Fußball

Gegen das Hochwasser hat die Plastikwiese in Winkhausen keine Chance

Sportplatz von oben nach Hochwasser
+
Der Sportplatz am Mittwochabend: Eine Art Freibad mit brauner Brühe...

Wo werden TuRa Brügge, Portugues, der FC Maroc und die Frauen des FFC Lüdenscheid kurz- und mittelfristig spielen? Nicht in Winkhausen. Der Kunstrasenplatz in Brügge ist nach dem Hochwasser ein Ort der Verwüstung.

Kreisgebiet – Am Tag, als der Regen kommt, ist der Sportplatz im Stadtteil Brügge, der offiziell Sportplatz Winkhausen heißt, eine von sechs intakten, gut frequentierten Kunstrasenanlagen in Lüdenscheid. Idyllisch gelegen zwischen Volme und Berghang. Anlaufpunkt im Quartier, Heimstätte für die Fußballer von TuRa Brügge und Portugues Lüdenscheid, die Bezirksliga-Frauen des FFC und demnächst zudem die neu gemeldeten Kicker des FC Maroc. Sie alle indes werden kurz- und mittelfristig wohl anderswo gegen den Ball treten müssen. In Winkhausen geht nichts mehr.

Ein Drohnenbild vom Mittwochabend hat das Zeug dazu, Einlass in die Geschichtsbücher der Stadt zu finden. Es zeigt inmitten eines Waldgebietes ein Areal wie ein großes Schwimmbad ohne Beckenrand. Das Vereinsheim von TuRa Brügge ragt aus diesem braunen See heraus, und hier und da ein Zaun und ein Tor. Kein Kunstrasen ist mehr zu entdecken. Ein surreales Bild, doch in der Realität ist es eines, das nachwirkt. Es ist keine gute Idee, Plastikwiesen als Überlaufzonen für Flüsse, die über die Ufer treten, zu verwenden. Plastikwiesen verkraften das nicht.

Als Matthias Reuver, Fachbereichsleiter für Jugend, Soziales und Sport bei der Stadt Lüdenscheid, und Michael Dregger in seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses der Stadt dem Sportplatz am Donnerstagnachmittag ihren Besuch abstatten, bietet sich ihnen ein Bild der Zerstörung.

Gegen das Hochwasser hat die Plastikwiese in Winkhausen keine Chance

„Mein Eindruck: Die Unterschicht, die gebundene Tragschicht und der Rasen an sich scheinen hin zu sein“, stellt Dregger in Analyse-Laune fest, „die Einfriedung und das Geländer sind noch da. Man sieht nicht, wie viel kaputt ist, aber der Platz ist wellig, am schlimmsten auf den ersten 20 Metern, da ist auch noch Tragschicht herausgebrochen.“ Eigentlich hätte den Ortstermin für die Stadt wohl Dierk Gelhausen übernommen. Der Sportfachmann im Rathaus allerdings weilt im Urlaub, was ihn nicht davon abhält, aus dem Urlaub heraus Kontakt mit einem Sportplatzbauer aufzunehmen, der nun vorbeischauen, den Schaden begutachten wird. „Erst danach wird man sagen können, wie schnell wieder etwas geht“, stellt Marit Schulte, Pressesprecherin der Stadt, fest, „aber es sieht nicht gut aus.“

Komplett unter Wasser: der Gastwirtschaftsraum im Vereinsheim des TuRa Brügge.

Es sieht nicht gut aus. Das sagt sinngemäß auch Michael Dregger. „Ob die Tragschicht zu retten ist, müssen Fachleute beurteilen“, sagt Dregger, „aber die Wellen sind an beiden Enden des Platzes, er muss komplett geschwommen haben. Und es roch nach Öl, das war nicht nur Dreck. Im Kunstrasen ist kein Granulat mehr, nur noch Schlamm.“ Dregger hält inne. Dann ergänzt er: „Ich gehe nicht davon aus, dass man auf diesem Platz in den nächsten Wochen Fußball spielen kann.“ Er sagt Wochen, aber es klingt eher wie Monate.

„Der Platz, der muss komplett neu gemacht werden“, stellt Jens Frank, Vorsitzender des Platzhirschen TuRa Brügge, mit großer Überzeugung fest, „der ist ja komplett unterspült.“ Das, was er gesehen hat, lässt für Frank kein anderes Urteil zu. Beim Vereinsheim liegen die Dinge noch etwas anders. Die Brügger haben am Mittwoch noch gekämpft darum, dass es verschont bleiben möge, haben versucht abzudichten, was abzudichten war. Wie hoch das Wasser indes steigen würde – es hat ihre Vorstellungskraft überstiegen. „Sonst hätten wir vielleicht noch Stühle und Tische auf den Dachboden geschafft“, sagt Frank, „aber niemand hat mit so etwas gerechnet…“

Der Platz muss neu gemacht werden, der ist ja komplett unterspült...

Jens Frank (Vorsitzender TuRa Brügge)

Dass das Vereinsheim mit Wasser vollgelaufen ist, ist ein besonders perfides Manöver des Schicksals: Nach einem Wasserrohrbruch waren die Kabinen und Duschen erst in der Corona-Pause saniert worden. Ein Versicherungsschaden. „Zwei-, dreimal haben die Jungs in den neuen Kabinen duschen können“, sagt Frank, „und nun das…“ Kabinen, Duschen, Küche, Gang, natürlich der Gastwirtschaftsraum – alles voller Wasser. „Da wird man nun den Schaden aufnehmen müssen, der Verein ist versichert“, sagt Frank.

Schlammig und gewellt: der Brügger Kunstrasen nach dem Hochwasser.

Vorher wartet indes der Arbeitsdienst. 1. Mannschaft, A-Jugend, 2. Mannschaft – man trifft sich am Ort der Verwüstung, schaut, wo Hand angelegt werden kann. Im Handanlegen ist TuRa Brügge immer ein Meister gewesen. Auch das Vereinsheim ist mit viel Eigenarbeit entstanden. Deshalb ist die Beziehung der Kicker zu ihrem Sportplatz auch eine ganz besondere im kleinen Vorort. Deshalb schmerzt es sie ganz besonders, wenn sie anderswo trainieren und spielen sollen.

Nun wird es Dinge geben, bei denen indes alle Bereitschaft zum Handanlegen nicht ausreichen wird. Auch die prompt angebotene Hilfe der Platznachbarm FFC und Portugues nicht. Das Vereinsheim wird trockengelegt werden, auch der Vorplatz, doch ohne die großen Maschinen wird wohl nichts gehen auf dem Kunstgrün, ohne das wiederum nichts geht in Winkhausen. Wann kommen die großen Maschinen? „Es wird erst Ausschreibungen geben müssen, und dann werden die Firmen auch erst einmal Zeit haben müssen“, sagt Michael Dregger.

Meister im Handanlegen: Die Brügger am Donnerstag bei den ersten Arbeiten vor dem Vereinsheim.

Bis dahin werden sie anderswo unterkommen, die Fußballerinnen und Fußballer. Einer der ersten „auswärtigen“ Vereine, die schon am Vormittag ihre Hilfe anbieten, ist der Kiersper SC. Die Mannschaft von Trainer Marco Carbotta hätte eigentlich am Sonntag ein Testspiel bei TuRa Brügge in Winkhausen austragen sollen. Zwar hätte die Partie auch in Kierspe stattfinden können. „Der TuRa will sich aber jetzt zunächst mit allen Kräften um den Platz kümmern – das kann ich absolut verstehen“, sagt Marco Carbotta.

In Absprache mit KSC-Chef Thomas Butz, dessen Firma das Hochwasser auch hart getroffen hat (Butz: „Zwei Werke stehen unter Wasser, die Lage ist katastrophal“), hat Carbotta dem TuRa noch am Donnerstag Zeiten für Trainingseinheiten und Testspiele am Felderhof angeboten. Carbotta: „Natürlich helfen wir, das ist selbstverständlich.“ Sollte es zudem noch Vereine geben, die kurzfristig Interesse haben, am Wochenende ein Testspiel gegen den KSC zu absolvieren, bittet Marco Carbotta um Kontaktaufnahme über die Homepage des Vereins (www.kiersper-sc.com).

Der Sportplatz Winkhausen nach dem Hochwasser - ein Ort der Zerstörung.

Auch Michael Dregger bringt für seinen Verein RWL direkt zweimal pro Woche (dienstags und donnerstags) Zeiten am Nattenberg für die Kicker aus Winkhausen ins Gespräch. Der SV Hellas hat sich direkt gemeldet und Hilfe angeboten. Es ist eine Welle der Solidarität. Über die Plätze wird indes letztlich Dierk Gelhausen entscheiden, wenn sein Urlaub vorbei ist. Die Fußballer in der Bergstadt, sie werden zusammenrücken müssen, wenn ein Sechstel ihrer Sportplatzfläche wegbricht.

Und vielleicht geht es auch um Lösungen, die ein wenig „out of the box“ daherkommen. „Am Nattenberg könnte man auch im Stadion trainieren“, sagt Dregger, wohl wissend, dass dies den Pflegeaufwand für die Stadt deutlich erhöhen würde, „und auch auf der Höh stehen die Fußballtore noch. Da müsste man zwar ein paar Büsche weghauen.“ Dregger hält wieder inne. Ein verwegener Gedanke? Dregger redet sich und seiner Idee Mut zu. „Zumindest für den Übergang“, sagt er, „sollte man in alle Richtungen denken.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare