Ein Fußballer leitet das Internat am Tennis-Bundesstützpunkt

Plettenberg bleibt Arben Tahiri immer im Herzen

Arben Tahiri und Boris Becker
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Arben Tahiri hat es in Hannover nicht nur mit den Tennis-Bundestrainern zu tun. Auch Boris Becker schaute in seiner Amtszeit als „Head of Men’s Tennis“ vorbei.

Als Arben Tahiri vor zwei Jahren zum letzten Mal in Plettenberg war, um seine Eltern zu besuchen, hat er sich für zwei Stunden „abgeseilt“, um die Stätten seiner Kindheit und Jugend zu besuchen. „Plettenberg wird immer im Herzen bleiben“, sagt der 41-Jährige, „und deshalb wollte ich diese zwei Stunden allein sein. Das hat richtig gut getan.“

Hannover/Plettenberg - Am Eschen, wo der aus Albanien stammende Tahiri aufgewachsen ist, parkte er sein Auto vor dem Haus seiner Kinderzeit und ließ die Gedanken schweifen, erinnerte sich an die Grundschulzeit, an seine Lehrerin Ursula Beyer. „Sie hat mich immer unterstützt und geprägt. Sie hatte es sich zur Leidenschaft gemacht, jungen Menschen etwas mitzugeben“, ist er der 2008 verstorbenen Frau, deren Verdienste um ihre Mitmenschen 1996 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt wurden, dankbar. Den Erinnerungen freien Lauf ließ Tahiri auch auf der Lennebrücke, die er auf dem Weg zum Sportplatz passieren musste.

Die Fußballerlaufbahn

Im Lennestadion, beim TuS Plettenberg, begann seine Fußballerlaufbahn. Schon als B-Junior rückte er in die von Michael Arndt trainierte A-Jugend auf, half 1997 beim Aufstieg in die Bezirksliga mit. 1999 zählte er zur jungen ersten Mannschaft, mit der Trainer Heinrich Symanzick erfolgreich den Umbruch wagte. Das Talent des Mittelfeldspielers blieb nicht verborgen. Über Rot-Weiß Lüdenscheid (2000/01) und den damaligen Landesligisten VfB Altena (2001-03) ging es weiter zu Oliver Ruhnert und den SF Oestrich-Iserlohn (2003-04), dann gemeinsam mit Dimi Pappas zum SSV Hagen (2004 bis Ende 2005). Es folgten viereinhalb Jahre bei Westfalia Herne und eine Saison bei Westfalia Rhynern. 155-mal spielte Tahiri in der Oberliga und der NRW-Liga.

Arben Tahiri (rechts) bejubelt im Trikot des TuS Plettenberg mit Carsten Monz (links) und Efthi Douros (Nr. 11) einen Treffer von Dimi Fidanidis (verdeckt).

Umzug nach Hannover

Im Sommer 2011 war dann Schluss, verlegte der Sozialpädagoge seinen Lebensmittelpunkt von Dortmund nach Hannover – seiner Frau zuliebe. „Sie war Grundschullehrerin in Niedersachsen, konnte aber keine Stelle in Nordrhein-Westfalen bekommen. Also habe ich die Zelte in Dortmund, wo ich zweieinhalb Jahre lang eine Wohngruppe von Flüchtlingen betreut habe, abgebrochen und bin nach Hannover gezogen.

Dort hatte der Tennisverband Niedersachsen eine Teilzeitstelle im pädagogischen Bereich ausgeschrieben. Auf diesen Job bewarb sich Tahiri, absolvierte am Tag, als vor der Tür das dreiwöchige Maschseefest tobte, als letzter Interessent sein Vorstellungsgespräch und konnte überzeugen. Er bekam die Stelle und fing mit 20 Stunden in der Woche an.

