Plettenberger spielt Fußball in den USA

Nick Stremel auf der Flucht vor dem Tornado

Plettenberger Fußballer Nick Stremel im Trikot der Oklahoma City University
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2018 brach sich Nick Stremel in der Summer League beim AC Connecticut das Nasenbein, lief deshalb in der Folgesaison in Oklahoma mit einer Gesichtsmaske auf.

Plettenberg – „Nein“, sagt Nick Stremel, ein solches Highlight wie vor drei Jahren, als er nach seinem ersten Semester in den USA von einem Besuch bei Dirk Nowitzki in Dallas berichten konnte, hat es kein zweites Mal gegeben. „Das war einmalig“, sagt der Plettenberger, der seit 2017 mit einem Fußballstipendium in Oklahoma City studiert. Zwar hat er Dennis Schröder, den neuen deutschen NBA-Star, vor dessen Wechsel zu den Los Angeles Lakers im Team von Oklahoma City Thunder gegen die Milwaukee Bucks spielen sehen – persönlichen Kontakt zum neuen deutschen Aushängeschild gab es aber nicht.

Uninteressant ist aber deshalb nichts, was Nick Stremel in den vergangenen drei Jahren in den USA erlebt hat. Er erzählt viel bei seinem Besuch in der Redaktion, die nur drei Minuten Fußweg von seinem Elternhaus in der Plettenberger Innenstadt entfernt liegt. Bei Mutter Birgit und Vater Stefan, dem früheren Jugend- und Seniorentrainer, erst beim SC, dann beim TuS Plettenberg, verbringt Nick seit dem 3. Dezember die Weihnachtszeit, trifft auch die Familie seines älteren Bruders Chris, Stürmer beim A-Ligisten SCP, ehe am 8. Januar der Flieger zurück in die USA startet und für Nick Stremel das letzte Semester seines Studiums an der Oklahoma City University (OCU) beginnt. Als Bachelor im Bereich „Business Administration“, mit dem Schwerpunkt Marketing, möchte er dieses Studium im Mai 2021 beenden.

Die Chance, nach dem Abitur mit einem Fußballstipendium in die USA zu gehen, hat der frühere Nachwuchskicker des TuS Plettenberg, des FC Iserlohn und von Eintracht Dortmund 2017 ergriffen und seinen Schritt nie bereut. Im Studium, das „verschulter“ ist als in Deutschland, ist er gut zurechtgekommen: „Für mich ist das System besser. Man muss das ganz Jahr über Leistung bringen und nicht nur bei einer Prüfung oder Klausur“, sagt Nick Stremel, der im Februar 23 Jahre alt wird. Die englische Sprache hat er inzwischen so verinnerlicht, dass er im Plettenberger Fitnessstudio „Feelgood“ dem Mitinhaber José Calero einmal eine Frage auf englisch beantwortet hat und diesen damit komplett verwirrte. „Das Umswitchen fällt hin und wieder noch schwer.“

Saisonbeginn im Februar

Lernen und Fußballspielen – diese beiden Konstanten im Leben von Nick Stremel haben sich auch in Oklahoma City in diesem Jahr verschoben, denn der Sport wurde auch in den USA durch die Corona-Pandemie stark eingeschränkt. Lief die Uni-Saison im Herbst 2019 für den Kapitän des OCU-Teams noch normal ab, so musste der für September geplante Saisonbeginn 2020 verschoben werden. Jetzt soll es am 14. Februar 2021 mit einem Heimspiel gegen Houston Victoria auf dem nach dem langjährigen OCU-Trainer benannten Brian Harvey Field losgehen. Elf reguläre Spiele bis Ende März stehen im Plan, die Reisen bleiben kurz, es geht nur nach Kansas und Texas.

Nick Stremel mit seinen Eltern Birgit und Stefan bei einem Basketballspiel von Oklahoma City Thunder.

Bevor die zweite Welle der Pandemie den Saisonbeginn verschob, hatte die erste, in den USA ungleich heftigere erste Welle im Sommer auch den Wunsch von Nick Stremel, die semesterfreie Zeit im Sommer noch einmal mit einem Engagement bei einem Zweitligisten zu überbrücken, torpediert. 2018 hatte der Plettenberger an der Ostküste für den AC Connecticut in der USL League Two gespielt. Von Danbury aus, wo der AC sein Domizil hat, sind es nur anderthalb Stunden bis nach New York City. Den „Big Apple“ besuchte Nick Stremel aber nicht nur 2018, sondern traf sich dort auch 2019 mit seinen Eltern für drei Tage zum Weihnachtsshopping.

Nur Training bei Colorado Rush

2019 war Stremel den Sommer über auf dem Campus in Oklahoma geblieben, wo er sich ein Vierer-Appartement mit zwei Engländern und einem Südkoreaner aus seinem multi-nationalen Team teilt. Im Sommer ist dort nicht gerade viel los, die einheimischen Studenten sind dann alle zu Hause. Um der Langeweile zu entgegen, zog es ihn in diesem Jahr an den Fuß der Rocky Mountains, nach Denver. Beim Club Colorado Rush, wohin er sein siebenminütiges, selbstgeschnittenes Video mit den besten Szenen aus seiner Collegesaison als Bewerbung geschickt hatte, war dann aber statt der zweimonatigen Summer League nur Training unter Auflagen möglich. Nick Stremel legte deshalb den Schwerpunkt auf ein Praktikum im Bereich digitales Marketing beim Zweitligisten. „Das ist eine Richtung, die ich später einmal gehen möchte“, war es eine lohnende Erfahrung für die spätere Berufswahl.

