Als Teamarzt bei der EM: Lange Tage in Vaxjö

Das medizinische Team für die Europameisterschaft in Schweden: Carsten Lueg (unten rechts) betreut das deutsche Frauenteam bis zum 15. Juli. Dr. Bernd Lasarzewski (unten Mitte), Chefarzt des Fachbereichs 3 im Sportkrankenhaus in Hellersen, hat für das Turnier die Oberaufsicht.

LÜDENSCHEID -  Eigentlich hatte Carsten Lueg für den Sommer 2012 eine Reise nach London geplant. „Aber die Olympia-Qualifikation habe ich quasi auf der Couch verpasst“, sagt der Orthopäde, der das Medizinische Versorgungszentrum im Sportkrankenhaus Hellersen leitet, und lächelt gequält. Es war der Abend des WM-Viertelfinals der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. In der Verlängerung verlor Deutschland gegen Japan. Für das Team platzte der Traum vom Titel im eigenen Land, für Lueg, der für London als Mannschaftsarzt vorgesehen war, der Traum von Olympia.

Zwei Jahre ist das her. London fand ohne die deutschen Fußballerinnen und den Arzt aus Hellersen statt. Nun aber ist Lueg mit den deutschen Frauen unterwegs. „Die erste große Maßnahme“, nennt er die Reise nach Schweden. Am Sonntag ging es mit dem Flieger von Frankfurt aus gen Norden. Am Mittwochabend wartet auf das Neid-Team die erste Vorrundenaufgabe. In Vaxjö geht es gegen das Nationalteam aus Holland.

„Die Abläufe kenne ich ja schon“, sagt Lueg, der das U20-Nationalteam der Frauen zweimal bei Weltmeisterschaften und das U19-Team einmal bei einer Europameisterschaft sportmedizinisch versorgt hat, „aber beim A-Nationalteam ist natürlich alles viel größer. Die Medienpräsenz ist eine andere. Mittags sind die Medientermine. Da muss berichtet werden, ob jemand verletzt ist.“ Also muss Lueg bis dahin Bundestrainerin Silvia Neid genau Bericht erstattet haben.

Lueg ist über seine Arbeit in Hellersen und über Dr. Bernd Lasarzewski zum DFB gekommen. Lasarzewski, der die Nationalmannschaft bei vielen Turnieren als Teamarzt betreut hat, führt auch diesmal die Oberaufsicht. Vor Ort aber betreut Carsten Lueg bis zum 15. Juli – also in den ersten beiden Vorrundenpartien gegen Holland und Island – das Team. Danach übernimmt Uli Schmieden aus Kaiserslautern. „Es sind viele Betreuungstage“, sagt Lueg, „allein 24 Tage in der Vorbereitung und dazu bis zu dreieinhalb Wochen beim Turnier. Ich bin alleine 18, 19 Tage mit den Fußballerinnen unterwegs.“ Zuletzt hatte Lueg die Mannschaft auch beim Zehn-Tage-Lehrgang in München betreut, wo die Mannschaft mit dem 4:2-Sieg gegen Japan ein sportliches Ausrufezeichen gesetzt hat. „Irgendwann muss man auch mal nach Hause“, sagt Lueg, der am Donnerstag noch einmal einen Tag in Hellersen für seine Patienten da war. Nun ist er bereits wieder unterwegs. Der Standort in Schweden ist Vaxjö, die ersten beiden Spiele sind ebenfalls in der südschwedischen Universitätsstadt.

„Die Vorbereitung war sehr interessant“, berichtet Lueg. Sechs Verletzte beklagte der DFB bei den ersten Lehrgängen. Kim Kulig, Alexandra Popp & Co werden nun in Schweden fehlen – das wiegt schwer. „Altlasten aus der Liga“, nennt Lueg die Verletzungen, die den Kader erst ausgedünnt und danach für eine zwangsweise weitere Verjüngung gesorgt haben. „Mit Melanie Leupolz und Sara Däbritz sind sogar zwei neue Spielerinnen dabei – die sind so jung, dass ich sie von meinen Einsätzen in den Jugend-Nationalteams noch nicht kenne“, sagt Lueg. Der neuen Situation gewinnt Lueg das Positivste ab. „Die jungen Spielerinnen sind technisch sehr gut und bringen frischen Wind“, sagt er, „der Rest muss über den Teamgeist gehen.“ Bei elf Europameisterschaften waren die deutschen Frauen siebenmal Titelträger. Das verpflichtet. „Natürlich gibt es auch andere starke Nationen wie Schweden, England, Norwegen oder Frankreich“, sagt Lueg, „aber an sich sollte Deutschland immer um den Titel mitspielen.“

Der Arbeitstag beginnt für Lueg in den EM-Tagen am Vormittag mit der Frühbesprechung, in der es vor allem um die Behandlungen am Vorabend geht. Nach der Teambesprechung und dem Vormittagstraining, vor dem das medizinische Team die Tapes anlegen muss, werden in den Mittagsstunden die ersten Akutverletzungen aus dem Training versorgt. Nachmittags wird nochmals trainiert. „Und nach dem Abendessen beginnt dann unsere eigentliche Arbeit“, sagt Lueg.

Das Fernziel ist Olympia 2016 in Rio

Etwa von 20 Uhr bis 23.30 Uhr versorgen der Teamarzt und drei Physiotherapeuten das Team medizinisch. Ein langer Arbeitstag. „Es ist natürlich nicht immer stressig, aber es gibt diese Situationen“, erzählt Lueg. Zum Beispiel, als sich Annike Krahn beim Vorbereitungslehrgang verletzte. „Da brauchten wir sonntags einen MRT-Termin – da muss man dann erst mal schauen, welche Quellen man anzapfen kann…“

Generell sei die Aufgabe als Mannschaftsarzt indes eine sehr interessante, betont Lueg. „Der Umgang mit der Mannschaft, der Trainerin, dem gesamten Umfeld – das macht einem als ehemaliger Mannschaftssportler einfach Spaß“, sagt Lueg. Und mit Blick auf seine bisherigen Erfahrungen ergänzt der Dortmunder: „Wenn man Spaß hat an einer Mannschaftssportart und gerne unterwegs ist, dann ist der DFB der beste Klub der Welt. Da ist alles super organisiert. Es gibt keinen Mangel an irgendetwas.“ Aber es gibt Ziele. Für die deutschen Frauen ist das erste Ziel das Überstehen der Vorrunde in einer nicht ganz leichten Gruppe, am liebsten aber wohl der Gewinn der Europameisterschaft. Und der Teamarzt blickt sogar noch ein Stückchen weiter. „Mein Ziel sind die Olympischen Spiele 2016“, sagt er. Dann ginge es für Lueg und das Nationalteam nach Rio.

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