KJSK: Wahrheits-Fahnder bei der Arbeit

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Auf der Suche nach der Wahrheit: Ralf Willschütz.

Lüdenscheid - Am Donnerstagabend ließ die Jugendspruchkammer des Fußballkreises Lüdenscheid das Kalenderjahr ausklingen. In Lüdenscheid wurden noch einmal zwei Fälle aus dem November verhandelt.

Wenn die Jugendspruchkammer des Fußballkreises tagt, dann ist sie auf der Suche nach Wahrheit, zumindest nach der Wahrheit für einen bestimmten und meist nicht sehr rühmlichen Sachverhalt. Da passt es ganz gut, dass die KJSK seit einiger Zeit in der Begegnungsstätte „Der Kleine Prinz“ in der Lüdenscheider Altstadt tagt. Der Schöpfer des Kleinen Prinzen, der Franzose Antoine de Saint-Exupery, war auch ein Wahrheitssucher. Jedenfalls hat er Sinnvolles über die Wahrheit und viele andere Dinge gesagt.

Ralf Willschütz sagt bei der KSJK auch immer wieder sinnvolle Dinge. Sätze, die von Saint-Exupery sein könnten, wenn der heute Sportrichter wäre oder zumindest Interesse an Fußball hätte. Am Donnerstag schlug sich die Kammer um ihren Vorsitzenden Willschütz noch einen letzten ganzen Abend um die Ohren, um zu urteilen, aber eben nicht nur: Gerade im Jugendbereich geht es auch darum, zur Umkehr zu bewegen, zur Umkehr vom schlechten zum guten Benehmen.

Der Abend des Pokalfinales der B-Junioren, ein Donnerstag im November, war so ein unrühmlicher Abend des schlechten Benehmens gewesen. Der SC Lüdenscheid hatte am Honsel 4:3 gegen den TuS Plettenberg gewonnen. Nach 4:1-Führung nur 4:3 – hektisches Finale, Rote Karte, Rudelbildung mit 30 bis 50 aufgebrachten Personen auf dem Spielfeld. Wenn man die Dinge auf den Punkt bringen will und nicht so sehr ins Detail geht, war der TuS Plettenberg an jenem 12. November ein schlechter Verlierer, ein sehr schlechter sogar.

"Du Bastard. Dich treffe ich wieder..."

Nick Aßmann war Schiedsrichter des Spiels. Er hatte nicht viel falsch gemacht – aber er hatte in der Schlussminute einem Plettenberger eine Nachspieldauer genannt, die diesem nicht gefallen hatte. Der Plettenberger, euphorisiert von zwei Toren und dem unbedingten Willen, noch ausgleichen zu wollen, den Pokal zu holen, hatte dies mit genau zwei Sätzen quittiert: „Du Bastard!“, hatte er gesagt, und: „Dich treffe ich wieder.“

Der A-Junior, ein kräftiger Spieler, gab dies unumwunden zu. Er gab auch zu, dass er sich bedroht gefühlt hätte, wenn er der Schiedsrichter gewesen wäre. Er machte einen sehr guten Eindruck. An jenem Abend hatte ihn aber nicht einmal die Rote Karte, die er gesehen hatte, eingefangen. Der Schiedsrichter hatte von seinen erfahrenen Assistenten beschützt werden müssen. Es war der Moment, an dem Willschütz einen dieser Sätze sagte: „Rot ist doch ein Stoppschild“, sagte er. Unverständnis.

Nur Burim Aliu hat den Schlag gesehen

Immerhin war der Täter geständig, bat den Referee um Entschuldigung. So wurde er „nur“ bis zum 20. März gesperrt. Nach der Winterpause wird er gerade drei Spiele in der Bezirksliga verpassen. Der andere Beschuldigte, ein Vereinskollege, kam mit einem Freispruch davon. Anders als der Rotsünder bestritt er alles, was ihm zur Last gelegt wurde. Laut Sonderbericht sollte der Spieler mit seiner Rückennummer einem B-Junior des SCL bei den Tumulten mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Die Wange, gerötet und zudem Blut an der Zahnspange, bestätigten alle Zeugen, aber den Schlag an sich hatte nur Burim Aliu aus dem SCL-Trainerstab gesehen. Er benannte klar den Spieler mit der Rückennummer.

