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Die letzte Reise führt nach Israel

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Von: Thomas Machatzke

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Weltmeister 2007 beim Turnier in China: Vor 70 000 Zuschauern zu spielen, das ist Dr. Bernd Lasarzewski besonders in Erinnerung geblieben. © Privat

Wenn die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft nach ihrem WM-Qualifikationsspiel am Donnerstag im HaMoshava-Stadion in Petach Tikwa die Heimreise antreten wird, der Flieger das Team von Tel Aviv wieder gen Deutschland zurückbringen wird, dann wird auch Wehmut einen Platz im Flugzeug haben. Für das Nationalteam ist das Spiel in Israel nur eines von vielen auf dem Weg zur nächsten WM, für Dr. Bernd Lasarzewski aber ist es die letzte Auslandsreise für den Deutschen Fußball-Bund. Nach mehr als 28 Jahren nimmt der Chefarzt der Sportklinik in Hellersen am Jahresende Abschied von den DFB-Frauen, mit denen er so viel erlebt hat.

Lüdenscheid - Noch einmal zehn Tage mit den beiden Länderspielen gegen Israel (das zweite Spiel findet am 26. Oktober in Essen statt) und dann noch im November die offizielle Verabschiedung beim Spiel in Braunschweig gegen die Türkei – und dann war es das für Lasarzewski, der im Dezember 65 Jahre alt wird und den Job als Teamarzt nun in andere Hände übergeben will. Der DFB plant für die Zukunft nur noch mit zwei Teamärzten fürs Frauenteam (statt wie bisher drei). Einer davon wird der Dortmunder Carsten Lueg sein, der auch über sein Engagement in Hellersen zum DFB gekommen ist. Neu zum Team stößt Dr. Tobias Schmenn, ein weiterer Dortmunder, der inzwischen als Oberarzt der Endoprothetik in der Sportklinik in Hellersen arbeitet.

Mit Lasarzewski und auch Uli Schmieden scheiden zwei Ärzte aus, die bei den DFB-Frauen für eine große Kontinuität in der medizinischen Betreuung gestanden haben. „Ich habe mal gesagt, dass ich mit 60 nicht mehr über den Rasen laufen will“, sagt er und lacht, „das habe ich nicht geschafft. Es hat noch fünf Jahre länger gedauert. Aber jetzt ist wirklich Schluss. Und das ist okay für mich.“

Lasarzewski erinnert sich noch genau, wie es alles begonnen hat. Das gebürtige Nordlicht war über sein Studium in Hannover und seine erste Assistenzarztstelle in Großburgwedel nach Hellersen gekommen und dann auch relativ schnell zum Fußballklub Rot-Weiß Lüdenscheid, dessen Vergangenheit als Zweitligist 1989 noch nicht so lange zurücklag. In Hellersen arbeitete in jener Zeit die damalige Fußballnationalspielerin Martina Voss, die heute Voss-Tecklenburg heißt und inzwischen die Nationalmannschaft trainiert, in der Verwaltung. Fußball spielte Martina Voss in Siegen. Über Voss knüpfte Lasarzewski erste Kontakte zur Westfalenauswahl.

Über diese Kontakte fand Lasarzewski 1993 auch zum Deutschen Fußball-Bund. Nationaltrainer der Frauen war seinerzeit noch Gero Bisanz, doch das U20-Team trainierte schon damals Tina Theune-Meyer, die 1996 die Nachfolge von Bisanz antreten und Deutschlands Frauen erstmals zum Weltmeistertitel führen sollte. Theune-Meyer jedenfalls bereitete sich im September 1993 in Kaiserau auf ein Länderspiel in Holland vor und benötigte medizinische Hilfe. Beim FLVW erinnerte sich Helmut Horsch an Dr. Bernd Lasarzewski. Lasarzewski half Theune-Meyers Torfrau – und begleitete das Team dann auch nach Holland, weil die etatmäßige Teamärztin gerade keine Zeit hatte.

