Handball

Christian Prokop gibt Einblicke in den Alltag eines Bundestrainers

+
Tom Bergner und Bundestrainer Christian Prokop zusammen auf dem Podium in der Firma Jung.

Schalksmühle - Wenn der prominenteste Trainer des Landes einen für die Region führenden Handball-Standort besucht, dann ist das kein Tag wie jeder andere. Am Freitag war Handball-Bundestrainer Christian Prokop in Schalksmühle zu Gast - und das Programm war weder für die Gastgeber noch für den Gast „business as usual“.

Gastgeber war in diesem Fall die Firma Jung, die als Sponsor der Deutschen Nationalmannschaft, des Nur-Noch-Zweitligisten VfL Gummersbach und des lokalen Drittligisten SGSH Dragons ein ganz großes Herz für den Handballsport hat. Zum Start wurde der Gast aus Sachsen erst einmal durchs Werk geführt und dann direkt auf eine für seinen Besuch präparierte Bühne zur Talkrunde.

DHB-Pressesprecher Tim Oliver Kalle - als Mendener auch ein Mann der Region - moderierte, Christian Prokop, U19-Nationalspieler Tom Bergner und der Europameister von 2004, Mark Dragunski, der inzwischen als Jugendkoordinator und seit kurzem auch Drittliga-Trainer in Schalksmühle und Halver tätig ist, antworteten. Es war ein kurzweiliger Vormittag vor geladenen Gästen.

Prokop gab einen Einblick in den Alltag eines Bundestrainers, der viel durchs Land tourt. Noch am Donnerstagabend hatte sich der 40-Jährige in Wuppertal beim Bundesliga-Spiel zwischen dem Bergischen HC und dem THW Kiel einige seiner Nationalspieler angeschaut. Anders als zum Beispiel bei den Fußballern ist die Zeit, die ein Bundestrainer mit den Nationalspielern zusammen hat, noch knapper bemessen. Ende Oktober wartet noch ein Lehrgang inklusive zweier Testspiele gegen Kroatien, und dann war es das schon fast bis zur EM im Januar. „Die Bundesliga spielt ja bis zum 29. Dezember“, sagte Prokop, „am 2. Januar treffen wir uns noch einmal für sechs Tage, und dann geht es schon weiter nach Trondheim…“

Die Autogrammstunde am Löh wurde leicht überzogen...

Viele Hausaufgaben müsse man deshalb erledigen, um die Mannschaft wieder den nächsten Schritt machen zu lassen. Unter anderem forciert durch die Zusammenarbeit von DHB-Athletiktrainer David Gröger mit den Vereins-Athletik-Trainern. „Über die Messdaten bekommen wir objektive Eindrücke“, sagte Prokop - und die würden sich nicht selten mit seinen subjektiven Eindrücken decken. 13 Vereine mit Nationalspielern werden so betreut. Die Nationalspieler zum Teil in Regionallehrgängen geschult.

Einig war sich das Podium, dass das Jahr 2020 mit Europameisterschaft und Olympischen Spielen ein bedeutendes für den Handball werden wird im ersten Jahr nach der WM im eigenen Land. Ein Jahr vergleichbar mit dem Jahr 2004, als Mark Dragunski Europameister und Vize-Olympiasieger wurde. „Ein tolles Jahr mit einer tollen Truppe“, erinnerte sich Dragunski, „so eine EM muss ganz besonders vorbereitet werden, denn es gibt keinen wichtigeren Gradmesser für eine Mannschaft, kein Turnier ist besser besetzt.“

Aufmerksame Zuhörer für den Bundestrainer.

Handball zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Für letzteren Part stand Eintracht-Hagen-Drittliga-Talent Tom Bergner. Der Halveraner saß nicht nur als U19-Nationalspieler in der Talkrunde, sondern auch als All-Star-Kreisläufer der U19-Weltmeisterschaft, bei der er mit dem deutschen Team Silber geholt hatte. „Nach dem Finale tat es weh, weil wir uns so viel vorgenommen hatten“, erzählte Bergner, „aber heute bin ich unheimlich stolz auf diese Silbermedaille.“ Die hat einen Platz in seiner Vitrine bekommen. „Da war ja noch nichts drin…“ Ansonsten präsentierte sich ein bodenständiger, bescheidener Hüne. „Ich habe mich über die All-Star-Auszeichnung gefreut, aber dadurch ändert sich für mich nichts“, bekannte Bergner, „ich muss weiter arbeiten, habe ja noch Ziele, will jeden Tag besser werden. Es soll nicht mein letzter Erfolg bleiben. In der Vitrine ist ja noch Platz…“

Wächst da ein Nationalspieler 2024 heran? „Die Ansprüche werden höher und höher, nicht nur für Tom und die nächste Generation. Auch die Ansprüche an die Trainer“, stellte Christian Prokop fest, „eigentlich müssten die besten Trainer in die Jugendarbeit, aber da bekommt man natürlich nur wenig Aufmerksamkeit…“

Christian Prokop bei der Trainingsarbeit in der Sporthalle Löh.

Die Basis in Deutschland nannte der Bundestrainer „unglaublich breit und gut“. Es gehe nun darum, den kleinen Spielerbereich ganz oben in der Pyramide noch weiter zu verbessern. Weshalb? Prokop zitierte eine ganz neue Statistik aus der Champions League. „Der Rückraum ist spielentscheidend, aber in der Liste der Rückraum-Spieler in der Champions League ist Deutschland 17. - und unsere Hauptkonkurrenten belegen die Plätze eins bis fünf“, sagte Prokop, „wenn man ein Halbfinale bei einer EM spielt, ist es wertvoll, wenn ein Spieler Erfahrungen aus der Champions League hat.“ Die Schlüsselspieler im deutschen Team aber spielen oft „nur“ bei Mannschaften auf den Plätzen vier bis sieben. Und so wünscht sich der Bundestrainer charismatische Sportgrößen à la Steffi Graf, Boris Becker oder Dirk Nowitzki auch für den Handball. „An der Mentalität und Einstellung zu arbeiten, das ist noch höher zu bewerten als an Technik und Taktik…“

Die Jugendförderung derweil ist heute schon eine ganz andere als bei den Europameistern von 2004. „Mein erstes Länderspiel 1994 in Balingen gegen Marokko war mein erstes Auswahlspiel überhaupt“, erzählte Dragunski. Er war vorher schlichtweg nie berufen worden. Erst als nach seiner Zeit im linken Rückraum des VfL Eintracht Hagen in Essen zum Kreisläufer geschult worden war, war der Bezirksliga-Handballer aus Recklinghausen durch die Decke gegangen. „Heute ist alles zielgerichteter“, sagte Dragunski, „wenn ich auf unsere Nachwuchsarbeit bei den Dragons schaue, sehe ich da eine echte Aufbruchstimmung. Die Kids wollen, und wir wollen sie fordern und fördern, aber nicht überfordern…“

Die Talkrunde nach dem Talk: (von links) Jens Uwe Groll, Christian Prokop, Tom Bergner und Mark Dragunski.

Und so mündete der Talk am Ende eben doch wieder bei der Deutschen Lieblingskind, dem Nationalteam, als dessen bekennender Fan sich Jens-Uwe Groll als Geschäftsführer der Firma Jung outete. Der Kiersper wollte erst von Christian Prokop die aktuellen Chancen der lange verletzten Julius Kühn (Prokop: „An Julius in Topform kommt man nicht vorbei, aber er hat seiner Verletzung noch Arbeit vor sich…“) und Simon Ernst (Prokop: „Simon hat wieder eine stetige Entwicklung nach oben. In der Rückraum-Mitte brauchen wir für die EM einen Schub, Simon ist ein interessanter Mann.“) ergründen.

Und dann gab es da noch diese spezielle Frage. „Ich habe da eine WhatsApp-Gruppe, die heißt ‚Wir wollen einen Titel‘“, stellte Groll fest, „wann dürfen wir die umbenennen in ‚Wir haben einen Titel‘?“ Prokop formulierte es diplomatisch zurückhaltend. „Am liebsten so schnell wie möglich. Wir sind in der Lage, um Gold, Silber und Bronze mitzuspielen. Wir wollen im Januar eine Medaille. Aber ein bisschen Demut sollte uns da gut zu Gesicht stehen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare