Fußball

Das Ende des RSV-Höhenflugs?

Adil Elmoueden, Alessandro Tomasello, Mutlu Demir, Andreas Spais, Musa Sesay, Ismail Kilic, Can Sakar, Ansgar Pflüger, Til Bauman
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Betretene Mienen bei den Spielern des RSV Meinerzhagen: Wie geht es jetzt an der Oststraße weiter?

Im Etat des RSV Meinerzhagen für die im Juli beginnende Saison klafft eine beträchtliche Lücke, die schnellstmöglich geschlossen werden muss. Sonst gehen an der Oststraße die Oberliga-Lichter aus.

Meinerzhagen – Am späten Donnerstagvormittag wurde das, was sich in den Stunden zuvor schon wie ein Lauffeuer durch die heimische Fußballszene verbreitet hatte, auch offiziell bestätigt: Die Zukunft des RSV Meinerzhagen in der fünfthöchsten Spielklasse steht auf der Kippe.

„Unter den gegebenen Voraussetzungen ist eine weitere Saison in der Oberliga schwer darstellbar. Wir sind auf Unterstützung angewiesen“, heißt es in einer Presseerklärung des amtierenden Westfalenpokalsiegers. Im Klartext: Der Etat für die Oberliga-Saison 2021/22 weist Deckungslücken auf, die schnellstens geschlossen werden müssen – sonst ist der Höhenflug der Blau-Weißen noch vor dem Sommer beendet. Die Mitteilung des Vereins ist insofern auch als Hilferuf zu sehen.

Nachstehend die wichtigsten Fragen und Antworten zu der zumindest für Außenstehende überraschenden Entwicklung an der Oststraße.

Ist der für seine wechselhafte Vergangenheit bekannte Verein in eine ernsthafte finanzielle Schieflage geraten?
Nein, betont der 1. Vorsitzende Dirk Rebein. Der RSV stehe auf „solidem finanziellen Fundament“. Dieses werde jedoch ab dem Sommer 2021 in Gefahr geraten, „wenn die Saison im Vorfeld nicht durchfinanziert ist“. Letzteres wäre nach derzeitigem Stand der Fall – und da Vereinsfortbestand vor Vabanque-Spiel gehe, werde man schlimmstenfalls unter großem Zähneknirschen auf höherklassigen Fußball verzichten müssen.

Was ist ursächlich für die Deckungslücke im Oberliga-Etat 2021/22?
In seiner offiziellen Erklärung verweist der Verein auf die Folgen der Corona-Pandemie in Form verringerter Sponsoring- und nicht vorhandener Zuschauereinnahmen. Parallel dazu hat der RSV „die Gehälter unserer Vertragsspieler nahezu vollumfänglich weiterzahlen müssen“. Vorhandene liquide Mittel seien „wie lange vor der Pandemie geplant, in das Bauprojekt Vereinsheim/Tribüne geflossen“. Für staatliche Corona-Hilfsgelder kam der Verein aufgrund seiner in der jüngeren Vergangenheit großen Liquidität nicht in Frage. Selbstkritisch merkt der Vorstand überdies an, es sei ihm „ganz offensichtlich nicht gelungen, die Wirtschaft der Region so sehr vom Projekt RSV zu überzeugen, wie es für dessen Fortbestand auf Dauer nötig wäre“.

Wir sind Nuri Sahin unendlich dankbar für das, was er für unseren Verein geleistet hat.

Dirk Rebein (1. Vorsitzender RSV)

Ein weiterer zentraler Punkt wird in der Presseerklärung nicht genannt: Nuri Sahin wird sein finanzielles Engagement bei seinem Heimatverein in diesem Sommer einstellen – wie schon vor langer Zeit angekündigt. Bis zu seinem Wechsel in die türkische Süper Lig im Spätsommer 2020 war der beim RSV groß gewordene Profi auch als Mitglied des Trainerteams der Motor des Erfolgs an der Oststraße, führte den Klub von der Bezirks- in die Oberliga und gewann mit ihm den Westfalenpokal. „Wir sind Nuri unendlich dankbar für das, was er für unseren Verein geleistet hat“, betont Dirk Rebein nachdrücklich – und hofft, Sahin stets geäußerten Wunsch erfüllen zu können, den Verein nun auch ohne den 32-Jährigen auf eigene (Oberliga-)Füße zu stellen.

