RWL Retro

Das Schicksal des Ausnahme-Liberos: „Mist, das war‘s dann...“

Verletzter Fußballer am Boden
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Der Rot-Weiß-Spiegel im August 1980: Vor dem Heimspiel gegen Viktoria Köln machte die Vereinszeitschrift mit einem Bild aus Oldenburg auf: Rechts Bernd Schäfer, der sich nach dem unglücklichen Zusammenprall mit Keeper Bernd „Spinne“ Giese zum zweiten Mal das Schien- und Wadenbein gebrochen hatte.

Als sich Rot-Weiß Lüdenscheid in der 2. Bundesliga im Jahr 80/81 langsam verabschiedete, war Libero Bernd Schäfer zum Zuschauen verurteilt. Eine Geschichte von ganz besonderem Verletzungspech.

Lüdenscheid – Geschichte ist nicht selten Zahlenwerk, gerade im Fußball. Auch für die 2. Bundesliga hat das Fachmagazin Kicker schon lange ein umfassendes vorgelegt. Wer also auf vier Jahre 2. Bundesliga bei Rot-Weiß Lüdenscheid schauen will, der findet dort die Vielspieler (Jochen Wrede/146 Einsätze; Volker Rieske/132; Paul Scheermann/124), die Toptorjäger (Hans-Jürgen Offermanns und Ranko Petkovic mit jeweils 20 Toren, Klaus „Ede“ Wolf mit 19) und auch die „bösen Buben“ (Wilfried „Schwede“ Holtkamp/eine Rote und 14 Gelbe Karten; Hans-Jürgen Offermanns/eine Rote und zehn Gelbe Karten).

Was der Kicker nicht bietet, ist eine Statistik über die besonderen Schicksale. Im Pechvogel-Ranking in vier Zweitliga-Jahren am Nattenberg hatte Libero Bernd Schäfer den unangefochtenen Spitzenplatz inne. Zwei Brüche des rechten Schien- und Wadenbeins zwangen den Siegener zu zwei langen Pausen. Der erste in der Saison 78/79, der zweite im letzten Zweitliga-Jahr – auch das letzte Heimspiel auf den Tag vor 40 Jahren gegen den VfB Oldenburg (1:1) erlebte Schäfer nurmehr aus der Zuschauerperspektive.

Im August 1980 in Oldenburg war das anders gewesen: In der 43. Spielminute des 5. Spieltags brannte es im RWL-Strafraum, und beim Löschen des Brandes rasselten die beiden Defensiv-Bernds der Rot-Weißen so unglücklich zusammen, dass Trainer Günter Luttrop direkt doppelt wechseln musste. Torhüter Bernd „Spinne“ Giese zog sich eine Gehirnerschütterung zu, Libero Bernd Schäfer einen Beinbruch, schon wieder – wie 1978 nach einem unglücklichen Zusammenprall, auch damals mit Giese. Zwei fast identische Unglücksfälle, kein Vorwurf an niemanden. „Das war ja fast Slapstick“, sagt Schäfer. Aber lustig war es nicht. Die kuriosesten Geschichten des Fußballs sind mitunter keine heiteren. Ganz im Gegenteil.

Das Schicksal des Ausnahme-Liberos: „Mist, das war‘s dann“

„Nein, das sind keine schöne Erinnerungen an dieses verhängnisvolle Spiel in Oldenburg“, sagt Schäfer anlässlich des 40. Jahrestags des Rückspiels gegen die Niedersachsen, „ich weiß noch, dass ich gar nicht vor Ort ins Krankenhaus bin, dass es aus Oldenburg direkt zurück nach Hellersen ging. Aber ich wusste direkt schon am Platz: Mist, das war’s dann…“ Endgültig ausgeträumt war damit auch der Traum von einer Erstliga-Karriere – Schäfer war eigentlich auf dem Sprung in die Eliteklasse gewesen. Ein harter Schlag.

Hatte man den ersten Beinbruch noch operieren müssen, weil er so kompliziert gewesen war, ging man beim zweiten in Hellersen konservativ vor. Es dauerte, bis das Bein wieder zusammengewachsen war. In der 2. Bundesliga machte Schäfer, der in allen Zweitliga-Jahren für RWL dabei gewesen war, kein Spiel mehr. Schäfer folgte, als er wieder fit war, noch Günter Luttrop und Volker Rieske zur Hammer SpVg in die Oberliga. „Aber da spielte dann immer die Angst mit, und ich war auch nicht mehr so fit wie vorher“, sagt Schäfer, „nach einem Jahr habe ich dann komplett Schluss gemacht mit dem Fußball.“ Kein Engagement mehr in unteren Spielklassen, auch nicht als Trainer. Das war nicht seine Sache.

