Handball, 3. Liga

Dragunskis Rückblick auf den 11. März 2020: „Surreal war der Tag danach“

Trainerportrait Mark Dragunski am Rande
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Ein berufliches Katastrophenjahr? „Das kann man so sagen. Ich war knapp sechseinhalb Monate zwangsbeurlaubt“, sagt Mark Dragunski.

SGSH-Jugendkoordinator Mark Dragunski im Gespräch über den 11. März 2020, sein unverhofft letztes Spiel als Coach des Drittliga-Teams und das Corona-Jahr, das folgte.

Schalksmühle – In der Corona-Erinnerung hat jeder persönlich seine festen Eckdaten. Tage, an die er sich ganz besonders erinnert. Der 12. März 2020, ein Donnerstag, war der Tag, an dem der komplette Amateursport Schritt für Schritt den Weg in den Lockdown fand.

Am Vorabend des Lockdowns hatte Handball-Drittligist SGSH Dragons sein Nachholspiel beim VfL Gummersbach absolviert und mühsam 22:17 gewonnen. 80 Zuschauer hatten in der Schwalbe-Arena zugeschaut. Vor und nach dem Spiel war das Corona-Thema allgegenwärtig gewesen: Wie lange würde es noch weitergehen?

Für Mark Dragunski, den Ex-Nationalspieler auf der Bank der SGSH Dragons, sollte das Spiel in Gummersbach das letzte als Trainer des Drittliga-Teams sein. Dragunski hatte die Mannschaft früh in der Saison von Stefan Neff übernommen und sollte sie im Sommer an den Niederländer Mark Schmetz übergeben.

Rückblick auf den 11. März 2020: „Surreal war der Tag danach“

Gummersbach war indes schon die Endstation für Dragunski in diesem Amt. Der Corona-Saisonabbruch folgte. Im Sommer dann zaghafte Neustart-Versuche für Dragunski, den hauptamtlichen Jugendkoordinator des Vereins, mit der Verbandsliga-Reserve und der A-Jugend und schließlich wieder der Lockdown. Gemeinsam mit Sportredakteur Thomas Machatzke schaut Dragunski auf den Vorabend des Lockdowns und das Corona-Jahr zurück.

Mark Dragunski, 11. März 2020: SGSH-Auswärtsspiel in Gummersbach, mit Zuschauern. Einen Tag später ging es von jetzt auf gleich in den Lockdown. Eine surreale Szenerie in der Erinnerung?
Gummersbach war für uns an diesem Abend noch mehr oder weniger Normalität. Es stand im Raum, dass es einen Lockdown geben könnte. Am Donnerstag, also dem Tag danach, kamen dann stündlich die Meldungen, was alles eingeschränkt wird. Surreal war also der Tag danach. Ich hatte mich eigentlich aufs nächste Spiel vorbereitet. Und am Ende war es so, dass wir mit den Jungs noch eine Flasche Bier getrunken und eine Pizza gegessen und uns danach zwei Monate lang nicht mehr gesehen haben.
Es war ein Spiel mit Zuschauern. Ein paar Tage vorher hatte die SGSH in Burscheid bei den Bergischen Panthern gewonnen gegen eine Mannschaft, bei der die Hälfte des Teams mit Grippesymptomen gespielt hatte. Aus heutiger Sicht würde man sagen: Das war eigentlich ganz schön gefährlich…
Das konnte ja niemand so richtig greifen. Es war für alle eine völlig neue Situation. Für die Politiker, für die Ärzte, für uns als Sportler auch. Man hat das gar nicht so an sich rangelassen. Da sind wir als Sportler schon so gesteuert gewesen, dass wir gesagt haben: Uns passiert da schon nichts... Wir haben uns in dem Moment gar nicht groß einen Kopf gemacht. Wir wollten unsere Spiele gewinnen. Das war damals noch der Fokus, den wir hatten.
Als am Tag danach peu à peu alles abgesagt wurde, hatten Sie da schon diese Ahnung: Das war’s jetzt! Was haben Sie gedacht?
Der Satz, der ganz oft fiel und bei mir hängen geblieben ist, war: Das können die nicht machen! Der Satz hat mich begleitet. Keiner kannte das in dieser Form. Man ist da reingeraten und wusste gar nicht, wie man am Ende wieder herauskommt. Ich habe das nicht abschätzen können, war total verwundert. Wie es sich entwickelt hat, das war nicht abzusehen.

Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem wir Lösungen brauchen. Grundsätzlich wäre ein bisschen mehr Mut nicht verkehrt...