Die Tennisbase

Zehn Jahre später ist daraus der Vollzeitjob des Internatsleiters geworden, der Tahiri, dessen Familie inzwischen um eine Tochter (9) und einen Sohn (4) angewachsen ist, oftmals länger als 40 Stunden in der Woche beschäftigt. Der Tennisverband Niedersachsen hat sich inzwischen mit Bremen zusammengeschlossen, die sogenannte Tennisbase in Hannover ist nicht nur Landes-, sondern auch Bundesstützpunkt.

Zehn Tennisplätze, vier Indoor und sechs Outdoor, zählen dazu, Athletikhalle und Kraftraum, ein Behandlungsraum für die Physiotherapie, eine Bibliothek und ein Medienraum. Das Internat, in dem Arben Tahiri für die pädagogische Betreuung der Talente zuständig ist, hat zwölf Zimmer, die teilweise auch von Gästen genutzt werden, sowie eine hauseigene Küche. Die Schülerinnen und Schüler, die zum Landes- oder zum Bundeskader gehören, besuchen die Kooperative Gesamtschule (KGS) Hemmingen, eine Eliteschule des Sports, die alle Möglichkeiten für einen Abschluss bietet.

„Nach dem ersten Lockdown haben wir den Betrieb hier langsam wieder hochgefahren“, erzählt Arben Tahiri, „Tennis ist für die Kaderspieler in Niedersachsen erlaubt. Wir können den Tennissport noch hochhalten. Die Jugendlichen haben ein Anrecht auf das Training. Wir wollen ihnen ermöglichen, dass sie ihren Trainingsrhythmus wiederfinden.“

Zu den größten Talenten, die in Hannover leben und trainieren, zählt die 17-jährige Nicole Rivkin, Nummer 70 der Jugend-Weltrangliste. Sie gehört seit sechs Jahren zur Tennisbase Hannover, will an der KGS Hemmingen Abitur machen und als Mitglied des Porsche Junior Teams Turniere in aller Welt spielen. Corona macht diesem Plan oft einen Strich durch die Rechnung. So wurde das Jugendturnier der Australian Open abgesagt. Rivkin konnte vergangene Woche aber in Valencia und Benicarlo/Spanien starten, erreichte mit ihrer belgischen Partnerin Hanne Vandewinkel einmal das Finale und einmal das Halbfinale im Doppel.

Die Bundestrainer

Um das Training der Talente kümmern sich im Bundesstützpunkt Nord in Hannover die besten deutschen Trainer. Nicolas Kiefer war hier einige Zeit lang tätig, seit 2015 hat der ehemalige Profi und Deutsche Meister Peter Pfannkoch die sportliche Leitung inne, ist ebenso wie Philipp Petzschner Bundestrainer für den Nachwuchs. Petzschner gewann 2010 mit dem Österreicher Jürgen Melzer das Doppelturnier in Wimbledon, 2011 siegten beide auch bei den US Open.

Aber auch der jeweilige Head of Men´s Tennis und Davis Cup-Chef des Deutschen Tennisbundes (DTB) schaut des Öfteren in der Tennisbase Hannover vorbei. Bis Ende vergangenen Jahres war dies Boris Becker (Arben Tahiri: „Wir haben über den FC Chelsea gefachsimpelt. Boris ist eine Legende.“), seit Dezember hat der Hagener Michael Kohlmann diesen Posten übernommen. Regelmäßig führt Kohlmann Lehrgänge für die hoffnungsvollsten Nachwuchstalente in Hannover durch. „Dann kommen viele Kaderspieler wochenweise hierher“, weiß Tahiri.

Für die ständigen Bewohner des Internats ist ein strammer Tagesablauf vorgesehen: „Es gibt zwei-, dreimal die Woche Frühtrainingszeiten“, erzählt Tahiri. „Danach gibt es Frühstück. Zur dritten Stunde beginnt dann der Unterricht in der KGS Hemmingen. Nach dem Essen in der Mensa geht es mit dem Fahrrad zurück. Es folgen noch zwei Trainingseinheiten Tennis und Physio, dann gibt es Abendessen. Danach bleibt nur noch wenig Freizeit – die Tage sind durchgetaktet.“

Eine der Aufgaben von Arben Tahiri besteht darin, „zu beobachten, ob jemand eine Pause braucht.“ In Teamsitzungen mit den Trainern, Gesprächen mit den Eltern und in Abstimmung mit dem Sportkoordinator der KGS Hemmingen, Sven Achilles, wird der beste Mix aus Schule und Sport gefunden.

