1. come-on.de
  2. Sport
  3. Lokalsport

Das Coronavirus spielt auch mit

Erstellt:

Kommentare

Deutschland, Schweiz
Einer der vielen jungen Spieler im DHB-Team: Julian Köster vom Zweitligisten VfL Gummersbach. © Uwe Anspach / dpa

Was denkt die heimische Handball-Szene über die Europameisterschaft?

Kreisgebiet – Mit dem Eröffnungsspiel zwischen Slowenien und Nordmazedonien (18 Uhr) beginnt an diesem Donnerstag die 15. Handball-Europameisterschaft. Wie schon vor Jahresfrist, als es in Ägypten um den WM-Titel ging, schwebt auch über dem zweieinhalbwöchigen Kontinentalturnier die Corona-Thematik. Diese ist auch deshalb längst zum Politikum avanciert, weil die beiden Ausrichterländer sehr unterschiedliche Ansätze verfolgen: Während in der Slowakei ausschließlich geimpfte Zuschauer Einlass in die Hallen erhalten und die Ränge nur zu einem Viertel besetzt sein werden, gelten in Ungarn 3G-Regelung und volle Auslastung der Spielstätten.

Wie sie dazu stehen, wer sich ihrer Meinung nach am 30. Januar Europameister 2022 wird nennen dürfen und wie es um die Chancen der verjüngten deutschen Nationalmannschaft steht – darüber hat die MZV-Sportredaktion mit einigen Protagonisten der heimischen Handballszene gesprochen.

Roland Janson (Männerspielwart des Kreises Lenne-Sieg): „Favorit ist für mich die Mannschaft, die mit den wenigsten Corona-Ausfällen durch das Turnier kommt. Fernab dieser Problematik schätze ich Frankreich und Spanien am stärksten ein. Die deutsche Mannschaft ist für mich eine Wundertüte – wenn es mit den jungen Wilden klappen sollte, wäre das natürlich umso schöner. Ich freue mich über jeden Sieg dieser Mannschaft. Was Corona-Risiken angeht, so hört man ja, dass alles sehr gut organisiert und sicher gemacht sein soll. Das Leben geht weiter, der Sport auch. Wir brauchen den Sport, gerade als Vorbild für unsere Jugend. Ich finde es deshalb gut, dass das Turnier stattfindet!“

Felix Kroll (Männer-Abteilungsleiter HSG Lüdenscheid): „Mein Topfavorit ist Dänemark. Wenn es richtig gut läuft, könnte die deutsche Mannschaft es vielleicht ins Halbfinale schaffen, was ein riesiger Erfolg wäre. Für die Zukunft sehe ich Deutschland auf jeden Fall gut aufgestellt: Es sind viele neue Gesichter im Team, und die Testspiele waren ja vielversprechend. Keinerlei Verständnis habe ich für die volle Zuschauerauslastung in den Hallen in Ungarn!“

Stefan Neff (Ex-Trainer der SGSH Dragons, jetzt VfL Eintracht Hagen): „Natürlich freue ich mich auf die Europameisterschaft. Früher habe ich die Spiele als Fan geschaut, heute vor allem als Zweitliga-Trainer – also auch aus beruflichem Interesse. Es ist immer spannend zu sehen, welche Tendenzen es gibt, welche Spielertypen besonders gefragt sind. Meine größte Sorge ist allerdings, wie die Veranstaltung wegen der Corona-Pandemie durchgeführt werden kann. Man sieht ja schon im Vorfeld die vielen Einschränkungen. Der Faktor Glück wird diesmal ganz besonders wichtig werden. Welche Kader werden durch Corona am wenigsten verändert? Welche Mannschaft steckt mögliche Corona-Fälle am besten weg? Deshalb tue ich mich besonders schwer, einen Favoriten zu nennen, wobei mir Dänemark natürlich immer einfällt. Unsere Mannschaft ist sicherlich kein Top-4-Kandidat, allerdings darf man die so genannten ‚deutschen Tugenden‘ wie den Teamgeist nicht unterschätzen.“

Dietmar Bliewernitz (Vorsitzender SG Kierspe-Meinerzhagen): „Im Test gegen Frankreich hat mir die deutsche Mannschaft vor allem von der Einstellung her sehr gut gefallen. Ich denke, im Idealfall kann das DHB-Team überraschen und unter die letzten Vier kommen. Auf der anderen Seite muss man sich aber auch im Klaren darüber sein, dass es schon in der Vorrunde eng werden kann, wenn man nicht am Limit spielt. Mein Titelfavorit ist Dänemark. Was die Rahmenbedingungen des Turniers angeht, so sind volle Hallen in Corona-Zeiten absolut unverantwortlich, zumal es ja schon im Vorfeld Nationalmannschaften gibt, die Infektionen zu beklagen haben. Ich würde dieses Turniers nicht unbedingt stattfinden lassen, und generell würde ich mir für unseren Sport einheitlichere Corona-Regelungen wünschen – aber man sieht ja schon bei uns im Amateurbereich, wie weit die Meinungen auseinandergehen...“

