Leichtathletik

Corona-Pandemie frisst auch bei Leichtathleten die Chancengleichheit

Drei Sprinter in der Halle
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Luis Vieweg bei den Deutschen Hallenmeisterschaften 2019 (Mitte) - 2021 wird er die Titelkämpfe auslassen, obwohl er qualifiziert ist.

Eigentlich könnte der Meinerzhagener Topsprinter Luis Vieweg im Februar einen Start bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund planen. Die sollen stattfinden. Vieweg aber lässt die Hallensaison aus, weil sie mit nur einem Wettkampf für ihn keinen Sinn macht.

Kreisgebiet – Die Hallensaison der Leichtathleten fällt zwar nicht komplett aus – sie kommt allerdings maximal klein daher: Das Präsidium des Deutschen Leichtathletik-Verbandes hat sie in seinen Planungen, die nach der jüngsten Sitzung in dieser Woche veröffentlicht wurden, auf exakt zwei Wettkämpfe reduziert: die Deutschen Hallen-Meisterschaften, die am 20. und 21. Februar in Dortmund stattfinden sollen, und die Mehrkampf-DM am 30./31. Januar in Halle/Saale. Die Jugend-DM in Sindelfingen wird es ebenso nicht geben wie die Hallen-DM im Winterwurf der Senioren. Hier hatte sich gar kein Ausrichter gefunden.

Nationale Titelkämpfe vor der Haustür? Luis Vieweg macht deshalb keine Luftsprünge, im Gegenteil. Der Topsprinter aus Meinerzhagen wird in Dortmund definitiv nicht antreten, auch wenn die Meisterschaften im Februar mit allen Auflagen (Corona-Tests für die Aktiven, Ausschluss von Zuschauern) tatsächlich ausgetragen werden sollten. Vieweg hat zwar die Qualifikations-Norm für die Meisterschaften erbracht, einen Start aber hält der 20-Jährige nicht für sinnvoll.

Corona-Pandemie frisst die Chancengleichheit

„Ich kann ja gar nicht richtig trainieren. Und ich brauche Wettkämpfe, um in Schwung zu kommen“, sagt Vieweg und hält auch das Verletzungsrisiko bei nur einem Hallenstart und dem entsprechenden Fokus, den man auf diese eine Wettkampfchance legen würde, für zu hoch. „Deshalb haben wir frühzeitig entschieden, die Hallensaison auszulassen“, sagt Luis Vieweg, „wenn es im Sommer dann wieder normaler gehen würde, wäre das ein nächstes Ziel.“

Vieweg spricht im Konjunktiv. Es ist ein auch aus Frustration gewachsener Blickwinkel, denn das Hätte, Wenn und Aber waren im Wettkampfjahr 2020 ein ständiger Begleiter für Vieweg und viele Top-Leichtathleten. 2019 – da war Vieweg mit der 4x100-Meter-Staffel der LG Kindelsberg Kreuztal in der U23-Klasse sensationell Deutscher Vizemeister geworden, war NRW-U20-Einzelmeister über die 100 Meter und hatte bei den nationalen U20-Titelkämpfen in Ulm nur um fünf Hundertstel Sekunden eine Medaille verpasst. Ein Jahr aus dem Bilderbuch.

Nur Kaderathleten im Hallentraining - Vieweg zu alt

Dann kam die Pandemie… „Ja, es war ein verlorenes Jahr“, sagt Vieweg, wenn er nun am Ende aufs Jahr 2020 schaut, das im Sommer zwar noch ein paar Wettkämpfe bereithielt, aber keine wirklichen Höhepunkte. Und ja, es sei schwierig, sich im Training immer neu zu motivieren, wenn die Bedingungen nicht optimal und die Ziele so wenig konkret seien. Die Corona-Zeit, sie habe auch schon Aktive zum Ausstieg bewegt.

Vieweg allerdings trainiert weiter, auch wenn es manchmal schwer fällt. Einmal die Woche im Stadion in Kreuztal mit seinem Trainer Adalbert Roßbach, daneben daheim: Kraft und natürlich Läufe im Wald. „Aber im Winter ist es je nach Witterung nicht so optimal“, sagt er. Hallentrainingszeiten hat Vieweg, der gerade auf der Zielgerade seine Ausbildung zum Industriemechaniker ist, nicht – sie sind den Kaderathleten vorbehalten.

Für Roßbach und Vieweg bleibt ein Termin im Stadion

Vieweg zählte zwar zum DLV-U20-Kader, doch nun ist er zu alt für diesen Kader. Dass die Pandemie auch die Chancengleichheit auffrisst, merkt Vieweg dieser Tag an seiner eigenen Person. Die Topsprinter des DLV und die besten U20-Talente dürfen mit Sondergenehmigung in die Halle. Vieweg und knapp 20 talentierte Leichtathleten der LG Kindelsberg Kreuztal dürfen mit Sondergenehmigung der Stadt Kreuztal zumindest ins dortige Stadion. Immer ein Aktiver und ein Trainer. Für Roßbach und Vieweg bleibt ein Termin der Woche, immerhin dieser eine. Der Rest muss zu Hause erledigt werden.

„Unsere Athleten haben Trainingspläne für zu Hause“, sagt Roßbach und freut sich, dass er mit seinen hoffnungsvollsten Talenten zumindest in der minimalen Trainer/Athlet-Konstellation ins Stadion darf. Selbstverständlich ist das keineswegs. Neben Trainingsplänen hat er seinen Schützlingen auch Ernährungspläne gegeben. Luis Vieweg ist fit dieser Tage – aber es ist eben ganz und gar die übliche Wettkampf-Modus-Fitness.

Roßbachs Sorgen um den jüngeren Nachwuchs

Adalbert Roßbach ist eine Trainer-Legende, hat lange den DLV-Nachwuchs im Sprint trainiert. Im August ist Roßbach 80 Jahre alt geworden. Wenn er nun sagt, dass er Hallenmeisterschaften in Dortmund eigentlich für unverantwortlich halte, dann spricht da einer mit viel Lebenserfahrung und einer, der natürlich bei aller Vitalität auch aus der Corona-Risikogruppe kommt.

Sorgen macht sich Roßbach allerdings nicht nur um die Pandemie, sondern auch um den Leichtathletik-Nachwuchs. „Nein, abgesprungen ist bei uns noch niemand“, sagt Roßbach, „aber ob sich die Jugend, also die Zwölf-, 14- oder 16-Jährigen, die allesamt im Moment gar nicht trainieren können, alle wieder motivieren lassen, wenn es losgeht?“ Roßbach lässt die Antwort offen. Er weiß es nicht…

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