Der Geschlagene nannte ebenfalls diese Rückennummer – allerdings waren die Beschreibungen zum Tathergang widersprüchlich. Und die meisten Zeugen – inklusive des Referees, seiner Assistenten und Pokalspielleiter Rüdiger Dreifach – hatten nichts gesehen. „Es ist keine Tätlichkeit eindeutig nachzuweisen“, begründete Willschütz das Urteil, „das ist unbefriedigend, aber wir wollen auch nicht den Falschen verurteilen.“ So kam der TuS Plettenberg, der auch keinen anderen Schläger hatte ermitteln können, mit einem Freispruch davon, muss aber die Kosten des Verfahrens tragen, was angesichts sehr vieler Zeugen nicht ganz billig werden dürfte. Auch die Kosten des zweiten Verfahrens, werden aus der Vier-Täler-Stadt berappt – vom SC Plettenberg.

Zwei Trainer als schlechte Vorbilder

Auch hier tagte die Jugendkammer, allerdings waren die Übeltäter hier keine Jugendlichen. Die beiden Trainer der A-Junioren des SCP saßen auf der Anklagebank. Vereinfacht könnte festgestellt werden, dass sie dort saßen, weil sie schlechte Vorbilder waren im trüben November, und zwar gleich dreimal. Der Cheftrainer war am 8. November nach überzogener Schiedsrichter-Kritik hinter die Bande verwiesen worden und hatte eine Geldstrafe erhalten. Für den Wiederholungsfall hatte der Staffelleiter die Abgabe an die KJSK angekündigt.

Der Wiederholungsfall trat eine Woche später ein, im Heimspiel des SCP gegen den TSV Lüdenscheid. Referee Ulrich Schlieper hatte seinen Linienrichter gegen die Kritik eines auf der SCP-Bank sitzenden Zuschauers schützen wollen. Es war eine jener Situationen, in denen Emotionen hochkochen. Der Zuschauer hatte Schlieper Schläge angedroht, Schlieper hatte sich gehen lassen und dem Zuschauer gesagt, er möge sich dann doch dafür schon mal draußen „warmlaufen“. Nicht relevante Dinge für den Fall, die gleichwohl aber einen Eindruck von dem geben, was für seltsame Dinge auf Fußballplätzen geschehen.

"Sie haben doch eine Vorbildfunktion"

Und der Trainer? Stand nach diesem Disput auf dem Spielfeld, übte Kritik – und wusste vor der Kammer nicht zu sagen, weshalb. Ralf Willschütz baute goldene Brücken, aber der Plettenberger mochte nicht darüber gehen. „Wenn so etwas eine Woche nach dem ersten Fall passiert, müssen Sie sich doch erst recht zurücknehmen. Sie haben doch eine Vorbildfunktion“, sagte der KJSK-Vorsitzende. Unverständnis.

Der Trainer entschuldigte sich bei Schlieper, räumte Fehlverhalten ein, aber er irritierte auch mit der Einlassung, dass ihn eine Geste Schliepers mit der Hand, er solle das Feld verlassen, vor seiner Mannschaft unmöglich gemacht habe. Verletzte Ehre. Dafür hatte Willschütz gar kein Verständnis, mit einer Geldstrafe von 75 Euro für eine Unsportlichkeit kam der Trainer trotzdem deutlich besser davon als sein Co-Trainer. Der war ebenfalls hinter die Bande verwiesen worden – zwei Wochen später im Spiel gegen den Kiersper SC. Allerdings wegen sexistischer Beleidigung. Der Fall war kurios, jedenfalls nach Darstellung des Co-Trainers, einem ehemaligen Landesliga-Kicker. Er gestand ein, die ihm zur Last gelegten Worte gesagt zu haben, allerdings als empörte Rückfrage an einen KSC-A-Junior, der ihn nach einer Roten Karte mit diesen Worten beleidigt haben soll.

Trainer und Schiedsrichter nehmen sich in den Arm

Die Echo-Geschichte verfolgte die Kammer auf ihrer Wahrheitssuche nicht mehr weiter, weil sie es letztlich auch nicht für relevant hielt. „Menschlich gesehen ist das nachvollziehbar, wenn es so gewesen sein sollte“, sagte Willschütz, „aber trotzdem haben Sie Vorbildfunktion. Diese Worte dürfen sie nicht benutzen.“ Der Co-Trainer wurde bis zum 6. März mit einer Funktionssperre belegt.

Beide Übungsleiter nahmen das Urteil an und gaben der KSJK ein Versprechen: „Wir werden uns hier nie wiedersehen. Versprochen“, sagte der Co-Trainer, sein Cheftrainer ergänzte: „Auf nimmer wiedersehen…“ Dann nahmen sich Schlieper und der Trainer noch in den Arm. Es war im 15. KJSK-Fall der Saison ein Finale, an dem sogar auch der Kleine Prinz seine Freude gehabt hätte.

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