Interview

Giontas: „Die Saison muss abgebrochen werden“

TuS Stöcken-Dahlerbrück Giontas Dobbrow Linßen
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Das TSD-Trainerteam für die kommende Saison (von links): Christoph Dobbrow fungiert künftig als spielender Co-Trainer, Matthias Linßen als weiterer „Co“ von Chefcoach Janni Giontas.

Schalksmühle – Corona-Krise, der zwischenzeitliche Rücktritt von Trainer Janni Giontas und eine dezent abwärts zeigende tabellarische Fieberkurve: Hinter den Fußballern des TuS Stöcken-Dahlerbrück liegen ebenso ungewohnte wie ereignisreiche Monate. Im Video-Interview mit Janni Giontas (Trainer 1. Mannschaft), Vorstandsmitglied Daniel Herrmann und dem Sportlichen Leiter der Jugendabteilung, Marc Ritter, warf Axel Meyrich einen Blick zurück, sprach mit den TSD-Verantwortlichen aber auch über die Perspektiven der nächsten Monate.

Die Corona-Krise begleitet uns seit einem Jahr. Wie ist es Ihnen persönlich ergangen?
Ritter: Wenn man normalerweise drei- bis viermal pro Woche auf dem Platz steht und jetzt gar nicht mehr, dann ist das schon blöd. Bei mir kommt viel Kurzarbeit dazu. Kein Sport, kein Fußball – das ist schon schwierig.
Herrmann: Dieses Auf und Ab ist zermürbend. Ich habe vor allem ein Problem damit, dass man kein Ziel hat, nicht weiß, wann der Lockdown aufhört. Es fehlt einfach, sonntags auf dem Platz zu stehen, ein Bierchen zu trinken und doof rumzulabern (lacht).
Giontas: Ich war ohnehin niemand, der Freitag oder Samstag immer auf Tour gegangen ist. Aber gerade der Verlust der ganzen Kontakte im zweiten Lockdown, das ist schon hart. Der erste Lockdown hat mir persönlich nicht so weh getan, man ist mal zur Ruhe gekommen. Der zweite Lockdown kam dann sportlich gesehen zu richtigen Zeit für mich. Ich wäre sonst heute sicher nicht hier. Das war ja schon eine Art Fußball-Burnout bei mir. Ich war komplett zu. Jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich merke, was mir eigentlich fehlt.
…das ist eine gute Überleitung: Sie waren zwischenzeitlich zurückgetreten, sind dann zurückgekehrt auf die Trainerbank. Wie kam das?
Giontas: Es war damals ein Zeitpunkt, da hatte ich die Schnauze voll, obwohl wir Erfolg hatten. Es kann nicht sein, dass ich die Leute anflehen musste, zum Training zu kommen. Wir hätten mit der Mannschaft viel mehr erreichen müssen. Ich habe dann die Verantwortung übernommen und war enttäuscht. Von mir selbst und von der Mannschaft. Es ist doch so: Wenn ein Janni Giontas auf dem Platz steht und sich nicht mehr mit dem Schiedsrichter und dem gegnerischen Trainer anlegt, dann ist das nicht mehr Janni Giontas.
…aber jetzt sind Sie wieder da…
Giontas: Genau, ich habe mir viele Gedanken gemacht und Energie gesammelt. Wir haben ein Konzept ausgearbeitet, das in meinen Augen Zukunft hat. Wir wollen versuchen, eine junge Truppe aufzubauen und die jungen Burschen ranführen.
Herrmann: Wir sind da mit den Planungen auf einem sehr guten Weg. Janni ist auch im nächsten Jahr unser Trainer. Wir kommen jetzt an einen Punkt, wo der Umbruch auf die nächste Generation ansteht. Diesen Umbruch werden wir vollziehen – egal, mit welchen Konsequenzen. Marc Ritter wird in Zukunft das Bindeglied zwischen Jugend- und Seniorenabteilung sein, das ist eine ganz wichtige Position, damit die jungen Spieler einen Ansprechpartner haben. Christoph Dobbrow wird als spielender Co-Trainer an Stelle von Timo Sommer fungieren, der aus familiären Gründen kürzertritt, uns als Spieler aber erhalten bleibt.
