Nach WM-Blamage

Offener Brief: Fanklub-Mitglied rechnet mit DFB-Kickern und Reinhard Grindel ab

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Frustrierte DFB-Kicker nach der bitteren Niederlage gegen Südkorea.

Nach dem frühen WM-Aus brodelt es beim DFB - auch an der Basis. Ein Mitglied der „Freunde der Nationalmannschaft“ findet in einem offenen Brief deutliche Worte für DFB-Präsident Grindel.

Das historisch frühe Ausscheiden bei der Weltmeisterschaft in Russland lässt dem DFB keine Ruhe. Die Nationalspieler sind schon im Urlaub und auch die Zukunft von Joachim Löw ist geklärt, da wendet sich Markus Stillger, ein Mitglied des Fanklubs „Freunde der Nationalmannschaft“, in einem offenen Brief, der dem MDR vorliegt, an den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel.

Der Brief ist ein Generalangriff auf die Vermarktung der Nationalmannschaft, den Umgang mit der Erdogan-Affäre und Präsident Grindel selbst. Der Vorwurf, der sich durch Stillgers gesamten Brief hindurchzieht lautet: „Der DFB hat sich von der Basis entfernt.“

Wer ist Markus Stillger überhaupt?

Nach eigenen Angaben ist Markus Stillger - der sich lieber Max nennt - Gründer und Inhaber der Stillger & Stahl Vermögensberatung und der MB Fund Advisory. Nebenbei betreibt er einen Internet-Blog, in dem er Themen wie „Wirtschaft, Börse, Fußball und die anderen schönen Dinge des Lebens“ behandelt. Dort gibt er seinen Leser Investment-Tipps, kritisiert „couragierte Gutmenschen“, zeigt Sympathien für AfD-nahe Männer wie Max Otte und fordert Manager auf Ministerposten. 

Sachliche Richtigkeit und maßvolle Sprache lässt Stillger dabei nicht immer walten. Bezugnehmend auf die Krawalle am Rande des G20-Gipfels in Hamburg schrieb er: “Es kann doch in der heutigen Zeit, wo jeder Furz überwacht wird, nicht sein, das so ein Krebsgeschwür wie der „schwarze Block“ mitten in unserem Land sein Unwesen treibt. Da brauchen wir schnellstens eine internationale Sonderkommission, die da mal einen (ich formuliere das mal bewusst provokativ) ‚kleinen Holocaust‘ veranstaltet und diesen Puff ausräuchert.“ Die Staatsanwaltschaft Limburg erklärte die Äußerung sei „eine sprachliche Entgleisung“, stelle im getätigten Kontext aber keinen Straftatbestand dar. 

Stillger: „Noch nie war die Spitze so weit von der Basis entfernt, wie heute“

Stillger kritisiert in dem Brief die konsequente Abschottung der Spieler von den eigenen Fans. Er erzählt von wartenden Fans am Frankfurter Flughafen, zu denen sich lediglich Marco Reus gesellt hätte. Alle anderen Spieler seien in abgedunkelten Limousinen davongebraust.

Gleichzeitig bemängelt er den Umgang der Spieler mit der Kritik aus der Heimat. Statt sich Gedanken zu machen, warum die Kritik so ausfalle, würden sie sich in trotzige Aussagen flüchten wie Toni Kroos nach dem Sieg gegen Schweden. Für Stillger alles Anzeichen, dass das Team den Anschluss zur Basis verloren habe.

Stillger: Der DFB steht hinter den falschen Leuten

Ein weiterer Kritikpunkt: Der Umgang des DFB mit der Erdogan-Affäre. Die Verantwortlichen hätten die Tragweite der Foto-Aktion nicht nur unterschätzt, sondern sich im weiteren Verlauf auch noch vor Özil und Gündogan gestellt, anstatt konsequent durchzugreifen: „Es wäre ihre Pflicht gewesen hier auf den Tisch zu hauen und zu sagen: „Leistung hin oder her, so etwas geht auf gar keinen Fall!“

Gleichzeitig wirft er dem DFB aber vor, die beiden jubelnden Mitarbeiter des Betreuerstabs einfach fallen gelassen zu haben. Als Gegenbeispiel nennt er die Schweiz, die sich während der WM vor Shaqiri und Xhaka stellten - trotz umstrittener Jubelpose: „An den Schweizern sollten Sie sich eine Scheibe abschneiden, wie die hinter ihren Leuten gestanden haben.“

Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri wurden vom Schweizer Verband unterstützt.

Ämterhäufung, Interessenkonflikte und eine verschmähte Lichtgestalt

Zum Ende des Briefs wendet sich Stillger gegen Grindel selbst. Anstatt sich auf die vielen offenen Baustellen beim DFB zu konzentrieren, würde der stattdessen Ämter bei der FIFA und UEFA anstreben. Für Stillger bedeutet das: „So erwecken Sie bei mir leider den Eindruck: Der Grindel ist mediengeil und will überall dabei sein.“

Aber auch die Interessenkonflikte von Bierhoff und Löw spricht Stillger an: „Ich finde es schon sehr grenzwertig, dass der Bundestrainer und zwei seiner Spieler den gleichen Berater haben.“ Genauso kritisch sieht er Oliver Bierhoffs Beteiligung an der Firma, die den Transfer von Trainer Julian Nagelsmann zu Leipzig abgewickelt hat.

Auf einen will Stillger dagegen gar nichts kommen lassen: Franz Beckenbauer, der mit offensichtlich nicht ganz sauberen Mitteln die Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland gebracht hat. Den Umgang des DFB mit dem „Kaiser“ bezeichnet er als „unter aller Sau“.

Für Stillger gibt es daraus nur eine logische Konsequenz: „So wie es momentan bei der Nationalmannschaft läuft, ist das nicht mehr meine Welt und mit dem dort gesparten Geld unterstütze ich lieber junge Sportler außerhalb des Fussballs. Die kennen wenigstens noch die Werte: Dankbarkeit, Leidenschaft und Begeisterung. Über die Osterhasen mit Ihren Kopfhörern und Tätowierungen, wo der Friseur wichtiger als der Physio und die Instagram-Fotos wichtiger, als die Note im Kicker-Sportmagazin sind, will ich mich in meinem Leben nicht mehr aufregen!“

Gemischte Reaktionen auf den offenen Brief

Die Reaktionen auf den offenen Brief fallen gespalten aus. Viele äußern sich sehr zustimmend in der Kommentarspalte des MDR. Es gibt aber auch Gegenwind. So finden es einige Nutzer befremdlich, dass Stillger ausgerechnet Beckenbauer und dessen Seilschaften in Schutz nimmt. Genuaso kritisieren sie, dass er den Schweizer Verband für etwas lobt, was sich bei den Deutschen ganz ähnlich mit Özil und Gündogan abgespielt hat.

Der DFB hat sich bisher noch nicht zu dem offenen Brief und den darin aufgeführten Kritikpunkten geäußert. Es ist fraglich, ob eine solche Reaktion überhaupt noch kommt.

tb

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