Es war der Einstieg, beruhend auf einem Zufall. Das Sportkrankenhaus in Hellersen unterstützte die Arbeit seiner Ärzte bei den Sportverbänden immer großzügig mit Freistellungen, und so rutschte Lasarzewski in der Folge immer mehr in die Betreuung hinein, wurde schon ein Jahr später fester erster Teamarzt. „Irgendwie hat das alles gepasst“, erinnert er sich. Es folgten WM-Turniere mit dem Teamarzt Lasarzewski – 1999 in den USA, 2007 in China und 2011 daheim in Deutschland. Daneben mehrere Europameisterschaften und zweimal Olympische Spiele (2000 in Sydney und 2004 in Athen). Nur 2003, als Deutschland in den USA erstmals den WM-Titel der Frauen holte, da hatte Lasarzewski passen müssen – er war 2002 gerade Chefarzt geworden in Hellersen. „Das ging zeitlich in diesem Jahr dann einfach nicht“, sagt er.

Aufgeschoben war nicht aufgehoben: Den Weltmeisterpokal durfte er 2007 in China in den Händen halten. Lasarzewski zählt das Turnier in der Volksrepublik heute zu den zwei größten Erlebnissen in dieser langen Zeit als Mannschaftsarzt. „Man war Teil der Mannschaft, die den Titel verteidigt hat, Nadine Angerer kam ohne jedes Gegentor durchs Turnier“, sagt Lasarzewski, „und wir haben dort vor 70 000 Zuschauern gespielt – das war etwas ganz anderes als hier…“

Das zweite Erlebnis ist kein so positives. Lasarzewski erinnert sich noch genau an das Ausscheiden beim Heimturnier 2011. „Gegen Japan, in Wolfsburg, in der Nachspielzeit. Es war so unnötig, auf einmal war alles aus und vorbei“, sagt der Lüdenscheider, „ab in den Zug und nach Hause mit dieser großen Enttäuschung. Das war schlimm…“

Ich bin dankbar dafür, dass ich beim DFB mitarbeiten durfte, dass ich mit dieser Mannschaft so viel erleben durfte.

Dr. Bernd Lasarzewski

Lasarzewski erinnert sich auch gerne an den großen Gegensatz bei den Olympischen Spielen in Sydney und Athen – hier die neue Welt, dort die alte. Es sind so viele Erinnerungen, dass sie in keinen Koffer passen würden. Lasarzewski blickt voller Dankbarkeit darauf zurück. „Ich bin dankbar dafür, dass ich beim DFB mitarbeiten durfte, dass ich mit dieser Mannschaft so viel erleben durfte“, sagt er, „Fußball hat mich immer begeistert, auch wenn ich selbst als Fußballer nicht begabt war. Aber die Sportler zu betreuen, das hat mir bei meiner Arbeit immer am meisten Spaß gemacht. Und ich bin auch dankbar dafür, dass ich diese Entwicklung des Frauenfußballs so nah miterleben durfte – hin zu dem dynamischen, körperbetonten, technisch anspruchsvollen Sport, der er heute ist. Das war schon toll.“

Die letzten zehn Tage mit dem Team will er vor allem genießen. Traurigkeit? „Vielleicht am letzten Tag“, sagt Lasarzewski, „aber ich glaube trotzdem, dass es nun die richtige Entscheidung ist. Irgendwann muss man die Arbeit in jüngere Hände geben. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.“ Auch wenn der Fußball den Lüdenscheider weiter faszinieren wird, auch und gerade der Frauenfußball nach dieser langen Liaison zwischen Nationalteam und Nationalteamarzt. 2023 findet die WM übrigens in Australien und Neuseeland statt. Es ist das Jahr, in dem auf Lasarzewski in Hellersen der Eintritt in den wohlverdienten Ruhestand wartet. Da passt es gut, wenn er die Spiele des deutschen Teams dann hauptsächlich nachts am Bildschirm aus der Ferne verfolgen wird.

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