Ivo Milos (Trainer HSV Plettenberg/Werdohl): „Ich werde die gesamte Europameisterschaft im Fernsehen verfolgen und habe mir zusätzlich für zehn Euro das gesamte Paket bei Sportdeutschland.TV gekauft. Dann kann ich auswählen, welche Spiele ich mir wann ansehe. Die deutsche Mannschaft ist eine der wenigen, die zurzeit keine Coronaprobleme haben, Zwar fehlen einige Leistungsträger und ist die Mannschaft noch im Aufbauprozess, aber sie kann überraschen. Wenn sie aus ihrer guten Vorrundengruppe vier Punkte mitnimmt, ist die Chance auf das Halbfinale groß. Dort sehe ich auch Dänemark und Frankreich, um den vierten Platz werden sich das verjüngte spanische Team, Schweden und Norwegen streiten, wobei Norwegen sehr von einem Spieler abhängig ist. Ohne Sargosen gibt es sofort Probleme.“

Dirk Beuchler (neuer Sponsor der SGSH Dragons, Ex-Nationalspieler): „Das deutsche Team steckt im Umbau, hat viele Debütanten. Aber die Gruppenphase sollte man überstehen, auch den Gruppensieg traue ich dem Team zu. Der wäre umso wichtiger, weil es sonst wohl direkt gegen Norwegen gehen würde. Verstecken muss sich die deutsche Mannschaft nicht. 2016 war die Mannschaft auch jung, und dann hat Andreas Wolff in zwei Spielen 40 Bälle gehalten im Halbfinale und Finale, und wir waren Europameister... Meine Favoriten sind grundsätzlich allerdings eher Norwegen, Dänemark und sicherlich auch wieder Spanien. Ab dem Viertelfinale kommt’s auf die Tagesform an. Und vielleicht auch darauf, dass man möglichst ohne Corona durchs Turnier kommt. Das Virus ist die große Unbekannte, macht vieles unberechenbar.“

Frank Körbi (Handballabteilungsleiter TuS Grünenbaum): „Die Ansätze, die ich von der jungen deutschen Mannschaft gesehen habe, fand ich vielversprechend. Aber das sagt natürlich noch gar nichts darüber aus, wie sie sich dann unter den verschärften Wettbewerbsbedingungen eines EM-Turniers schlagen wird. Für das Corona-gebeutelte Deutschland und für unseren Sport wäre es natürlich schön, wenn die deutsche Mannschaft möglichst lange dabei bleiben würde. Für den Titel kommen sicherlich Norwegen und Dänemark und wohl auch Frankreich in Frage. Vielleicht kommt noch eine Überraschungsmannschaft dazu – die Ungarn mit dem Heimvorteil im Rücken oder die Kroaten, obwohl diese sich derzeit im Umbruch befinden. Viel wird aber auch davon abhängen, wie sehr die einzelnen Mannschaften von Corona-Fällen betroffen sein werden, ob dadurch möglicherweise wichtige Leistungsträger ausfallen. Was das Corona-Thema generell angeht, verfolgt man das Ganze mit gemischten Gefühlen. Es ist unglücklich, dass es in den beiden Gastgeberländen unterschiedliche Regelungen gibt und man sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner einigen konnte. Und es ist der Öffentlichkeit auch nur schwer zu vermitteln, dass in Ungarn Dinge zugelassen sind, die zum Beispiel hier bei uns in Deutschland momentan verboten sind.“

Mario Hurlbrink (Spieler TS Evingsen): „Wenn die deutsche Mannschaft gut ins Turnier reinkommt, ist vieles möglich – letztlich sogar der Titel. Aber auch Platz 16 ist nicht ausgeschlossen. Ich persönlich traue dem Team die Zwischenrunde zu, das Halbfinale wird es aber nicht schaffen, also eher Platz fünf. Zu den Favoriten gehören die üblichen Verdächtigen wie Dänemark, Spanien und Frankreich. Auch Kroatien und Norwegen haben Chancen. Man muss abwarten, was mit Corona passiert und wer am besten durchkommt. Zur Zuschauerproblematik kann ich nur sagen: Jeder, der hinfährt, sollte sich das gut überlegen. Eine WM oder EM live zu erleben, ist ein total tolles Feeling, aber selbst wenn die EM in Deutschland wäre, würde ich mir Stand jetzt kein Ticket kaufen. Insgesamt sehe ich die Entwicklung bei der deutschen Mannschaft positiv. Trainer Alfred Gislason weiß einfach, wie die Kirsche zu laufen hat – er ist eine Bank. Ich halte allerdings Florian Kehrmann für den noch besseren Mann, um junge Spieler zu entwickeln.“

Michael Mirus (Landesliga-Teammanager HSG Lüdenscheid): „Meine Topfavoriten sind Dänemark und Frankreich. Auf die deutsche Mannschaft bin ich gespannt. Es fehlen zwar wichtige Spieler, verbunden mit viel Erfahrung, dennoch ist für diese junge und auch noch nicht eingespielte Mannschaft das Überstehen der Vorrunde ein Muss. In der Hauptrunde ist dann alles möglich, dann wird sich auch zeigen, welche Mannschaften von Corona-Fällen betroffen sind oder nicht. Zur EM generell: Ich hätte für Titelkämpfe ohne Zuschauer plädiert. In der Slowakei gibt es zumindest eine Begrenzung, aber dass das in Ungarn nicht so ist, ist unfassbar.“

Auch interessant

Kommentare