Arben Tahiri bei einem Pressetermin vor der Tennisbase in Hannover.

Hohe Abiturquote

„Wir haben einen hohen Anspruch und bisher eine echt hohe Quote: 95 Prozent unserer Schüler bestehen das Abitur“, sagt Tahiri. Je nach Entwicklungsstand können die Jugendlichen vom Realschulweg auf den gymnasialen Weg wechseln – und umgekehrt. „Wir haben ein tolles Vertrauensverhältnis zur Schule aufgebaut und versuchen, die Mädchen und Jungen auch auf das Leben nach dem Profisport vorzubereiten“, verfolgt Tahiri als Teamleiter im Internat einen nachhaltigen Ansatz. Weitere pädagogische Mitarbeiter, Nachhilfelehrer und die Nachtbetreuung unterstützen ihn. Arben Tahiri koordiniert, dokumentiert und bündelt alle Informationen. „So sehe ich, wo Handlungsbedarf herrscht“, sieht sich der Plettenberger als Bindeglied zwischen Eltern, Trainern und Talenten.

Dass er in einem solch verantwortungsvollen Job arbeiten darf, hat er in den zehn Jahren schätzen gelernt. „Wir wollen hier neben der professionellen Ausbildung eine familiäre Atmosphäre schaffen – davon lebt die Tennisbase“, ist er überzeugt. Die Anbindung zum Olympiastützpunkt Hannover am gegenüberliegenden Ufer des Maschsees gewährleistet darüber hinaus auch sportpsychologische Betreuung und Ernährungsberatung.

Kicken bei 96

„Die Arbeit ist mehr geworden“, blickt Tahiri auf die zehn Jahre in Hannover zurück, bedauert dies aber nicht: „Für mich ist es ein Privileg gewesen, dies aufbauen zu dürfen. Wir haben den psychischen und mentalen Bereich mehr in den Fokus genommen.“ Mit Christian Spreckel, der schon für den Hamburger SV und den FC St. Pauli gearbeitet hat, steht ein erfahrener Mentalcoach zur Verfügung. Tennis sei dabei „individueller als der Fußball, wo viel über den Teamspirit möglich ist“, weiß Tahiri, der sich mit Ü32 von Hannover 96 um Kapitän Fabian Ernst für die im Juni in Blumenthal bei Bremen geplante Deutsche Meisterschaft qualifiziert hat. Vom Fußball kann der Plettenberger also noch nicht ganz lassen.

Doch das ist Hobby, seine Hauptaufgabe sieht er darin, Tennistalente, die schon in jungen Jahren bei ihren Reisen ein hohes Maß an Alltagskompetenz beweisen müssen, bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zur Seite zu stehen. „Dabei steht der Respekt über allem, ist extrem wichtig. Im Internat herrschen klare Prinzipien, Werte und Normen“, geht der Sozialpädagoge nach dem Konzept vor, dass er in Hannover entwickeln durfte. „Wir bemühen uns, mit den jungen Menschen auf Augenhöhe zu kommunizieren, arbeiten mit viel Menschlichkeit und ohne Druck. Dafür haben wir ein starkes Team.“

So fest verwurzelt Arben Tahiri in Hannover auch ist, „Plettenberg wird immer bleiben und kommt immer wieder hoch. Damals beim TuS habe ich so viel vom Sport aufgesaugt. Der Verein ist mir bis heute wichtig“, sagt er, rattert die Namen ehemaliger Mitspieler herunter und kommt zu dem Schluss: „Das waren alles echt coole Jungs.“

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