Offensive Eigendynamik

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Malte Müller (rechts) und die SGSH traten selbstbewusst und mit Vertrauen in die eigenen Qualitäten auf.

Halver - Auch an einem Abend wie diesem schleicht sich mitunter der eine oder andere Schönheitsfehler ein: Christian Feldmann hatte für diesen viertletzten Spieltag der 3. Liga West eine klar definierte Aufgabe:

Der langzeit-verletzte Spielmacher der SGSH, der ja genau genommen inzwischen nach seinen beiden Hüft-Operationen ein Ex-Spielmacher der SGSH ist, sollte im Lokalradio dem Reporter vor Ort assistieren und das Geschehen für die geneigte Hörerschaft einschätzen. Feldmann aber, der nun schon so lange nicht mehr spielen darf, durfte dann auch erst einmal nicht sprechen, jedenfalls nicht live in die Wohnzimmer der Fans. Technische Probleme an der Mühlenstraße: Statt Drittliga-Handball gab’s bei Radio MK am Samstagabend dann erst mal nur Basketball. Auf dem Parkett hatte die SGSH in diesem so wichtigen Spiel weniger Probleme.

Selbstbewusstsein und Vertrauen

Die Partie war auch ein Lehrbeispiel dafür, wie Erfolge so manche Dinge auf einmal leicht erscheinen lassen, die vorher so schwer gefallen sind. Nach den hart erkämpften Siegen gegen Longerich (Sparte: sehr glücklicher Zittersieg) und Aurich (Sparte: verdienter Zittersieg) hatte die SGSH am Samstag etwas, das in dieser Saison so oft auf irgendeinem Autobahn-Rastplatz oder wo auch immer liegen geblieben war: Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Qualitäten. Lutz Weßeling ist dieser Tage ein Beispiel dafür. „Er ist meine Lokomotive“, hat Dragan Markovic schon vor Wochen festgestellt.

Es war genau genommen nach dem Spiel in Neuss, und es war eine Feststellung, die ein bisschen auch eine traurige gewesen war, denn dort war die Lokomotive nach einer Grippe so geschwächt gewesen, dass sie den Zug nicht über 60 Minuten hatte ziehen können. Im Vollbesitz der Kräfte reicht es bei Weßeling zwar meistens auch nicht für 60 Minuten auf allerhöchstem Niveau, aber eine Zeit lang kann er schon eine Urgewalt sein. Am Samstagabend gegen die Oberbergischen traf er vor dem Wechsel nach Belieben mit brachialer Gradlinigkeit. Eine Urgewalt eben. Und wenn sich ihm doch einmal zwei Mann in den Weg stellten, sah er oft die andere Urgewalt im SGSH-Spiel: Dominic Luciano. Der Kreisläufer war auch kaum zu halten für die HS-Defensive. War die SGSH-Offensive, in der auch Mayer und Eskericic einen guten Job machten, nun so stark oder war die Gummersbacher Defensive nur so viel schwächer als im Hinspiel? Eine dieser Fragen, die schwer zu beantworten sind.

An der Offensive berauscht

Handballspiele können eine so unterschiedliche Eigendynamik entwickeln. Im Hinspiel in der Schwalbe-Arena hatten sich beide Seiten so sehr ins Tore-Verhindern verbissen, dass am Ende nur 41 Tore gefallen waren. Auf beiden Seiten. Handballromantiker mögen so etwas, diese Spiele, in denen der tapfere Abwehrarbeiter zum Helden wird. Am Samstagabend berauschte sich die SGSH eher an ihrer Offensive. Da spielte es keine Rolle, dass sie dem Gast eigentlich viel zu viele gute Chancen gestattete. Es spielte auch deshalb keine Rolle, weil da ja ein Nicholas Plessers war. Seine Körpersprache signalisierte, dass er unbedingt wollte, dass es gegen seinen alten Verein sein Spiel wird. Und tatsächlich wurde es sein Spiel. Manchmal ist Handball so einfach. Für die letzten drei Saisonspiele hat die SGSH sich nun das Recht auf Gelassenheit erarbeitet. Fünf Punkte Vorsprung vor Soest sind ein sattes Polster.

Es gibt noch zwei Szenarien, in denen Soest die SGSH überholen könnte: Zum einen dann, wenn Soest gegen Varel, in Neuss und gegen Minden II gewinnt und die SGSH parallel in Korschenbroich, gegen Habenhausen und in Krefeld nur noch einen Punkt holt. Die zweite Variante: Soest holt in diesen drei Spielen fünf Punkte, die SGSH gar keinen mehr. Die Wetten auf eine dieser beiden Varianten dürften hohe Quoten versprechen. Sie sind so wahrscheinlich wie eine absolute Mehrheit für die FDP bei der nächsten Bundestagswahl. Gleichwohl wird es für die SGSH ein Anliegen sein, das Ziel am liebsten so schnell wie möglich aus eigener Kraft zu erreichen. Also am Samstagabend mit einem Auswärtssieg in Korschenbroich.

Ohne Druck zum Rogawska-Team

Das Rogawska-Team ist seit dem Wochenende sogar Tabellenvierter und so oder so eine der ganz positiven Überraschungen dieser Saison. Dort zu gewinnen, würde für die SGSH süß schmecken. „Wir haben jetzt dreimal in Folge gewonnen. Wie viele Siege in Folge werden es am Ende sein?“, fragte ein gut gelaunter Timo Blumberg am Samstagabend bei der Pressekonferenz Dragan Markovic. Der Bosnier war auch glückselig, aber zu viel versprechen wollte er dann doch nicht. „Wir haben ja doch einige Probleme mit Verletzten...“, wich er aus. Und so dürfte am Samstagabend die Frage sein, was mehr Gewicht hat am Niederrhein: Der Ausfall von Diehl, Merhar, Feldmann und womöglich auch Dmytruszynski oder am Ende doch das Selbstbewusstsein und der Rückenwind aus nun schon drei Erfolgen in Serie? Eine interessante Versuchs-Anordnung – inzwischen ohne jeden existenziellen Druck.

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