ARD trauert Quali-Rechten nach

"Der Verlust schmerzt sehr"

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Die Qualifikationsspiele der deutschen Nationalmannschaft werden bald auf RTL übertragen

Köln - Der Coup von RTL für mehr als 100 Millionen Euro wirbelt die deutsche TV-Landschaft bei Fußball-Live-Übertragungen kräftig durcheinander. Die ARD trauert.

Die Qualifikationsspiele der deutschen Nationalmannschaft werden künftig auf RTL übertragen

Der Kölner Privatsender RTL überträgt künftig die Qualifikationsspiele der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zur EM 2016 in Frankreich und der WM 2018 in Russland - die bisher übertragenden öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF gucken in die Röhre.

„Der Verlust schmerzt sehr“, sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky dem SID, „wir müssen akzeptieren, wenn ein privater Anbieter Rechte haben will und uns überbietet. Wir sind als gebührenfinanzierter Sender an unsere Grenzen gestoßen. Fußball scheint für RTL zu einem wichtigen Gut zu werden.“

Großer Jubel herrschte dagegen in der Kölner RTL-Zentrale. Mehr als fünf Millionen Euro pro Partie lässt sich der Privatsender nach SID-Informationen die 20 Live-Spiele der Elf von Bundestrainer Joachim Löw kosten. Letztmals ein deutsches Länderspiel live hatte der Kölner Sender im Dezember 1993 mit dem Doppelpack gegen Argentinien (Miami) und die USA (San Francisco) übertragen - im September 2014 folgt das Comeback nach fast 21 Jahren Abstinenz.

„Nach den mitreißenden Übertragungen bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland und 2010 in Südafrika sind wir glücklich, mit den Spielen der deutschen Nationalmannschaft noch attraktivere Spiele in unserem Programm der nächsten Jahre zu platzieren“, kommentierte RTL-Programm-Geschäftsführer Frank Hoffmann, der aus seiner Freude keinen Hehl machte: „Endlich wieder großer Fußball bei RTL.“ Die WM-Spiele 2006 und 2010 waren jeweils Begegnungen ohne deutsche Beteiligung.

Im Ringen um die Spitzenposition unter den deutschen Sendern hat sich RTL für die nächsten Jahre damit möglicherweise einen Vorteil erkämpft, denn die deutschen Länderspiele sind Garanten für starke Quoten. Wenngleich ARD und ZDF weiterhin die normalen Länderspiele sowie die Endrundenspiele 2016 in Frankreich und 2018 in Russland übertragen. In Mehmet Scholl (ARD) und Oliver Kahn (ZDF) stehen prominente Ex-Nationalspieler als Experten bei den Öffentlich-Rechtlichen unter Vertrag.

„Für die Fans ist sicherlich die wichtigste Botschaft, dass alle Länderspiele auch in Zukunft frei empfangbar bleiben“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Erstmals gab es am Rande des Frauen-Länderspiels zwischen Deutschland und Japan am 29. Juni in München beim DFB Gerüchte, das Pendel könnte zu RTL ausschlagen. Aber noch Anfang Juli hatten sich die Platzhirsche ARD und ZDF zuversichtlich gegeben, dass sie weiterhin die diesmal zentral von der Europäischen Fußball-Union (UEFA) über die Agentur „CAA eleven“ vermarkteten EM- und WM-Quali-Spielen übertragen dürfen.

RTL sah sich als David, der den Goliath niederstreckt. „Als Außenseiter haben wir quasi in der Nachspielzeit des Finales um die Rechtevergabe genau im richtigen Moment den entscheidenden Pass gespielt. Tor, Abpfiff und Riesenjubel in der RTL-Kurve“, sagte RTL-Sportchef Manfred Loppe blumig. Aufseiten von ARD und ZDF war hingegen die Gemütslage verständlicherweise eher frostig.

„Wir haben die Entscheidung der UEFA zur Vergabe der Qualifikationsspiele der deutschen Nationalmannschaft für die EM 2016 und die WM 2018 zur Kenntnis genommen“, hieß es in einer dürren gemeinsamen Pressemitteilung von ARD und ZDF. Man habe sich mit einem „fairen und marktgerechten Angebot“ um die Übertragungsrechte beworben, aber auch „gemeinsam eine klare finanzielle Obergrenze definiert“. Zuletzt sollen ARD und ZDF knapp fünf Millionen Euro pro Quali-Spiele geboten haben - offenbar zu wenig.

RTL hat sich im Sport vor allem durch seine jahrzehntelange Formel-1-Live-Berichterstattung sowie große Boxkämpfe einen Namen gemacht, allerdings übertrug der Sender von 1992 bis 2003 (bis auf 1999/2000/TM3) erfolgreich auch die Champions League. Darunter den berühmten Torfall in Madrid im Champions-League-Spiel zwischen Real und Borussia Dortmund am 1. April 1998. Marcel Reif und Günther Jauch erhielten als Reporter bzw. Moderator, die die 76-minütige Pause mit vielen Bonmots überbrückten, damals den Grimme-Preis.

Hinzu kamen Live-Events wie die Vierschanzentournee. Jetzt kann RTL mit den deutschen Qualifikationsspielen für 2016 und 2018 auf weitere „Filetstücke“ in der Sport-TV-Berichterstattung verweisen.

SID

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