Ritter: Ich persönlich komme jetzt in die Situation, dass meine Jugendspieler der letzten Jahre sukzessive in die Senioren wechseln werden. Das will ich begleiten, weil mein Herz an diesem Verein hängt. Das beinhaltet vor allem Präsenz am Platz und nicht nur im Hintergrund.
Giontas: Man muss das so sehen: Wer einen Umbruch macht, braucht auch ein paar Routiniers, an denen sich die Jungen orientieren können. Das wird holprig laufen zu Anfang. Wenn wir über dem Strich bleiben, ist das ein Erfolg. Der zweite Lockdown wird gerade den älteren Spielern zusetzen. Die Gemütlichkeit auf der Couch war so schön, da wird es vielfach schwer, einige zu pushen.
Das war ein Blick weiter voraus. Aber was soll Ihrer Meinung nach mit der jetzigen Saison passieren?
Giontas: Für gibt es nur eins: Die Saison muss abgebrochen werden. Besser jetzt den Strich drunter machen, als dass man erst wieder anfängt und es dann eine Reihe von Spielabsagen geben wird. Und man muss doch mal ehrlich sein: Für uns auf Kreisebene ist ein Abbruch doch gar kein großes Drama. Zehnmal schlimmer ist es für die ganzen Jugendmannschaften.
Ritter: Mein Wunsch war es immer, als Trainer überkreislich auf diesem Niveau trainieren zu dürfen. Das ist mir durch Corona genommen worden. Ich würde mir wünschen, dass es weitergeht, glaube aber, dass wir aufgrund des Terminplans nicht auf die 50-Prozent-Quote kommen werden.
Ein Blick auf die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise: Wie stark ist der TSD zum Beispiel durch die Absage von Turnieren betroffen?
Ritter: Der Sommercup fehlt, auch in der Kasse. Aber wir machen das nicht, um Geld zu verdienen, sondern für Eigenwerbung und um unserer Jugend etwas anzubieten.
Gibt es Abmeldungen aufgrund der Pandemie oder Mitglieder, die die Beiträge reduzieren?
Herrmann: Das ist zum Glück kein Problem. Mir ist kein Fall bekannt, dass uns wegen Corona wer verlassen hat.
Sollte es weitergehen: Was für eine Vorlaufzeit benötigen Sie für das Training?
Giontas: Wir brauchen nichts. Wir können sofort starten (lacht). Nein, im Ernst: 14 Tage geht gar nicht, Du brauchst mindestens drei Wochen, besser vier. Dann ist auch schon Mai und Corona nicht vorbei. Ich weiß überhaupt nicht, warum alle so einen Stress machen.
Ritter: Man muss einen Re-Start von der Belastung her gut steuern, sonst wird es viele Verletzungen geben. Drei Wochen sind das Mindeste.
Fernab des Kreisliga-Fußballs: Sie sind alle drei Bundesliga-Fans und zum Teil auch Stadiongänger. Geht Ihnen die Bundesliga ohne Zuschauer nicht fürchterlich auf die Nerven?
Giontas: Für mich als Trainer ist das ohne Zuschauer viel schöner. Was da auf dem Platz für Kommandos gegeben werden, wie sich Bundesliga-Profis ankacken und was von draußen für Kommentare kommen – die sind gar nicht so weit weg von uns. Mir macht das Spaß zu sehen, dass die Profis keine Roboter sind.
Herrmann: Ich fand das in den ersten Spielen krass, wie sich Kreisliga und Bundesliga ähneln. Für mich als Stadiongänger auch mit europäischen Fahrten tut das natürlich weh. Da sind wir wieder bei den sozialen Kontakten, die nicht mehr da sind. Natürlich schaut man trotzdem Fußball im Fernsehen – was will man sonst auch machen?
Ritter: 100-prozentige Zustimmung. Es ist super-interessant, mehr zu hören als nur zu sehen. Natürlich möchte man mal wieder ins Stadion, aber das wird wohl noch einige Zeit dauern…

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