Eishockey

„In Bezug auf Hockey-IQ zu wenig“

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Seit Februar 2019 ist Christian Hommel Sportlicher Leiter der Iserlohn Roosters, für die der gebürtige Hemeraner viele Jahre als aktiver Spieler auf dem Eis gestanden hat.

Iserlohn - Christian Hommel, sportlicher Leiter der Iserlohn Roosters äußert sich im Interview zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise, lässt die Saison Revue passieren und gibt einen kleinen Ausblick auf die Ziele des DEL-Klubs.

Ganz unter dem Eindruck der Corona-Krise stand in der vergangenen Woche auch der Seilersee. Nicht nur die Absage der Saison-Abschlussfeier der Iserlohn Roosters tat allen weh, noch schwerer wog, dass insbesondere die ausländischen Spieler aufgrund der immer größer werdenden Reiserestriktionen schnellstens in die Heimat kommen wollten. Unser Eishockey-Experte Mirko Heintz sprach mit Christian Hommel, dem Sportlichen Leiter des Klubs, über die Auswirkungen der Krise und zog mit ihm Bilanz – kurz vor der Pressekonferenz am Mittwoch, bei der personelle Entscheidungen erwartet werden. 

Christian Hommel, wie haben Sie die Entscheidung der Liga erlebt, die Saison zu beenden und auf die Playoffs zu verzichten? 

Für den Sport ist es eine Katastrophe, aber wir müssen mit diesem Virus respektvoll umgehen. Wenn Corona sogar dazu führt, dass Meisterschaften abgesagt werden, müssen wir zum Wohle aller handeln. Ich persönlich hätte mir gern noch viele Spiele live angeschaut, wäre gern viel gereist, um den einen oder anderen Spieler genau anschauen zu können, jetzt aber muss ich das auf Video tun. Fußball fällt erst einmal weg, die Formel 1 fängt später an. Ohne Sport für einen, der ein großes Sportlerherz hat, wird es eine schwere Zeit werden... 

Wie hart waren die letzten Tage für die nordamerikanischen Profis, die nach den Ankündigungen von Donald Trump schnell nach Hause möchten? 

Ich finde es okay, wenn jedes Land seine Entscheidungen zum eigenen Besten trifft. Als Konsequenz hat jeder Importspieler seinen Flug mindestens einmal umgebucht. Das zeigt die innere Unruhe jedes einzelnen Spielers, die wir hier auch gespürt haben. Auch für uns hat das eine Menge Arbeit bedeutet, um jeden Einzelnen noch einmal ein oder zwei Tage früher nach Hause zu bringen. Das gilt für die Jungs und auch für unsere Coaches. Meine Managerarbeit aber beeinflusst das gar nicht, weil wir natürlich schon einen Überblick darüber haben, welche Jungs insgesamt Interesse an einem Wechsel nach Europa haben. 

Wie haben Sie die vergangene Saison erlebt? 

Wir hatten eine Mannschaft mit einem guten Charakter. In Bezug auf den Hockey-IQ war es dagegen sicherlich zu wenig, und da müssen wir das Konzept justieren. Wenn wir überlegen, dass ein Leistungsträger wie Marko Friedrich aufgrund von Verletzungen nahezu 100 Trainingseinheiten und Spiele verpasst hat, können wir das nicht auffangen. Das gilt auch für Daine Todd, der rund 70 Einheiten verpasst hat – als Powerplay-Verteidiger. Das sind zwei Ausfälle, die wir nicht kompensieren können. Das sind Probleme, die du nicht löst. Dazu kamen die Special Teams, die nicht so funktioniert haben wie gewünscht. Vor einem Jahr hatten wir 17 Partien mit einem Tor Unterschied verloren, in der vergangenen Saison waren es 16. Das zeigt: Wir sind so weit nicht vom Top-Niveau entfernt, es fehlt aber im entscheidenden Moment. Wir sind dran, müssen aber an den Stellschrauben drehen. Für mich war es anstrengend. Ich habe viel gelernt und bin sehr glücklich darüber, dass unsere Zuschauer die vergangene Saison noch einmal als Ausrutscher betrachtet haben. Wir wissen auch alle, dass wir gemeinsam in eine Zeit starten, in der wir großen Zusammenhalt brauchen. 

An welchen Stellschrauben gilt es zu drehen? 

Wir müssen sehen, aus welchen Ligen wir Importspieler verpflichten. Ich habe Statistiken aufgestellt, aus welchen Ligen wir Jungs unter Vertrag genommen haben, und die dann anschließend aus meiner persönlichen Sicht bewertet. Da zeigt sich zum Beispiel, dass der Markt Österreich oder Slowakei nicht so groß für uns ist. Das sieht bei Finnland und Schweden anders aus, ohne jemandem zu nahe treten zu wollen. Aber wir müssen noch intensiver auf die unterschiedlichen Märkte blicken. Auch diejenigen, die uns Spieler empfohlen haben, habe ich bewertet – je nach Güteklasse der Tipps, auf die wir uns verlassen haben. 

Wie schwer war die Spielzeit mental für Sie? 

Wenn ich hier nicht seit 30 Jahren leben würde, wenn ich nicht für den Klub gespielt hätte, wäre es einfacher. Aber Christian Hommel und auch Karsten Mende haben und hatten eben immer eine besondere Verbindung zu diesem Klub. Deshalb versuche ich es zwar als Business zu sehen, aber unsere menschliche Basis, unsere Liebe zum Verein macht es schwerer. Jede Niederlage tut weh. Der Gedanke daran, dass die Kaffeedame aus dem VIP-Raum oder der Stehplatz-Fan nach dem Spiel enttäuscht nach Hause gehen, tut dem Manager weh. Der Fan kann nach Hause gehen – okay, wir auch, aber wir müssen bei allem noch kühlen Kopf bewahren. Du kannst nie loslassen, und das kostet Kraft. Aber trotzdem sage ich, wir können auch in 20 Jahren noch DEL spielen. Viele Freunde haben mich mental unterstützt, mir geholfen, kritisch und positiv zu sein, zu agieren statt mich von der Situation ‘runterziehen zu lassen. Ich habe versucht, mein Versprechen zu halten, mehr zu kommunizieren. Aber sich auch darauf neben dem Sport zu konzentrieren, ist sehr anstrengend. Der Kopf ist nicht immer frei, und ich bin manchmal zu emotional. 

Warum findet das abschließende Pressegespräch erst am Mittwoch statt? 

In den letzten Jahren ging es schneller. Wir wollen Antworten geben. Ob das auch bei 100 Prozent aller Fragen gelingt, weiß ich nicht, aber ich will es bei den meisten schaffen. Du analysierst nach einer Saison die gesamte Mannschaft und auch den Trainer. Wir wollen bei der Analyse alles richtig machen, haben mit jedem gesprochen, auch mit den Betreuern. Wir müssen auch in diesem Sommer zehn bis elf neue Spieler verpflichten. Manchen aus dem bestehenden Kader werden wir nicht halten können, bei anderen wird es gelingen. Wir werden weniger Spielraum haben, um Versuche zu unternehmen. Wir brauchen zwei bis drei Führungsspieler, echte Typen. Wir wollen gutes Eishockey spielen. Wenn wir dann verlieren, ist das so, aber wir brauchen mehr Qualität, die uns hilft, knappe Spiele zu gewinnen. Augsburg oder Bremerhaven hatten diese Spieler, die vorangehen und auch noch punkten können. Das hat letztlich den Unterschied gemacht.

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