Im Interview

Hannawald über Burnout und sein Leben danach

+
Sven Hannawald spricht im Interview unter anderem darüber, wie er den Weg aus der persönlichen Krise fand.

Lüdenscheid - Ex-Skispringer Sven Hannawald - ein Weltklasse-Athlet, der seine Laufbahn früh beenden musste. Der Grund: Burnout. In Lüdenscheid erzählte er, was man als Arbeitnehmer tun kann, wenn der Job zur Belastung wird. Wie er mit der Diagnose Burnout umging, lesen Sie hier im Interview.

Sven Hannawald, Sie berichten beim Forum „Gesunde Wirtschaft“ darüber, wie mentale Strategien bei der Bewältigung von Stress am Arbeitsplatz helfen können. Was raten Sie jemandem, der merkt, dass der Job zur Belastung wird?

"Gesunde Wirtschaft"

Beim Forum "Gesunde Wirtschaft", einer Gesprächsrunde, veranstaltet von einer Krankenkasse und einem Lüdenscheider Unternehmen, sprach Ex-Skispringer Sven Hannawald darüber, wie Arbeitnehmer sich davor schützen können, dass der Job zur Belastung wird.  

Hannawald:  Man sollte sein Umfeld checken. Was belastet mich? Ist es nur der Beruf oder sind es auch andere Dinge, wie zum Beispiel, dass ich zuhause stark gefordert bin? Meistens ist es ein Paket, dass man mit sich herumträgt und das mit der Zeit größer geworden ist. Wenn man nichts macht und mitschwimmt, wird’s irgendwann knallen. Am Ende ist man für sich selbst verantwortlich.

Ohne Mentaltraining den Erfolgsdruck auszuhalten, war eine der Herausforderungen in Ihrer Karriere. Was haben Sie getan, um die Erwartungen zu bewältigen?

Hannawald: Mit der Zeit habe ich gelernt, mit den Erwartungen von außen umzugehen. Die zu hohen Ansprüche an mich waren im Nachhinein das Problem. Außerdem ist die private und ausgleichende Seite zu kurz gekommen. Das musste ich teilweise so machen. Heute setze ich knallharte Grenzen.

Ohne Psychologen wäre er nicht so erfolgreich gewesen

Teampsychologen gehören heutzutage fast schon selbstverständlich zum Spitzensport. Wie sah das zu Ihrer aktiven Zeit aus?

Hannawald:  Ich habe mir mit Prof. Dr. Eberspächer, der leider kürzlich verstorben ist, selbstständig einen Psychologen gesucht. Das wusste auch meine Familie nicht. Zuvor hatte ich das Thema ein wenig belächelt. Es war faszinierend, wie schnell ich auf den richtigen Weg kam. Wenn ich ihn nicht gehabt hätte, wäre ich nicht so erfolgreich gewesen.

Im Jahr 2013 sagten Sie, dass die Burnout-Diagnose im April 2004 ein „schleichender Prozess“ gewesen sei. Wie haben Sie bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt?

Hannawald:  Angefangen hat es mit einer Unruhe im Körper, die ich mir nicht erklären konnte. Ich war ein Wrack. Deswegen bin ich zu verschiedenen Ärzten gegangen. Die haben aber gesagt, ‘alles toll, alles gut’. So hat es sich ergeben, dass ich einen Arzt für Psychosomatik aufgesucht habe.

Als Ihre Eltern Sie am 27. April 2004 in die Klinik nach Bad Grönenbach (Allgäu) brachten, glaubten Sie an eine Rückkehr in den Profisport. Wann und wie kam Ihnen die Erkenntnis, dass der Weltcup-Sprung am 28. Februar 2004 in Salt Lake City Ihr letzter war?

„Die Frage ist, wo man hin möchte und womit man zufrieden ist.“

Hannawald:  Im Herbst habe ich mich wieder mit dem Skispringen befasst. Ich bin im Training wieder gesprungen und hatte gar kein schlechtes Gefühl. Auf dem Weg zum Krafttraining bekam ich dann aber ein negatives, unruhiges Gefühl. Das war das Zeichen für mich. Ich musste es lassen, obwohl ich es wollte. Da war irgendwas, das mir sagte: ‘Das wird nichts mehr’. Dem Gefühl musste ich vertrauen. Ab diesem Punkt habe ich mich sehr schwer getan, Skispringen zu verfolgen, geschweige denn live vor Ort zu sein.

Sie mussten Ihr Gewicht stets so niedrig wie möglich halten. Diesbezüglich haben Sie mal gesagt: „Wenn man den Erfolg dafür bekommt, dann nimmt man das in Kauf.“ Das Thema Gewicht war aber nur ein „Puzzleteil“ auf dem Weg zum Burnout. Was waren weitere Faktoren?

Hannawald: Das Gewicht hat eine große Rolle gespielt. Der Körper, gerade unter Stress, hatte kein Potenzial an Reserven. Das ging dann alles komplett aufs Gemüt. Ein anderer Faktor war mein Perfektionismus. Wenn ich gewonnen hatte, aber wusste, dass die Sprünge nicht gut waren, dann war ich nicht zufrieden. Früh von den Eltern weg zu sein (Anm. d. Red.: Hannawald verließ im Alter von zwölf Jahren das Elternhaus Richtung Kinder- und Jugendsportschule in Klingenthal) und frühzeitig erwachsen sein zu müssen – das war nicht der normale Prozess des Aufwachsens. Es waren mehrere Dinge, die eine Rolle gespielt haben.

Auf dem Höhepunkt der Karriere war der Köper über dem Limit

6. Januar 2002: Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee und dabei alle vier Springen gewonnen. Im selben Jahr wurden Sie Team-Olympiasieger und Skiflug-Weltmeister. Hatten Sie auf dem Höhepunkt der Karriere bereits das Gefühl, dass etwas in Ihrem Leben in die falsche Richtung lief?

Hannawald: Eine gewisse Müdigkeit hatte ich schon Jahre im Körper, weil ich mich an einem Gewichtslimit bewegen musste und wollte. Ich wusste, dass dieser Weg extrem wird, trotzdem bin ich ihn gegangen. Ich habe mir gedacht, du bist hier nicht bei ‘Wünsch dir was’. Es war die einzige Möglichkeit, den Erfolg abzugreifen. Und der hat mir den Balsam auf die Seele gegeben. In der Folgesaison wurden die Unterschiede zwischen Körpergefühl und Anspruch immer größer. Dem konnte ich irgendwann nicht mehr gerecht werden. Ab diesem Punkt hat es in meinem Inneren angefangen, Kämpfe zu geben.

Sie blieben acht Wochen in der Klinik, wurden dort von Nora Maasberg, Fachärztin für Psychosomatik, betreut. Nach Verlassen der Klinik waren Sie noch rund fünf Jahre in Behandlung... 

Zur Homepage von Sven Hannawald

Hannawald: Ich war bei zwei weiteren Therapeuten. Nach einer Weile habe ich Frau Maasberg gefragt, ob ich sie anrufen könne, wenn ich das Gefühl hatte, ich muss reden. Das haben wir dann so gemacht. Im Nachhinein habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, den passenden Therapeuten zu finden.

Woran haben Sie festgemacht, dass es wieder bergauf geht?

Hannawald: Als ich alleine in Hinterzarten war, hätte ich mich am liebsten dreimal am Tag bei ihr gemeldet. Nachts um zwei bin ich spazieren gegangen, weil ich nicht schlafen konnte. Nach einer gewissen Zeit reichte ein Anruf am Tag, irgendwann dachte ich: ‘Oh, du hast dich gestern gar nicht bei ihr gemeldet’. Eines Tages hat sie sogar mich angerufen, um zu fragen, ob es mir gut geht. Da habe ich gemerkt, dass ich mich wieder in meinem Leben zurechtfinde. Das hat alles Zeit gebraucht. Es gab aber auch immer mal wieder Tiefs. Und es gibt kein Patentrezept dafür, wie es stetig besser wird.

Hannawald würde die Strapazen vielleicht noch einmal auf sich nehmen

2013 haben Sie Ihr Buch „Mein Höhenflug, mein Absturz, meine Landung“ herausgegeben. Dort arbeiten Sie nicht nur Karriere und Erkrankung, sondern auch Kindheit und Jugend auf...

Hannawald: Mithilfe des Buchs möchte ich den Leuten anhand meines Werdegangs aufzeigen, warum ich den Burnout erleiden musste. Es geht darum, den Menschen, die Halt suchen, mitzugeben, dass man sich wieder im Leben zurechtfindet. Obwohl man da vielleicht gar nicht mehr dran glaubt.

Um einer der weltbesten Athleten zu werden, haben Sie einen hohen Preis bezahlt. Würden sie den nochmal bezahlen?

Hannawald: Wenn mir jemand die Garantie geben würde, dasselbe Ergebnis nochmal zu erreichen, dann vielleicht. Das eigentlich Schöne ist doch, dass der Weg zum Erfolg steinig ist, aber trotzdem machbar. Die Frage ist, wo man hin möchte und womit man zufrieden ist.

Sie haben sich mal als „Adrenalin-verseucht“ bezeichnet, sind nach der Karriere Autorennen gefahren. Wie stillen Sie Ihren Durst nach Adrenalin derzeit?

Hannawald:  Ich halte Augen und Ohren offen, welche Rennserien für mich interessant sind. Ich habe mittlerweile auch ein Rennkart und würde damit im Winter gerne in Italien Rennen fahren. Das Adrenalin bekomme ich im Rennsport und im Fußball, sonst wäre es zu langweilig (lacht).

Berufliche Zukunft ist ungewiss

Ehemalige Profisportler werden Trainer, arbeiten für den Verband oder als TV-Experte. In welcher Rolle sieht das Sportpublikum Sie demnächst?

Hannawald: Ich bin dieses Jahr wieder für Sky und für Yahoo tätig und beim Weltcup-Auftakt in Klingenthal vor Ort. Ob ich Trainer werde, weiß ich noch nicht. Aktuell befinde ich mich auf meinem Weg und hole gewisse Dinge nach. Es wäre schön, wenn mein zukünftiger Job etwas mit Wintersport zu tun hätte, weil ich mich in dem Bereich auskenne. Wo es endet, ist auch für mich spannend (lacht).

Sie wohnen in München und sind seit April wieder Single. Steht da eine private Veränderung an? Ihr Sohn wohnt in Berlin...

Hannawald:  Nein, das nicht. In Zukunft werde ich das Private noch mehr aus den Medien raushalten. Eine Trennung ist nie was Schönes, aber das gehört zum Leben. Aktuell vermisse ich nichts. Mein Hund Dexter gibt mir viel zurück. Ich lebe im Moment das Leben, das ich leben möchte und lasse mir auch nicht mehr reinreden (lacht).

Sven Hannawald, wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihren zukünftigen Projekten. Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Emanuel Holz.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare