größte im Kreis, zumindest bei den Jungen sind alle Klassen besetzt, was nicht einmal der Nachbar in Lüdenscheid als Jugend-Flaggschiff der Vergangenheit mehr schafft. Die SGSH-Senioren in der 3. Liga sind ein Aushängeschild. Heimspiele sind Events. Handballkrise findet am Löh und an der Mühlenstraße höchstens statt, wenn sich Familie wie zuletzt intern nicht einig ist.

Die Konzentration der Kräfte mit so starken Standorten indes hat auch Schattenseiten. „Vergesst mir die kleinen Vereine nicht“, sagt Krass, „sonst haben Zentren wie Hagen, Schalksmühle oder Ferndorf am Ende keine Gegner mehr, gegen die sie spielen können...“  Im Handballkreis Lenne-Sieg gibt es inzwischen schon keine Spielklassen mehr für die Mädchen im E- und D-Jugendbereich. Die übrigen Klassen gibt es noch, aber sie sind quantitativ deutlich schwächer besetzt als in der Vergangenheit. Im Kreis Hagen sieht’s noch schlimmer aus. Den weiblichen Jugendbereich hat der Kreis komplett an den Spielbetrieb des Kreises Iserlohn/Arnsberg abgetreten. Bei den A-Junioren spielen die Hagener Teams in der Kreisliga Lenne-Sieg mit. Bei den B-Junioren gibt es sechs Teams auf Kreisebene, bei den C-Junioren sieben, selbst bei den E-Junioren nur acht. Viel weniger geht nicht mehr.

Kooperationen über die aktuellen Verbandsgrenzen hinaus?

„Wichtig ist, dass wir kommunizieren und einen Spielbetrieb möglich machen“, sagt Krass, „dabei werden sicher alte Strukturen aufgebrochen werden müssen.“ Krass denkt größer als in Kooperationen mit Hagen oder Iserlohn/Arnsberg. Sie würden ja auch Mannschaften ganz am Rande Westfalens kaum helfen. Von Bad Berleburg nach Schalksmühle ist es heute bereits weit. Nach Gevelsberg ist es weiter... „Ich würde es begrüßen, im gesamten Westdeutschen Handball-Verband komplett zusammenzugehen“, sagt Krass. Für Südwestfalen ergäben sich neue Kooperations-Optionen an der Grenze zum Mittelrhein-Verband.

Bevor so etwas entschieden wird, steht indes erst in Westfalen die Strukturreform mit der geplanten Abschaffung der Bezirke an, die beim Verbandstag im nächsten Jahr beschlossen werden soll. Die Probleme wird sie nicht lösen, aktuell schafft sie eher neue. In der Bezirksliga der Senioren wissen die Vereine bis heute nicht, welchen Platz sie belegen müssen, um nicht im nächsten Jahr in der Kreisliga A spielen zu müssen. Mitte Januar treffen sich die Kreisvertreter, um darüber zu sprechen. Ende April ist die Saison zu Ende. Es sieht von Außen nicht so aus, als ob die Dinge gut durchdacht sind.

Aber es muss gehandelt werden. In dieser Frage, und in den anderen. Klaus Krass hat im vergangenen halben Jahr in den Gremien viel erlebt, viel gelernt. Er weiß nicht auf alles eine Antwort. Von einem aber ist der Lennestädter überzeugt: „Wenn du gar nichts tust, wäre es das Allerschlimmste...“

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