Aber: Kein Zeitlimit für Reformen

FIFA verspricht Druck auf Katar

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Amnesty International hat in Katar ein "alarmierendes Ausmaß an Ausbeutung bis hin zu Zwangsarbeit" festgestellt.

Frankfurt/Main - Der Amnesty-Bericht über die Missstände für ausländische Arbeiter in Katar verstärkt den Druck auf den WM-Gastgeber 2022. Doch ein Ultimatum der FIFA an den Golfstaat gibt es nicht.

Sanfter Druck, aber weiter kein Ultimatum: Nach dem Bericht von Amnesty International über unwürdige Bedingungen für ausländische Arbeiter in Katar steht der Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 bei der FIFA zwar mehr denn je unter Beobachtung. Ein Zeitlimit für Reformen setzt der Fußball-Weltverband dem Golfstaat aber nach wie vor nicht. „Es gibt keine konkrete Deadline, bis die Veränderungen umgesetzt sein müssen“, sagte FIFA-Pressechefin Delia Fischer am Montag der Nachrichtenagentur dpa.

Man stehe in ständigem Kontakt mit den örtlichen Verantwortlichen, die dortigen Stellen hätten bereits damit begonnen, auf die Missstände zu reagieren. „Wir sind überzeugt, dass Katar das Problem ernst nimmt“, hieß es von der FIFA.

Am Montag reagierte das WM-Organisationskomitee auf die Amnesty-Vorwürfe. Die Veranstalter sagten zu, dass man die Lebensbedingungen der Arbeiter verbessern werde. Dazu sollen Lebensstandards festgeschrieben werden, an die Bauunternehmen gebunden seien. Die offizielle Nachrichtenagentur QNA berichtete unter Berufung auf Außenministeriumskreise, dem Emirat sei der Schutz von Menschenrechten wichtig. Man arbeite daher daran, diesen durch neue Gesetze und zuständige Institutionen weiter zu verbessern.

Schon vor den neuen Enthüllungen hatte der Generalsekretär des WM-OK in Katar, Hassan Al-Thawadi, versichert, „jeder einzelne Tote jenseits der Zahl Null“ sei für Katar selbstverständlich inakzeptabel. Man sichere jedem, der an der WM mitarbeite, „Sicherheit, Würde und Gesundheit“ zu.

Doch in Wirklichkeit sieht die Situation für die zahlreichen Gastarbeiter aus Süd- und Südostasien laut des am Sonntag von Amnesty International in Doha vorgestellten Berichts anders aus. Auf 170 Seiten prangerte die Menschenrechtsorganisation unter anderem mangelnde Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften sowie zum Teil menschenunwürdige Unterbringungen der Arbeiter auf Baustellen des WM-Gastgebers an. Außerdem müssten zahlreiche Arbeiter monatelang auf ihren Lohn warten oder würden gar nicht bezahlt.

„Es ist einfach unentschuldbar, dass in einem der reichsten Länder der Erde dermaßen viele Gastarbeiter skrupellos ausgebeutet werden, man sie ihres Lohns beraubt und sie dem Kampf ums Überleben preisgibt“, sagte Amnesty-Generalsekretär Salil Shetty bei der Präsentation der Studie „The Dark Side of Migration: Spotlight on Qatar's Construction Sector Ahead of the World Cup“. Für die Untersuchung waren Mitglieder der Menschenrechtsorganisation im Oktober 2012 und im März 2013 zweimal in den Golfstaat gereist. Insgesamt sprachen die Menschenrechtler mit rund 210 Arbeitern.

Problematisch sei vor allem das sogenannte Sponsor-System, dass den Arbeitgebern weitreichende Rechte über die Migranten gibt. „Damit hat der Arbeitgeber alle Macht der Welt gegen die Arbeiter in der Hand. Er braucht sie nicht zu bezahlen, gibt ihnen schlechte Unterkünfte, und die trauen sich nichts zu sagen, weil sie Angst haben um ihren Job“, sagte Regina Spöttl, Katar-Expertin von Amnesty International, der dpa.

In Deutschland fühlten sich die Kritiker an der WM-Vergabe bestätigt. Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, verlangte eine deutliche Reaktion der katarischen Behörden. „Wir fordern, dass entweder diese Bedingungen der Zwangsarbeit sofort und umfassend beendet werden (...) oder aber Katar die Fußballweltmeisterschaft wegzunehmen“, sagte Sommer im Interview mit dem Inforadio rbb.

Silvia Schenk, Sportbeauftragte der Antikorruptions-Organisation Transparency International, sprach sich für veränderte Kriterien bei der Vergabe von Großereignissen aus. „Menschenrechtsfragen und Anti-Korruption müssen bei den Vergabekriterien von sportlichen Großereignissen eine Rolle spielen“, sagte Schenk der dpa. „Dabei ist nicht nur der Ist-Zustand gemeint, sondern man muss auch bewerten, ob so ein Großereignis im Gastgeberland etwas Positives in Gang setzen könnte.“

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, nahm die FIFA ebenso wie das Internationale Olympische Komitee ebenfalls in die Pflicht. So, wie die Sportorganisationen technische Details für ihre Stadien vorschreiben würden, „genauso müssten sie auch vorschreiben, dass diese Sportstätten auch nach menschenrechtlich vernünftigen Standards gebaut werden“, sagte Löning der dpa.

Deutscher Fußball-Bund und Deutsche Fußball Liga hatten schon auf dem DFB-Bundestag in Nürnberg Ende Oktober heftige Kritik an den Zuständen in Katar geübt. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hatte die WM 2022 als „Belastung für den ganzen Fußball“ bezeichnet. Im Heute-Journal des ZDF sagte er nun: „Wenn es überhaupt etwas Positives gibt, dann ist es die Erkenntnis, dass über die WM diese Problematik auf den Plan tritt. Ich denke, diese Problematik gab es schon vorher. Jetzt wird klar, dass sich etwas tun muss.“

Ligapräsident Reinhard Rauball sprach von einem „sklavenähnlichen“ System. Durch die neuen Vorwürfe sehen sich die Spitzenfunktionäre in ihrer kritischen Haltung bestätigt, neu äußern wollten sie sich am Montag nicht. Das Internationale Olympische Komitee erklärte, dies sei Sache der FIFA.

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dpa

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