Mark Dragunski über Re-Start-Perspektiven
Nun ist ein Jahr vorbei: Das Pandemie-Jahr war für alle anders als alles Vorstellbare. Auch für den Sport…
Natürlich. Da geht es auch gar nicht um den Handball. Deutschland ist ein Land der Vereine. Da geht es vielleicht um den Häkelklub von älteren Damen oder sonst irgendetwas. Wir sind ein sehr soziales Volk. Für Mannschaftssportler ist es extrem schwer, auf dieses Miteinander zu verzichten. Das merke ich auch zu Hause bei meinem Sohn. Nichts miteinander machen zu können, ist auch ihm am schwersten gefallen. Und ich wäre froh, wenn wir mal wieder einen Weg da herausfinden würden.
Wenn man auf die Inzidenz-Zahlen schaut, auf die neue Mutationen des Virus, auf die generelle Entwicklung: Hätten Sie schon ein gutes Gefühl für den Kontaktsport Handball?
Man müsste vor dem Training testen, vielleicht auch darüber nachdenken, ob man in der Häufigkeit trainiert wie es früher der Fall gewesen ist. Wir müssen nach Lösungen suchen. Vielleicht sagt man: Okay, wir machen zweimal die Woche ein Hallentraining, testen davor, der Test gilt für 48 Stunden. Dann wären vielleicht zwei Einheiten möglich, und am Ende der Woche eine Laufeinheit alleine. Natürlich muss man versuchen, das Risiko einzugrenzen. Aber wir müssen nach Lösungen suchen, gerade für den Jugendbereich. Und mit Testmöglichkeiten ist das vielleicht ein Ansatz.
Und die mittelfristige Hoffnung ist, dass bis zum Herbst durch die Impfungen alles wieder normaler wird?
Ich hoffe, Richtung Sommer! Ich hoffe, dass im Sommer etwas passieren wird. Vielleicht können wir, wenn wir Glück haben, ab Ostern draußen ein bisschen Sport machen. Noch gar nicht einmal Kontaktsport, sondern sich gemeinsam auf dem Feld bewegen, in abgetrennten Räumen, mit Abstand. Und dann in Richtung Sommer vielleicht mit der Hoffnung, uns wieder in einem normalen Handball-Rhythmus zu bewegen.

Ich hatte mich eigentlich auf das nächste Spiel vorbereitet. Und am Ende war es so, dass wir mit den Jungs noch eine Flasche Bier getrunken und eine Pizza gegessen und uns danach zwei Monate lang nicht mehr gesehen haben.

Mark Dragunski über den Tag nach dem Gummersbach-Spiel
Sie sind hauptamtlich bei Dragons im Handball tätig. Für Sie persönlich war es entsprechend auch beruflich ein Katastrophenjahr…
Das kann man so sagen. Ich war knapp sechseinhalb Monate zwangsbeurlaubt. Jetzt habe ich mir in dieser Zeit extra mein Knie machen lassen, damit ich es auch direkt wieder wahrnehmen kann, wenn in der Halle oder draußen Training möglich sein sollte. Das war mir ganz wichtig. Wir machen im Moment ein bisschen Online-Training und halten so den Kontakt zu den Spielern. Aber auch da merkt man: Es wird Zeit…
Sie haben es angesprochen: Sie haben sich links ein künstliches Kniegelenk einsetzen lassen. Die Folgen von vielen Jahren Leistungssport… Wie geht es Ihnen? Ist alles gut gelaufen?
Die Operation ist gut verlaufen, der Arzt ist zufrieden. Alles hat gut funktioniert. Über den wirklichen Effekt kann ich noch nichts sagen, dafür ist es noch zu frisch. 20 Jahre Leistungshandball haben da ihre Spuren hinterlassen. Bei mir waren es die Knie – da mussten wir etwas dran tun. Mit dem linken haben wir angefangen, das rechte wird wahrscheinlich noch hinterher kommen. Im Moment gehe ich an Krücken – aber es ist gerade eine gute Woche her, dass da richtig gesägt worden ist. Und abends stand ich schon wieder auf den Krücken. Es ist Wahnsinn, wie schnell heute so etwas geht. Hut ab: Wie sich die Medizin in diesem Bereich entwickelt hat, das ist beachtlich.
All das hätte man vor einem Jahr in Gummersbach noch nicht gedacht…
Nein. Ganz bestimmt nicht. Keiner wusste, wo wir da hinein geraten. Ich habe für alles Verständnis. Aber jetzt ist der Zeitpunkt, an dem wir Lösungen brauchen. Vielleicht wird davon auch etwas schiefgehen, vielleicht muss man dann etwas wieder zurücknehmen. Das kann passieren. Aber grundsätzlich wäre ein bisschen mehr Mut nicht verkehrt.

Der Satz, der ganz oft fiel und bei mir hängen geblieben ist, war: Das können die nicht machen! Der Satz hat mich begleitet...

Mark Dragunski über die Zeit im ersten Lockdown
Schauen wir noch einmal auf diesen 11. März zurück: Es war ihr letztes Spiel als Trainer des SGSH-Drittliga-Teams. Jäh und verhofft. Eine Chance, sich zu verabschieden, gab es danach gar nicht mehr, oder?
Ja, das war schwierig. Wir haben uns noch mal per Zoom-Meeting getroffen. Das war schade. Es hat mit den Jungs ja einfach Spaß gemacht. Und ich hätte mich in der Zeit als Trainer auch gerne noch ein bisschen freigeschwommen nach unserem Durchhänger, sodass wir uns in der Tabelle verbessert hätten. Viele von den Jungs sehe ich aber heute noch in der Halle, wir trainieren mit der A-Jugend ja meistens vorher. Aber bei einem Spieler wie Dragan Tubic zum Beispiel, den man gar nicht mehr gesehen hat, war das natürlich blöd.
Sie sind auch 50 Jahre alt geworden Ende des Jahres. Mitten im Lockdown. Da ging auch nichts mit einer Feier mit den Handballfreunden…
Nein, da ging leider auch nicht so viel. Ich habe mit meiner Frau gefeiert – und dann noch mit Michael Feldmann. Das ist praktisch mein fester Partner in der Pandemie-Zeit. Als Freund und Kontakt. Das Telefon ging halt ständig. Das war natürlich alles anders geplant, aber ich denke: Wir gehen jetzt auch noch den Rest des Weges – und dann wird es irgendwann auch mal eine schöne Feier geben!
Mark Dragunski, vielen Dank für das Gespräch!

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