Duathlon: WM

Ein Lauf an die Spitze der Welt

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Jörg „Harry“ Haarmann (links) neben einem deutschen und einem britischen Mitstreiter bei den Multisports World Championship in Odense in Dänemark. Der 55-jährige Meinerzhagener ist seit vergangenem Freitag Duathlon-Weltmeister.

Meinerzhagen - Eine Erfolgsgeschichte wie aus dem Bilderbuch: Er ist noch heute sichtlich gerührt, wenn er an jenen Moment denkt, als am vergangenen Freitag sein Titelgewinn verkündet wurde.

Selbst beim Zieleinlauf wusste der Athlet Jörg „Harry“ Haarmann noch nicht, auf welchem Platz er bei der Duathlon-Weltmeisterschaft in Odense in Dänemark wirklich gelandet war. Nun darf sich der Meinerzhagener Weltmeister nennen. Jörg „Harry“ Haarmann ist 55 Jahre alt. Angefangen mit dem Laufsport hat der in Meinerzhagen lebende Druckerei-Besitzer 1987. Dass am Ende seiner Sportler-Karriere der Weltmeistertitel auf ihn warten würde, das hätte sich Haarmann damals in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. 

„Als mein Sieg verkündet wurde, kamen mir einfach nur noch die Tränen“, berichtet der 55-Jährige von dem wohl ergreifendsten Moment seines Sportler-Lebens. Doch jede noch so schillernde Karriere beginnt häufig mit kleinen Schritten, nicht selten auch ziemlich zufällig: „Ich hatte mit dem Laufen angefangen, weil ich starkes Übergewicht hatte – ich brachte mehr als 120 Kilogramm auf die Wage“, erinnert sich Haarmann. Recht schnell entwickelte sich eine Leidenschaft. Er begann mit Leichtathletik, doch dann legte er den Fokus auf Triathlon – und eben Duathlon. 

Seine Titel und Erfolge konnte er schon vor einigen Jahren nicht mehr wirklich zählen. Diverse Westfalenmeister-, deutsche Meistertitel zählen dazu. Doch eines hatte dem 55-Jährigen immer gefehlt: der Weltmeistertitel. „Ich dachte schon häufiger ans Aufhören. Dazu gab es auch genügend Anlässe. Zum Beispiel, als ich zehn Kilometer unter 30 Minuten lief. Das war ein ungeheurer Meilenstein, ein Traum jedes Läufers“, verrät Haarmann. „Aber irgendwie trieb mich noch etwas umher. Ich wollte unbedingt Weltmeister werden. Viele Sportler-Kollegen sagten zu mir, dass ich das Zeug dazu hätte. 

Es war mein absoluter Traum. Aber dass ich es wirklich irgendwann schaffen würde, daran hatte ich nicht immer geglaubt“, erklärt der Duathlet. So lief schon seine Vorbereitung auf die Multisport World Championship nicht ganz rund. Im Frühjahr merkte Haarmann, dass ihn irgendetwas hemmte. „Ich trainierte immer härter, aber meine Zeiten wurden immer schlechter“, so der 55-Jährige. Bei knapp zwölf Stunden Training pro Woche ist das denkbar ungewöhnlich. 

Horror-Diagnose in der Vorbereitung 

Im Frühjahr kam dann die Diagnose: Pfeiffersches Drüsenfieber. Und das wenige Monate vor der für Haarmann so wichtigen Weltmeisterschaft. Fußballer mussten wegen dieser Krankheit teils ihre Karriere beenden. Für Radsportler kann sie zum Saisonkiller werden. Haarmann kurierte die Krankheit aus, stieg wieder ins Training ein. Doch dann erwartete ihn gleich die nächste Hiobsbotschaft: Jörg „Harry“ Haarmann zog sich eine Leistenverletzung zu, die ihn bis zur Reise nach Odense beschäftigte – und auch einschränkte. Dennoch zog Haarmann sein Training durch. Bis zum Rande seiner Belastbarkeit. 

„Sport ist ein wichtiger Ausgleich. Doch wenn man sich quälen muss, kann er auch zu einem enormen Stressfaktor werden“, stellt Haarmann klar. Die harte Arbeit zahlte sich am Ende aus: Er reiste nach Odense und ging wie geplant an den Start. Nach dem ersten Lauf über zehn Kilometer lag er offenbar etwas zurück. Genau konnte er das zu dem Zeitpunkt aber nicht beurteilen, weil auch andere Altersklassen zeitgleich auf der Strecke unterwegs waren. 

„Gefühlt liefen mir sofort alle davon. Ich wusste nicht, wer zu meiner Konkurrenz zählte und wer nicht. Also zog ich mein Ding einfach durch“, erinnert sich Haarmann. In Wahrheit lag er aber bereits nach dem ersten Lauf mit der Spitzenzeit von 33 Minuten und 10 Sekunden vorne. Dann ging es zur Wechselzone in eine Tiefgarage. Haarmann stieg aufs Fahrrad und fuhr los. „Während der 40 Kilometer machte mir plötzlich meine Leiste zu schaffen. Ich versuchte alles auszublenden, um das Radfahren, was eigentlich meine absolute Stärke ist, irgendwie hinter mich zu bringen“, verrät Haarmann. 

Trotz aller Widrigkeiten fuhr der Meinerzhagener die drittbeste Zeit unter seinen insgesamt 27 Konkurrenten. Beim abschließenden 5-Kilometer-Lauf konnte Haarmann dann glänzen. „Die vielen Briten, die mitliefen, waren zäh wie Terrier. Sie legten von Beginn an ein heftiges Tempo an den Tag“, schildert Haarmann seine Eindrücke. Doch der 55-Jährige bewies mehr Ausdauer. 

Auf den letzten Metern zum Weltmeistertitel: der Meinerzhagener Ausdauerspezialist Jörg Haarmann.

Als einziger lief er die fünf Kilometer unter 20 Minuten. Während des Zieleinlaufs überkam ihn ein überwältigendes Gefühl der Zufriedenheit, als würde der gesamte Ballast des Trainings und der harten Arbeit der vergangenen Monate auf einmal von ihm abfallen – doch auf welchem Platz er schließlich gelandet war, das wusste Haarmann zunächst noch nicht. 

Im Ziel angekommen, brach er in Tränen aus 

Nach etwa einer halben Stunde wurden dann die Ergebnisse verkündet. Als Haarmann realisierte, dass er es auf Rang eins geschafft hatte, brach er in Tränen aus. „Es ist die Krönung meiner Sportler-Karriere. Ich habe mit 55 Jahren dann doch noch alles erreicht, was ich erreichen wollte“, ist „Harry“ Haarmann stolz. Er will nun nach drei Jahrzehnten Leistungssport endlich aufhören. 

Das Gefühl der Zufriedenheit beim Zieleinlauf, die Gewissheit der Weltbeste zu sein, all das kann ihm keiner mehr nehmen. Dieses Gefühl, das ihn immer zu weiteren Wettkämpfen antrieb, es ist seitdem verflogen. Jetzt wird er sich anderen Hobbys widmen und auch reisen. Im Urlaub geht er gerne wandern und auch laufen oder radfahren – alles aber nur noch zum Spaß: „Denn ich muss keinem mehr etwas beweisen. Ich bin Weltmeister.“

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