Wieviel Geld fehlt nach aktuellem Stand?
Dirk Rebein beziffert die Etat-Lücke auf „knapp 100 000 Euro“. Die Hoffnungen ruhen nun auf den Unternehmen der Region. „Wir brauchen die heimische Wirtschaft“, sagt Rebein. Der unausgesprochene Wunschtraum der RSV-Verantwortlichen dürfte fraglos der „Wiedenbrück-Effekt“ sein. Hintergrund: Vor Jahresfrist hatte Meinerzhagens damaliger Oberliga-Konkurrent SC Wiedenbrück trotz sich abzeichnender sportlicher Qualifikation zunächst aus finanziellen Gründen darauf verzichtet, die Regionalliga-Lizenz zu beantragen. Dem ostwestfälischen Klub schlug in der Folge eine Welle der Unterstützung entgegen, an deren Ende er sich dann doch für die Regionalliga bewarb, in der er nun kurz vor Saisonende sorgenfreier Tabellenelfter ist.

Welches Spielerpersonal steht ab Sommer überhaupt noch zur Verfügung, und wie sieht die Zukunft des Trainers aus?
Kein Akteur des 25 Spieler umfassenden Kaders ist über den 30. Juni hinaus an den RSV gebunden, und mit Ron Berlinski (SC Verl), Nils Buchwalder (USA) und Brian Lengelsen (TuS Langenholthausen) stehen bereits drei Abgänge fest. Parallel zu den finanziellen Bemühungen stehen Dirk Rebein und sein Vorstandsteam in ersten Gesprächen mit den anderen Kickern. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran und werden mit allen Spielern reden“, betont der 1. Vorsitzende. Dass das Ausmaß einer möglichen Abwanderungswelle natürlich mit den noch nicht feststehenden zukünftigen Rahmenbedingungen steht und fällt, ist logisch. „Eine Tendenz ist deshalb im Moment nur sehr schwer auszumachen“, so Kapitän Julian Jakobs, „ich kann nur sagen, dass die Mannschaft absolut intakt ist und sich niemand die Situation gewünscht hat, jetzt möglicherweise auf Vereinssuche gehen zu müssen.“ Trainer Mutlu Demir stand am Donnerstag noch zu sehr unter dem Eindruck, die die Nachricht vom drohenden Aus in ihm hinterlassen hatte: „Meine Entscheidung ist noch vollkommen offen, ich muss erst mal wieder klar im Kopf werden.“ Emotional auf der Flucht ist Demir, seit 2015 Coach an der Oststraße, ganz sicher nicht: „Die aktuelle Entwicklung tut mir als Meinerzhagener in der Seele weh...“

In welcher Spielklasse geht es für den RSV weiter, wenn die fehlenden Gelder tatsächlich nicht aufgetrieben werden?
Bis zum 30. Juni gewährt das Reglement noch die Möglichkeit eines Rückzugs in die nächsttiefere Spielklasse, im konkreten Fall also in die Westfalenliga. Weil das den Etat aber nicht signifikant entlasten würde, stellt das für die Vereinsführung keine Option dar. Zweite Variante: Der RSV meldet für die Oberliga, tritt dort aber nicht an und wird deshalb als erster Absteiger eingestuft. Das würde ihm für 2022/23 zwar einen Westfalenliga-Platz verschaffen, ist aber ebenfalls nicht angedacht. Wahrscheinlichste Variante bei Misslingen des Rettungsplans: Die 1. Mannschaft wird vom Spielbetrieb zurückgezogen, und die in der Kreisliga A beheimatete Zweitvertretung läuft künftig als RSV Meinerzhagen I auf.

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