Bernd Schäfer (rechts) gehörte nach seiner Karriere lange zum Organisatorenteam der Schülerfußball-Stadtmeisterschaften in Lüdenscheid.

Sein Vater war anders gewesen. Herbert Schäfer, Siegerländer Fußballidol, hatte 1959 ein A-Länderspiel für Deutschland bestritten (gegen Schweden), war seinerzeit deutscher Rekord-Amateur-Nationalspieler, zweifacher Olympiateilnehmer und zur Zeit, als Sohn Bernd gerade aus der Jugend der SF Siegen in den Seniorenbereich wechselte, Trainer im letzten Jahr der Sportfreunde in der 2. Bundesliga gewesen. Drei Seniorenjahre spielte Bernd Schäfer in Siegen, das zweite und dritte davon drittklassig in der 1. Mannschaft. Bis der Ruf aus Lüdenscheid folgte.

„Bei RWL hatte es die Revolte gegen Klaus Hilpert gegeben, da waren auf einen Schlag sieben, acht Leute weg“, erinnert sich Bernd Schäfer, „uns hat man das dann eigentlich gar nicht zugetraut, aber wir haben mit der neu formierten Mannschaft in der Oberliga nur ein Spiel verloren und uns auch in der Aufstiegsrunde gegen Holstein Kiel durchgesetzt.“ Der Aufstieg und das erste Zweitliga-Jahr – es sind die schönsten Erinnerungen im Fußballerleben Schäfers.

Letztes RWL-Zweitliga-Tor durch Vorstopper Gerhard Busch

Letztes Heimspiel in der 2. Bundesliga, letztes Tor, letzter Punktgewinn: Am 17. Mai 1981 kamen die Rot-Weißen am 41. Spieltag ihrer letzten Zweitliga-Saison am Nattenberg zu einem 1:1 (0:1)-Unentschieden gegen den Aufsteiger VfB Oldenburg. Das Hinspiel in Oldenburg hatten die Rot-Weißen im August 1980 2:6 (1:2) verloren.

Auch wenn Günter Luttrop an diesem Sonntagnachmittag eine Elf auf den Platz geschickt hatte, in der ungewöhnlich viele gelernte Offensivkräfte (Hadifar, Helmes, Lopatenko, Scheermann, Petkovic) standen, war es nach dem Seitenwechsel der Vorstopper, der das letzte RWL-Tor der Zweitliga-Historie schießen sollte: Der vor der Saison aus Karlsruhe gekommene Gerhard Busch traf in der 77. Minute zum 1:1-Endstand, sicherte den Bergstädtern gegen die Niedersachsen, die die Saison auf Rang 15 beendeten und wie RWL abstiegen, den 27. Pluspunkt der Saison. TM

RW Lüdenscheid: Giese – Busch, Oehler, Holtkamp (80. Steinhauer), Wischniewski, Wrede, Hadifar, Helmes, Lopatenko, Petkovic, Scheermann (63. Alfes)

VfB Oldenburg: Witt – Zoller, Kalkbrenner, Wedemann, Darsow, Lemcke (76. Lemcke), Osterkamp, Damjanoff, Steindor, Specht, Meisterfeld (78. Ebersbach)

Schiedsrichter: Winkler (Berlin)

Tore: 0:1 (5.) Specht, 1:1 (77.) Busch

Zuschauer: 500

„In der 2. Bundesliga haben wir auf einmal gegen Leute gespielt, die wir doch eigentlich nur aus dem Fernsehen kannten“, erzählt der kopfballstarke Verteidiger, „Rot-Weiß Essen kam mit Frank Mill und Horst Hrubesch, es ging gegen Bielefeld und Leverkusen. Das waren alles richtige Granaten, und dann kamen wir kleine Sauerländer…“ Auf Platz 13 schaffte es der Neuling in dieser Saison im Konzert der Großen. Ganz besonders ist Schäfer ein Heimspiel gegen den Bundesliga-Absteiger Rot-Weiß Essen in Erinnerung geblieben. Es war ein Nachholspiel an einem Dienstag nach Ostern. „Fluchtspielspiel und typisches Sauerlandwetter“, sagt Schäfer, „Essen war Tabellenführer, und das Stadion war voll – und wir haben 3:2 gewonnen…“ Essen wurde am Ende Vizemeister, Bielefeld hatte einen Punkt mehr gesammelt. Die Punkte vom Nattenberg fehlten Essen zur Meisterschaft. Wenn man so wollte, hatte der „Namensvetter aus Dingsda“, wie die Essener den Gast aus Lüdenscheid beim Hinspiel an der Hafenstraße auf Plakaten verspottet hatten, Zünglein an der Waage gespielt.

Rot-Weiß Essen kam mit Frank Mill und Horst Hrubesch, es ging gegen Bielefeld und Leverkusen. Das waren alles richtige Granaten, und dann kamen wir kleine Sauerländer…

Bernd Schäfer über das grandiose erste RWL-Zweitliga-Jahr

Das erste Zweitliga-Jahr war für Rot-Weiß Lüdenscheid fast zu gut gewesen, die Konkurrenz interessierte sich auf einmal für die Leistungsträger vom Nattenberg. Helmut Reiners, Elmar Jürgens und Wolfgang Schmidt gingen. „So ist das, die konnte man nicht halten. Die Mannschaft ist danach eine andere gewesen“, sagt Schäfer, „das erste Zweitliga-Jahr war die schönste Zeit. Das war eine tolle Mannschaft. Da waren auch immer so viele Zuschauer, das hat später dann ja auch nachgelassen.“

Im letzten Heimspiel der RWL-Zweitliga-Historie waren es am 17. Mai 1981 nur noch 500 im Schmuckkästchen. Ans letzte Jahr hat Schäfer keine so schillernden Erinnerungen mehr. „Es war ja praktisch klar, dass wir es durch die Einführung der eingleisigen 2. Bundesliga gar nicht schaffen können. Da ist dann alles irgendwie den Bach runtergegangen.“

Das Siegener Urgestein ist Lüdenscheid trotzdem immer treu geblieben – zwischen 1978 und 2013 arbeitete er für die Sparkasse in Lüdenscheid. Und so ganz ohne Fußball ging es dort dann doch nicht. Über Jahrzehnte zählte der Marketing-Mitarbeiter des Geldinstituts zum bewährten Organisationsteam der Schülerfußball-Stadtmeisterschaften, erlebte Generationen von begabten Nachwuchs-Kickern aus der Bergstadt am Nattenberg und Honsel. Inzwischen genießt Schäfer, der im August 67 Jahre alt wird, seinen Ruhestand, verfolgt den großen und kleinen Fußball wie in den vergangenen Jahrzehnten vor allem interessiert aus der Zuschauerperspektive – auch wenn es seine Rolle, den klassischen Libero, nicht mehr gibt. Der lebt vor allem in der Erinnerung. Auch am Nattenberg.

RWL Retro: Serie zum 40. Jahrestag des Abstiegs

Das Frühjahr 2021 ist in Lüdenscheid geprägt vom sportlichen Lockdown. Nichts geht dieser Tage. Vor 40 Jahren, im Frühjahr 1981, kämpfte Rot-Weiß Lüdenscheid in der 2. Fußball-Bundesliga, die zur Saison 81/82 eingleisig werden sollte, um den Klassenerhalt. Es war ein aussichtsloser Kampf, denn für die Qualifikation für die eingleisige 2. Liga wurde eine Wertung mit Ergebnissen der vorherigen fünf Spielzeiten zu Rate gezogen. So lange waren die Rot-Weißen seinerzeit noch gar nicht dabei gewesen. In Erinnerung geblieben ist diese Zweitliga-Zeit dem Fußballfan aber natürlich trotzdem. RWL war der Stolz der Fußballregion in diesen Tagen, auch wenn es am Ende der Spielzeit 80/81 zurück in die Oberliga ging, die damals noch die dritthöchste Spielklasse war. Der MZV erinnert in einer Serie an einige der Protagonisten der damaligen Zweitliga-Tage.

Teil 1: Peter Vollmann

Teil 2: Volker Rieske

Teil 3: Uwe Helmes

Teil 4: Manfred Lopatenko

Teil 5: Norbert Steinhauer

Teil 6: Klaus Eick

Teil 7: Bernd Schäfer

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