Politik

Salut auf dem Fußballplatz: Eine Geste mit vier Motiven

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Salut erlaubt: US-Nationalspielerinnen bei der WM 2011.

Salut-Jubel im Fußball ist nicht neu - auf deutschen Plätzen werden Vorkehrungen getroffen, damit er keine Nachahmer findet.

Dass der Profifußball Vorbildwirkung besitzt, die bis an die Basis des deutschen Fußballs reicht, muss nicht eigens betont werden. Aber Veranstaltungen, wie kürzlich der DFB-Bundestag, kommen ohne diesen Brückenschlag nicht aus. Und auf einmal ist der Bezug wieder aktuell: Der Beleg erfolgte nach den umstrittenen Militärgrüßen türkischer Nationalspieler in den EM-Qualifikationsspielen gegen Albanien (1:0) und Frankreich (1:1).

In mehreren DFB-Landesverbänden hat es Nachahmer gegeben. Besonders stark scheinen die Abstrahleffekte im Ruhrgebiet: Drei Amateurfußballvereine aus dem Kreis Recklinghausen müssen sich wegen eines Militär-Saluts ihrer Spieler vor dem Verbandssportgericht verantworten. Der Kreisvorsitzende Hans-Otto Matthey bestätigte, dass es sich dabei um die SG Hillen, um Genclikspor Recklinghausen und um die zweite Mannschaft der DTSG Herten handelt. „Wir lassen uns nicht auf der Nase rumtanzen“, sagte Matthey. Dem Gremium lagen entsprechende Bilder vor.

Militärgruß mit türkischer Fahne: ganz im Sinn von Präsident Tayyip Recep Erdogan

Bei Genclikspor zeigt man dagegen kein Verständnis. „Wo bleibt da die Meinungsfreiheit“, fragte der Vorsitzende Hakki Gürbüz. Man habe in der Kabine ein Foto mit türkischer Fahne gemacht, dabei hätten einzelne Spieler den Militärgruß gezeigt. „Aber das war als reine Gedenkminute für die verstorbenen Soldaten gedacht“, betonte Gürbüz und beteuerte: „Wir vereinen Spieler aus vielen Völkern. Dafür haben wir den Verein 1994 gegründet. Dafür haben wir 2011 den Integrationspreis der Stadt bekommen, und es gab sogar einen Kinofilm über uns.“

Salut unerwünscht: türkische Nationalspieler in der EM-Qualifikation 2019.

Hässliche Szenen ereigneten sich derweil am Sonntag in der Kreisligapartie zwischen Türkspor Herne und dem FC Castrop Rauxel. Herner Spieler hatten zu Beginn mit dem Militärgruß provoziert, die aufgeheizte Stimmung eskalierte nach zwei Abseitsentscheidungen. Leidtragender war ein Linienrichter, der geschlagen und getreten wurde. Das Spiel wurde abgebrochen, Streifenwagen rückten an – und am Ende herrschte Unverständnis. 

Es scheint, als würde die stramm der politischen Führung von Präsident Tayyip Recep Erdogan folgende türkische Fußball-Nationalelf gerade wertvoller Integrationsarbeit hierzulande einen Rückschlag versetzen. Mal ganz abgesehen davon, dass ihre in Deutschland geborenen Nationalspieler zwischen allen Stühlen sitzen. Während Kaan Ayhan, Kenan Karaman (beide Fortuna Düsseldorf) und Hakan Calhanoglu (AC Mailand) die Geste zuletzt in Paris nicht wiederholten und sich dabei Druck von Mitspielern ausgesetzt sahen, hat Ozan Kabak (FC Schalke 04) auf der Ersatzbank salutiert. Die Königsblauen kündigten eine Unterredung mit dem 19-Jährigen an, der im Sommer vom VfB Stuttgart gekommen war. Dem in Ankara geborenen Abwehrspieler sprang der deutsch-türkische Teamgefährte Suat Serdar bei, der gerade für die deutsche Nationalmannschaft debütiert hat. „Das Einzige, was ich sagen möchte, ist, dass wir alle gegen Krieg sind – auch Ozan.“

Jeder, der nicht für Erdogan ist, ist automatisch ein Gegner

Dokumentiert hat Kabak das freilich nicht. Allerdings stecken die türkischen Fußballer auch in einer Zwickmühle: In der Türkei herrscht ein Klima vor, wonach jeder, der nicht für Erdogan ist, automatisch als Gegner eingestuft wird - mit allen möglichen weitreichenden Konsequenzen.

Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) und der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV) haben angekündigt, das Sportgericht bei Nachahmern einzuschalten. Unter keinen Umständen sollen Gesten kopiert werden, die letztlich den türkischen Angriffskrieg in Nordsyrien unterstützen, bei denen auf kurdischer Seite gerade täglich Kinder sterben.

Uefa untersucht Vorfälle rund um Ereignisse beim Türkei-Spiel

„Wir dulden nicht, dass jemand unseren Sport für Diskriminierungen, Provokationen und Beleidigungen missbraucht. Deshalb werden wir von unserer Linie der Null-Toleranz-Politik bei gewalttätigen oder diskriminierenden Vorfällen auch keinen Millimeter abweichen“, heißt es von Verbandsseite. In der Rechts- und Verfahrensordnung ist verankert, dass gegen politisch motivierte Provokationen und Diskriminierungen vorgegangen werden kann. Der Württembergische Fußballverband erwägt, die Vereine schriftlich vorzuwarnen. Auch die Schiedsrichter sollen sensibilisiert werden.

