Handball, 3. Liga West

SGSH: Der Befreiungsschrei des Nesthäkchens

+
In Unterzahl-Situation Gold wert: Moritz Eigenbrodt, hier gegen Dennis Mestrum.

Schalksmühle - In der Zeit moderner Choreographien im Sport gibt es auch den Jubel in den unterschiedlichsten Facetten. Vieles wirkt einstudiert, wohl überlegt. Es gehört zum Geschäft dazu. Als am Samstag um kurz nach 21 Uhr Moritz Eigenbrodt diesen einen letzten Versuch gegen Longerichs Keeper Valentin Inzenhofer zum 33:32 im LSC-Tor untergebracht und der SGSH den Sieg beschert hatte, da war nichts einstudiert, und wohl überlegt war auch nichts.

Der US-Lyriker Walt Whitman kam einem in den Sinn, als man das Nesthäkchen des SGSH-Kaders beobachtete. Jener völlig enthemmte Jubelschrei, nicht enden wollend. Erst im Arm von Julian Mayer, dann von Dominic Luciano, von Lutz Weßeling und schließlich getragen in der Jubeltraube, noch immer schreiend wie am Spieß. Es war ein wahrhaft „barbarischer Yawp“ im besten Whitmanschen Sinne, also jene Art von Whitman beschriebener Befreiungsschrei des ungezähmten Menschen, der dann, wenn schon nicht über die Dächer der Welt, so doch durchs Tollhaus Löh schallte. 

Ausgerechnet Moritz Eigenbrodt. Ausgerechnet der, den Dragan Markovic gar nicht auf seiner Rechnung hatte, als er nach Schalksmühle kam. Gegen Ratingen und in Neuss spielte der Youngster aus Dortmund keine Rolle, stattdessen spielte unter starken Schmerzen der danach operierte Natko Merhar. Und dann, als Merhar ausfiel, gegen Minden II, startete Eigenbrodt durch, warf die wichtigsten Tore, immer dann, wenn es drohte, noch einmal eng zu werden. Und Markovic wunderte sich, freute sich und entschuldigte sich nach dem Spiel. Das, was er gesehen hatte, hatte er seinem Jüngsten schlichtweg noch gar nicht zugetraut. 

Eigenbrodt ist ja nur die Notlösung für die linke Außenbahn. Merhar verletzt, Fleischhauer in Gevelsberg. Der Youngster war als Rückraumspieler von A-Jugend-Oberliga-Meister DJK Oespel-Kley gekommen. Gemeinsam mit Max Büchel, dem man ob seines Talents zunächst am Löh viel mehr zutraute. Bis das Zutrauen, dass ein Spieler im ersten Seniorenjahr ein Spiel eines Drittligisten lenken könnte, im Fall Büchel nicht groß genug war. 

K.o.-Erfolg im Duell auf der Linksaußen-Position

Eigenbrodt dagegen startete durch, erst als Ersatz im Rückraum, als Weßeling, Dmytruszynski und Diehl verletzt waren. Schon da war er eine Freude für Trainer Mathias Grasediek, der Eigenbrodt gerne mit dem jungen Michael Feldmann verglich. So schnell, so quirlig, so beherzt und unbekümmert. Seine Unbekümmertheit hat sich der Sohn des Wittener Bundesliga-Ringers Tommy Eigenbrodt bewahrt. Und ein gesundes Selbstbewusstsein gepaart mit dem Instinkt für gute Entscheidungen. 

So gewann er das Linksaußen-Duell gegen Longerich unter den Augen des besten SGSH-Linksaußen der letzten Jahrzehnte und samstäglichen Zuschauers Oliver Bratzke nicht nach Punkten – es war ein glatter Knock-out gegen Daniel Wagener und Jimmy Hoffmann, die beste Gelegenheiten in bemerkenswerter Manier nicht einmal aufs Tor brachten. Wenn man so wollte, wurde das Spiel auf der linken Außenbahn entschieden. Mit vertauschten Außen wäre Longerich als Sieger vom Feld gegangen. 

Moritz Eigenbrodt könnte einer der Hoffnungsträger für die SGSH-Zukunft sein. Unter den vielen mit so vielen Vorschuss-Lorbeeren bedachten Zugängen des Sommers ist Eigenbrodt jedenfalls die positivste Überraschung in einem SGSH-Kader. Positive Überraschungen waren in dieser Saison ja generell nicht die Regel. Ein Low-Budget-Transfer als Volltreffer. Der Junge aus der Nachbarschaft, wo das In-die-Ferne-schweifen doch zur Regel geworden war in der neuen SGSH-Transferpolitik. Ein Wink mit dem Zaunpfahl womöglich. Mitunter liegt das Gute in der Tat viel näher als man denkt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare