Handball, 3. Liga

Drittligist SGSH Dragons und ein teures „Siegerselfie“ nach dem Derby

Handball Siegerselfie SGSH
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Das „Siegerselfie“ der SGSH nach dem Sieg in Menden im Dezember 2019 - nach dem Erfolg Ende Oktober entstand ein ähnliches Bild, das inzwischen aus dem Internet verschwunden ist. Die SGSH-Spieler sollen damit einen Verstoß gegen die Corona-Schutzverordnung begangen haben.

Die Spieler der SGSH Dragons sollen nach einem Kabinenfoto in Siegerpose nach dem Derbysieg bei der SG Menden Sauerland Wölfe 250 Euro bezahlen. Jeder. So will es das Mendener Ordnungsamt.

Schalksmühle – Es heißt mithin, dass Mannschaften Siege „teuer bezahlen“ müssen. Meist ist dann gemeint, dass sich womöglich ein wichtiger Spieler schwer verletzt hat und lange ausfällt. Beim Handball-Drittligisten SGSH Dragons verhält es sich anders: 30:25 siegte das Schmetz-Team am 24. Oktober, es war quasi der Vorabend des sportlichen Lockdowns, im Derby bei den Mendener Wölfen. Nun sollen die SGSH-Aktiven diesen Abend teuer bezahlen, und zwar mit einem Bußgeld, weil sie gegen die Corona-Schutzverordnung verstoßen haben sollen. Jeder einzelne Akteur mit 250 Euro, so steht es in der Bußgeldandrohung, die den Spielern vom Ordnungsamt der Stadt Menden zugegangen ist. Eine erkleckliche Summe…

Es ist eine Geschichte mit vielen Facetten, die nun auch die Anwälte der SGSH beschäftigt. Rückblick: Die SGSH hatte an diesem Samstagabend im Oktober in Menden gewonnen, obwohl das Personal knapp gewesen war. Ein überzeugender Sieg war es gewesen, der dritte im dritten Spiel.

Wie es Handballer so gerne tun in der modernen Zeit, entstand wenige Minuten nach der Schlusssirene ein Foto des Teams in Siegerpose in der Kabine, junge Männer, gut gelaunt, vor Testosteron strotzend, auch Bierflaschen gab es dem Vernehmen nach auf dem Bild. Das Bild war bald danach auf der Facebook-Seite des Vereins zu sehen. Fans der SGSH durften in Menden nicht dabei sein, dafür kam das Siegerbild ins Wohnzimmer.

Die SGSH Dragons und ein teures „Siegerselfie“ nach dem Derby

Im Sport-Fachjargon heißen solche Bilder „Siegerselfies“ – nach der Funktion am Smartphone, wenn der Betreffende ein Foto von sich selbst (ein „Selfie“) schießt – selbst dann, wenn das Foto am Ende doch jemand gemacht hat, der gar nicht selbst auf dem Bild ist, sondern auf der anderen Seite der Linse steht. „Siegerselfies“ gibt es von der Bundesliga bis zur Kreisliga, bei den Frauen wie bei den Männern. Bei Handballern, Fußballern, Basketballern.

Am vergangenen Mittwoch noch posteten zum Beispiel die Handballer aus Dormagen ein solches Bild, nachdem sie dem Favoriten VfL Gummersbach in der 2. Bundesliga einen Punkt abgeknöpft hatten. „Seht her, was wir geschafft haben!“ Das ist die Botschaft solcher Bilder. Auch die Hagener Handballer hatten nach ihrem Sieg in Hannover am selben Abend im Oktober ein Siegervideo auf Facebook hochgeladen. Und die Mendener hatten sich zwei Wochen vor dem Spiel gegen die SGSH bei ihrem Heimsieg gegen Minden II auch mit einem solchen Bild gefeiert.

Nun stellt sich die Frage, ob „Siegerselfies“ in Zeiten der Pandemie und des verordneten Abstand-Haltens angemessen sind. Eine Frage, die sich moralisch beurteilen lässt oder juristisch. Derjenige, der mit Handball wenig am Hut hat, bewertet es gewiss eher als bedenklich als derjenige, für den diese Art von Bildern eher selbstverständlich ist. Wahrscheinlich gibt es einen Konsens in der gemeinen Betrachtung, dass es nicht schaden könnte, wenn Mannschaften dieser Tage auf derlei Bilder verzichten würden.

Besorgter Bürger meldet sich beim Ordnungsamt Menden

Am 24. Oktober jedenfalls fand das Selfie der Dragons auf deren Facebook-Seite einen Betrachter, dem so ein Bild fremd war, der es für überaus bedenklich hielt. „Lässt das Hygienekonzept der Stadt Menden oder der SG Menden derartige Ausartungen zu? Ich empfinde das als absolut verantwortungslos“, schrieb noch am selben Abend dieser besorgte Bürger dem Mendener Ordnungsamt. Nun ist es so, dass ein Ordnungsamt einen solchen Vorfall, wenn er gemeldet wird, verfolgen muss. Die Behörden wurden aktiv, bildeten sich ein Urteil. Es ist der Punkt, an dem die Geschichte einen anderen Verlauf hätte nehmen können. Natürlich gibt es ein Hygienekonzept für Drittliga-Handball in der Kreissporthalle. Und natürlich will sich eine Behörde nicht nachsagen lassen, dass man lax mit Verstößen umgehe. Eine Situation, in der leicht das Augenmaß verlorengehen kann.

In Menden jedenfalls kam man zu folgender Argumentation: Das Foto erfülle den Tatbestand einer unzulässigen Zusammenkunft, sei – weil es erst nach dem Spiel dazu kam – nicht mehr von den Bestimmungen für den Trainings- und Spielbetrieb abgedeckt. Entsprechend habe es sich um eine Zusammenkunft von mehr als fünf Personen im öffentlichen Raum gehandelt und damit um einen Verstoß gegen die zu diesem Zeitpunkt gültige Corona-Schutzverordnung. So kam das Ordnungsamt zu dem Schluss, jedem einzelnen Spieler auf dem Foto ein individuelles Bußgeld von 250 Euro anzudrohen.

Im Spiel hat jede Mannschaft drei Auszeiten – das sind sechs Auszeiten pro Spiel, in denen die Spieler und Trainer viel enger zusammenstehen. Deshalb leuchtet mir das Ganze nicht ein...

Markus Knuth (Rechtsanwalt der SGSH)

Das Foto ist danach schnell wieder von der Facebook-Seite der SGSH verschwunden. Wer es sucht, findet es nicht mehr. Es müssen rund 15 Personen auf dem Bild gewesen sein, ein Betrag von annähernd 4000 Euro. Mark Schür, 1. Vorsitzender der Dragons, kann darüber nur den Kopf schütteln. Ja, vielleicht sei es unglücklich, so ein Bild zu posten, gesteht Schür ein. „Aber unsere Spieler gehen seit Wochen und Monaten sehr vorsichtig und verantwortungsvoll mit dieser Situation um. Sie tragen auf dem Weg in die Halle, in der Kabine, sogar bei den Besprechungen eine Maske“, sagt der Vorsitzende, „sie wissen das Privileg, dass sie Handball spielen und auch noch weiterhin trainieren dürfen, zu schätzen.“ Und er ergänzt: „Ich glaube nicht, dass sich bei so einem Bild die Pandemie ausbreitet.“

Bis zu sechs Auszeiten gibt es im Drittliga-Handballer pro Spiel, dort kommen Spieler und Trainer enger zusammen als bei einem „Siegerselfie“.

Schür verweist in diesem Kontext darauf, dass die SGSH in Menden aufgrund der Baumaßnahmen in der Halle nicht die gewünschte zweite Kabine erhalten hatte. Es ist an diesem Abend nicht alles so gelaufen, wie es idealerweise hätte laufen können. Trotzdem, so Schür, habe sich das Team in Gruppen nacheinander in der Kabine aufgehalten, durchaus reflektierend, was in dieser Zeit sinnvoll und geboten sei. Bis auf jenen Moment eben, in dem das Bild entstand.

Man wolle der SG Menden oder der Stadt keineswegs irgendwelche Vorwürfe wegen der fehlenden zweiten Kabine oder des Hygiene-Konzepts machen, sagt Markus Knuth. Knuth war Schürs Vorgänger als 1. Vorsitzender der Dragons und hat sich nun als Rechtsanwalt des Falls angenommen. Der Halveraner ist in der Lüdenscheider Kanzlei Altrogge+ der Fachanwalt für Fälle im Internet. Seine Mission: Das Mendener Ordnungsamt soll einlenken und von einem Bußgeld in dieser Höhe absehen.

Sechs Auszeiten pro Spiel und ein Siegerfoto

Zur rechtlichen Einschätzung: „Das Bild ist fünf Minuten nach dem Spiel entstanden, es gibt einen engen zeitlichen, räumlichen und personellen Zusammenhang zum Spiel“, sagt Knuth, „deshalb ist diese Situation auf jeden Fall durch die Bestimmungen für den Trainings- und Spielbetrieb gedeckt. Kein Mensch versteht, dass Leute, die fünf Minuten vorher noch gemeinsam auf der Platte standen, nicht für ein Foto zusammenstehen dürfen.“

Knuth verweist auch darauf, dass das Team in Menden sehrwohl verantwortungsvoll mit der Situation umgegangen sei. Er führt zudem ein Beispiel an, um zu zeigen, wie weit weg von der Realität die Einschätzung der Behörde sei. „Im Spiel hat jede Mannschaft drei Auszeiten – das sind sechs Auszeiten pro Spiel, in denen die Spieler und Trainer viel enger zusammenstehen“, sagt er, „deshalb leuchtet mir das Ganze nicht ein. Jubel-Selfies sind heutzutage an der Tagesordnung – es gibt, so weit ich es überblicke, gar keine vergleichbaren Fälle oder Verfahren.“

Das Ermessens- oder Verhältnismäßigkeitsprinzip

Rechtlich gesehen stellt Knuth die Frage, wo die „haarscharfe Kante“ zu ziehen sei. Beim Schlusspfiff? Beim Verlassen des Spielfeldes? „Moralisch kann man so ein Bild kritisieren, aber rechtlich ist das grenzwertig“, sagt der Anwalt, der sich mit der Ordnungsamtsleiterin in Menden ausgetauscht hat, und nun nicht kritisiert, dass das Ordnungsamt den Vorfall verfolgt hat, wohl aber die Höhe der ausgesprochenen Strafe. „Wir reden hier nicht über Handballprofis, die Vereine und Spieler haben doch alle finanziell zu kämpfen“, sagt der Halveraner, um die Dinge ein wenig in Relation zu setzen, „der Jurist spricht in diesem Fall vom Ermessens- oder Verhältnismäßigkeitsprinzip.“

Mit Verhältnismäßigkeitsprinzip wird der Rechtsgrundsatz bezeichnet, dass bei Eingriffen in persönliche Rechte, die im Falle eines öffentlichen Interesses als zulässig gelten, ein gewisses Maß gehalten wird. Der Grundsatz gehört zum elementaren modernen Konzept eines Rechtsstaates. Knuth, der selbst lange Handball gespielt hat, bricht es herunter auf seinen Sport. „Was bei Juristen Ermessensspielraum heißt, das nennt man beim Handball Fingerspitzengefühl“, sagt Knuth und hat damit jeden Handballer, der schon mal fehlendes Fingerspitzengefühl zum Beispiel von Schiedsrichtern erlebt hat, auf seiner Seite. „Genau dies vermisse ich in diesem Fall“, sagt er. Die Botschaft: Wenn schon eine Strafe, dann mit dem nötigen Augenmaß. Auch und gerade in Zeiten der Pandemie.

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