„Denver ist cool, eine Riesenstadt vor der Kulisse der Rocky Mountains – ganz anders als Oklahoma City“, sagt Nick Stremel, betont aber auch, dass Oklahoma City, wo über eine Million Menschen lebt, „immer unterschätzt“ werde. „Die dreieinhalb Jahre dort waren super.“

Nicht so super fand es der Plettenberger allerdings, als er am eigenen Leib erfuhr, warum das flache Oklahoma zu den Tornado Alley States zählt. Als sich im Sommer 2018 ein stürmisches Gewitter andeutete und die Warnapp auf seinem Smartphone anschlug, begannen auch schon die Sirenen zu heulen, und Stremel entkam dem Wirbelsturm nur mit knapper Not: „Ich musste noch über den kompletten Campus in eine sichere Zone laufen. Das war nicht ohne.“

Wetterextreme erlebte er auch im Nachbartstaat Texas. In San Antonio, wo Stremel den ersten Lockdown im Frühjahr bei Freundin Courtney in San Antonio verbrachte, herrschen im Sommer Temperaturen von 38 bis 40 Grad. „Ohne Klimaanlage geht da gar nichts.“

Dennoch: Nick Stremel kann sich durchaus vorstellen, in den USA zu bleiben. Nach seinem Bachelorstudium darf er eine Verlängerung seines Visums um ein Jahr beantragen, muss sich aber in dieser Zeit einen Job, vorzugsweise im Bereich Marketing, suchen. Daran würde sich ein zweijähriges Masterstudium anschließen, das durchaus an einer anderen Uni in einem anderen Bundesstaat stattfinden kann. „Ich bin da relativ offen. Denver oder vielleicht Florida wären schön. Ich versuche, irgendwo unterzukommen. Einblicke habe ich ja schon erhalten. Ich schau mal, was passiert, was mir gefällt – mit 22 muss ich mich ja auch noch nicht auf eine Sache festlegen“, gibt sich der Plettenberger entspannt.

Bruder Chris (rechts) und Thomas Boulis (links daneben) besuchten Nick Stremel 2018. Gemeinsam mit dessen Teamkollegen sahen die Plettenberger ein Footballspiel.

Zunächst aber will Nick Stremel das letzte Semester und seine letzte Collegesaison als Fußballer gut bewältigen. Er ist froh, dass im Februar mit den Spielen begonnen werden soll und hält sich dafür auch bei seinem Heimaturlaub in Plettenberg so gut es geht fit. „Viel machen kann ich ja nicht“, bleiben ihm zurzeit nur die Kontakte in der Familie und zu seinem besten Kumpel, Thomas Boulis. Der Fußballer, der nach zwei Jahren beim SSV Küntrop wieder beim TuS Plettenberg gelandet ist, besuchte Nick Stremel gemeinsam mit dessen Bruder Chris bereits 2018 in Oklahoma. Der Besuch eines Footballspiels war obligatorisch.

Dass Soccer, wie der Fußball in den USA heißt, größer und bedeutender werden wird, davon ist Nick Stremel überzeugt: „Die Spieler, gerade von den großen Unis, spielen bereits auf einem hohen Level. Und der US-Fußball entwickelt sich weiter in die richtige Richtung. In Connecticut war einer in meinem Team, der von der Uni in Virginia kam und jetzt in der MLS kickt.“ Doch neben der Major League Soccer werde auch die Entwicklung der nordamerikanischen Profis wie Pulisic, McKenna, Reyna oder Davies in Europa intensiv verfolgt. Dass der Frauenfußball in den USA noch erfolgreicher ist, habe mit der Stipendienverteilung zu tun. „An den großen Unis zählt im Männersport nur American Football. Deshalb haben die keine Stipendien für männliche Fußballer übrig, während die Frauen davon profitieren“, weiß Stremel.

Anhänger des Fusionsgedankens

Der Herbst 2020 in den USA, es war auch die Phase des Präsidentschaftswahlkampfs, den Stremel miterlebt hat: „Das war eine riesengroße Kampagne mit richtig Geld dahinter.“ Präsident Donald Trump hat auch er als „polarisierend“ empfunden und festgestellt, dass sich US-Amerikaner kaum umstimmen lassen, wenn sie sich einmal auf eine der beiden großen Parteien festgelegt haben. „Die Businessleute wählen eher die Republikaner“, ist seine Einschätzung. Er selbst habe keine Probleme in der Zeit der Trump-Präsidentschaft gehabt, „aber es ist sicherlich nicht einfacher geworden für Ausländer.“

Die Zeit in Plettenberg ist für ihn immer auch eine „Zeit zum Runterkommen. Back to the roots“, sagt Nick Stremel, der natürlich mitbekommen hat, dass SC und TuS Plettenberg eine Jugendspielgemeinschaft eingegangen sind. Für ihn ist dies bis auf den Namen („JSG – das gefällt mir nicht, Eintracht wäre besser“) ein erster richtiger Schritt. Für einen, der das Hin und Her zwischen den Vereinen gut kennt, sind doch Bruder und Vater mal für den TuS, mal für den SC aktiv gewesen, sollte der zweite Schritt alsbald folgen: „Jetzt muss auch eine Fusion her“, sagt Nick Stremel.

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