Basketball

Die Korbjagd als Integrationsfaktor

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In Lüdenscheid hat Mohamed Ahmad bereits Wurzeln geschlagen. Die Baskets sind momentan seine sportliche Heimat. Dort kann er auf die Unterstützung seiner Vereinskameraden bauen.

Lüdenscheid - Im Alter von 18 Jahren, wenn viele andere junge Männer etwa dem Ende ihrer Schulzeit entgegenblicken und sich Gedanken um ihre berufliche Zukunft machen, ergriff der inzwischen 21-jährige Mohamed Ahmad die Flucht aus Syrien.

Eine Flucht vor Bürgerkrieg und Willkür, vor Elend und Mord. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Leben ohne Krieg sicher ganz anders verlaufen wäre – und ohne Flucht vielleicht mit seinem Tod geendet hätte. Heute lebt Mohamed Ahmad in Lüdenscheid. Er hat Arbeit, viele Freunde und ist sportlich erfolgreich. Der 21-Jährige spielt im Oberligateam der Baskets Lüdenscheid. 

In seinen Alltag ist inzwischen ein Stück weit Normalität eingekehrt. Derzeit hat er – mit Ausnahme seiner Familie – vieles, was sich ein junger Mann wünschen kann. Doch das war nicht immer so: Als Ahmad 18 Jahre alt wurde, tobte in seinem Heimatland bereits seit fünf Jahren ein immer blutiger werdender Bürgerkrieg. Ahmads Geburtsstadt Aleppo war seit 2012 zum Kriegsschauplatz geworden. 

Dann klopfte das Militär an die Tür 

Nachdem er volljährig wurde, sollte er dann seinen Militärdienst leisten. Das Gesetz sieht es in Syrien so vor. Seine Eltern entschieden daraufhin, dass er die Flucht ergreifen sollte. „Vor allem meine Mutter wollte, dass ich gehe. Sie wollte nicht, dass ich mein Leben für diesen schlimmen Krieg riskiere“, erzählt der 21-Jährige. Für einen Krieg, in dem es vordergründig nicht um die Interessen der Syrer geht, sondern um geostrategische und wirtschaftliche Belange. 

„Den Menschen ist es egal, ob sie von einer amerikanischen oder einer russischen Bombe getroffen werden. Das Sterben soll einfach aufhören“, sagt Ahmad. Mehrere hunderttausend Opfer hatte dieser Krieg bis dato gefordert. Soldaten, aber auch Zivilisten starben. Deshalb kam er der Bitte seiner Eltern nach und trat die Flucht an. Kein leichtes Unterfangen, „denn eine Flucht ist sehr teuer“, sagt Ahmad. 

Er selbst zahlte knapp 3000 Euro, bis er schließlich in Deutschland ankam. „Wie viel Geld es kostet, hängt immer auch davon ab, an wen man dabei so gerät. Es ist erschreckend, wie viele Menschen ein Geschäft aus den Flüchtlingsströmen machen und wie sie mit den Menschen umgehen“, erklärt er. Seine Flucht führte ihn zunächst in die Türkei, von da aus mit dem Boot nach Griechenland. Anschließend quer über den Balkan nach Ungarn. 

„Ich war mit vier anderen Flüchtlingen zusammen dort angekommen. Dann bot uns ein Taxifahrer an, uns für 600 Euro pro Person nach Deutschland zu fahren“, schildert Ahmad. Aussteigen mussten sie aber bereits in Österreich. Ihr Geld bekamen sie nicht zurück. Von dort aus ging es für ihn zu Fuß zur deutschen Grenze, wo er schließlich um Asyl bat. In Deutschland angekommen, ging es in eine Unterkunft nach Unna, von dort aus nach Schalksmühle. 

Seit Anfang des Jahres wohnt er nun in Lüdenscheid. „Die Flucht war sehr anstrengend. Man ist gewissermaßen auf sich allein gestellt. Nicht überall gibt es eine richtige Unterkunft oder etwas zu Essen. In Ungarn lebte ich zeitweise auf der Straße. Es war keine einfache Zeit, in der ich vor allem meine Familie sehr vermisst habe. Oft habe ich geweint, weil ich nicht wusste, wie es mit mir weiter gehen sollte“, berichtet Ahmad. 

Zwei Jobs und die Hoffnung auf einen Führerschein

Erst in Schalksmühle, dann in Lüdenscheid, begann er aber, Wurzeln zu schlagen: „Nachdem mein Aufenthaltstatus geklärt war, durfte ich mir Arbeit suchen. Derzeit habe ich zwei Jobs. Unter der Woche arbeite ich bei einer Firma, die Getränkeautomaten wartet. Samstags arbeite ich als Friseur. Ich muss viel arbeiten, um mich über Wasser zu halten – und um meinem Onkel das Geld zurückzuzahlen, dass er mir für meine Flucht geliehen hat. Außerdem spare ich gerade für ein Auto. Mit dem Führerschein bin ich schon fast fertig“, berichtet der 21-Jährige, der sich in Deutschland heimisch fühlt, voller Stolz. 

Neben der Arbeit und dem Deutschlernen war aber auch der Sport eine wichtige Stütze seiner Integration. In der Schule erkundigte er sich nach einem Basketballverein. Daraus resultierte der Kontakt zu den Baskets. „Das Probetraining war sehr hart. Ich hatte bestimmt zwei Jahre kaum Sport gemacht“, schildert Ahmad seine Startschwierigkeiten. Doch er biss sich durch. Er trainierte hart – und schaffte es in die 1. Mannschaft. Sein Können kam allerdings nicht von ungefähr: Schon in Syrien spielte er leidenschaftlich Basketball – schaffte es sogar ins U14-Nationalteam. Nun wirbelt er auf hohem Niveau für das Oberligateam der Bergstädter. 

Eine Bereicherung für beide Seiten: Denn Ahmad fand im Verein schnell Anschluss und hatte bei den Baskets vor allem auch zahlreiche Ansprechpartner, die ihm zur Seite standen, wenn er einmal Hilfe benötigte. Für die U14 II der Baskets, die er in dieser Saison coacht, ist er in Sachen Sport gewissermaßen auch Vorbild. 

Kein Interesse an einer Rückkehr 

Doch eine Sache beschäftigt ihn noch immer: Seit vier Jahren hat er seine Eltern nicht gesehen. Seinen Bruder und zwei seiner drei Schwestern auch nicht. Nur eine Schwester, die momentan in Mainz lebt, trifft er regelmäßig. „Ich werde häufiger nach Mainz fahren, sobald ich endlich ein Auto habe“, sagt der junge Mann selbstbewusst. Wie es mit ihm weitergehen soll, wenn der Krieg in Syrien vorbei ist? 

„Ich muss sagen, dass ich kein Interesse daran habe, zurückzukehren“, erklärt der 21-Jährige und liefert die Begründung mit. Er habe Angst, wegen seiner Kriegsdienstverweigerung in Syrien als Verräter abgestempelt oder gar inhaftiert zu werden, sollte Assads Regierung den Krieg für sich entscheiden. Zudem sei Deutschland bereits jetzt ein wichtiger Teil seines Lebens. 

Hier fand er Hilfe und Zuflucht, als er in einer ausweglosen Situation war. Dass das Sterben in seinem Heimatland Syrien in naher Zukunft ein Ende haben wird, erwartet er nicht. Die Hoffnung darauf will er aber auch nicht aufgeben. Zu sehr sehnt er sich nach Frieden – und auch nach seiner Familie. Zwei Dinge, die für Mohamed Ahmad alles andere als selbstverständlich sind.

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