Die Europäische Fußball-Union (Uefa) setzte am Mittwoch einen „Ethik- und Disziplinar-Inspektor“ zur Untersuchung der Vorfälle ein, doch ein schnelles Urteil ist kaum zu erwarten. Sanktionen könnten von einer Ermahnung über eine Geldstrafe bis hin zu einer Platzsperre oder gar Punktabzüge reichen. Eine harte Strafe gilt aber als unwahrscheinlich, weil die Uefa den Spielern wohl erst einmal nachweisen müsste, dass sie mit der Geste tatsächlich die umstrittene Türkei-Offensive befürworten.

Erdogan findet Salut-Jubel ganz „natürlich“

Sportminister Mehmet Muharrem Kasapoglu bezeichnete die Aktion als einen „schönen Gruß“, an dem es nichts auszusetzen gäbe. An diesem Punkt könnte die Sanktionierung tatsächlich heikel werden. Auch Staatschef Erdogan hat den Salut-Jubel seiner Nationalspieler als „selbstverständlich“ und „natürlich“ bezeichnet. An eine harte Bestrafung durch die Uefa glaubt er nicht. „Sie können höchstens eine Verwarnung aussprechen.“ Die türkische Nationalmannschaft habe eine „nationale Sichtweise, und diese nationale Sichtweise haben sie mit all den Zuschauern geteilt“. Erdogan führte den französischen Starstürmer Antoine Griezmann an, der vor Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron salutiert habe. „Haben sie Griezmann etwas auferlegt?“, fragte Erdogan.

Militärische Grüße sind im Fußball immer wieder vorgekommen – und oft genug nahmen die Dachverbände daran keinen Anstoß. Gleich im Eröffnungsspiel der WM 2018 zwischen Russland und Saudi-Arabien (5:0) führte der Russe Artem Dzyuba die Hand zum militärischen Gruß – die linke Hand legte der 31-Jährige auf den Kopf. Mit jedem seiner drei Turniertore wiederholte der Stürmer von Zenit St. Petersburg eine Geste, die von der Begrüßung der russischen Streitkräfte stammt. Dabei darf nur mit vorhandener militärischer Kopfbedeckung salutiert werden – die imitierte Dzyuba mit der Linken.

Salut geduldet: russischer Nationalspieler Artem Dzyuba bei der WM 2018.

Auch Megan Rapinoe salutierte schon mit ihren Mitspielerinnen

Was russische Fußballer durften, war US-amerikanischen Fußballerinnen auch schon erlaubt. Bei der Frauen-WM 2011 in Deutschland trat die kürzlich zur Weltfußballerin gekürte Megan Rapinoe als Motor einer Jubelchoreographie auf, die es in viele deutsche Tageszeitungen schaffte: Die US-Spielerinnen standen in Reih und Glied und salutierend vor ihren Landsleuten: Denn in der Arena von Sinsheim weilten zum zweiten Gruppenspiel gegen Kolumbien (3:0) nicht nur der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger und OK-Chefin Steffi Jones, sondern auch zahlreiche in Deutschland stationierte US-Soldaten. Der entscheidende Unterschied zum aktuellen Fall mit der Türkei: Das US-Team würdigte zu diesem Zeitpunkt Soldaten, die nicht in Kämpfe verstrickt waren – und nicht etwa einen aggressiven Militäreinsatz in einem fremden Land mit unzähligen Toten schon nach wenigen Tagen.

Erstaunlich war gleichwohl damals Rapinoes Rolle: Die bei der Frauen-Weltmeisterschaft 2019 für ihren Kampf gegen Diskriminierung international gefeierte Powerfrau vom linken Flügel, die sich mit den Mächtigen der (Fußball-)Welt von Fifa-Präsident Gianni Infantino bis US-Präsident Donald Trump anlegte, schmetterte sogar Bruce Springsteens Song „Born in the USA“ übers Stadionmikrofon.

Auch Donald Trump redet im Türkei-Konflikt irgendwie mit

In ihrer Biografie tritt zu militärischen Fragen viel Widersprüchlichkeit zum Vorschein. Ihre Mutter Denise erklärte einmal der „Washington Post“, dass ihre Tochter eigentlich, wie die ganze Familie, sehr patriotisch ist: „Ihr Vater war im Vietnam-Krieg, ihr Großvater ist Veteran des Zweiten Weltkriegs. Mein Vater erlitt im Korea-Krieg viele Verletzungen. Wir haben eine lange Familiengeschichte im Dienst für unser Land.“ Die 34-jährige Rapinoe verstand ihren Einsatz auf dem Fußballfeld in 158 Länderspielen und drei Weltmeisterschaften lange als Dienst für die Nation, wie sie sagte, bis die „Dinge in Amerika ein bisschen fies wurden“. Damit meinte sie die Wahl eines US-Präsidenten, den sie heute aus voller Überzeugung verbal bekämpft, der in dem Türkei-Konflikt irgendwie aber auch mitredet. (mit dpa und sid)

Von Frank Hellmann

Der Fall Erdogan war ein Puzzlestück im deutschen Scheitern bei der WM. Daran trägt Mesut Özil zumindest eine Mitverantwortung. Ein Kommentar.

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