BVB-Chef im Interview

Watzke: "Wir blasen nicht zur Jagd"

+

BAD RAGAZ - Vier eigene Spieler beim vierten WM-Titel-Gewinn für Deutschland, der Abschied von Robert Lewandowski oder die Verpflichtung von Ciro Immobile – für Borussia Dortmund war es ein sehr aufregender Sommer. Michael Knippenkötter traf im Trainingslager in Bad Ragaz den Vorsitzenden der BVB-Geschäftsführung, Hans-Joachim Watzke (55), zum Interview.

Herr Watzke, der BVB bereitet sich zum vierten Mal in Folge in der Schweiz auf die anstehende Saison vor. Beschwören Sie den Geist von Bad Ragaz herauf?

Watzke (lacht): Wir sind immer Erster oder Zweiter geworden, wenn wir hier in der Vorbereitung waren. Nennen wir es also mal gutes Omen. Was zählt, sind die Bedingungen, und die sind hier einfach top. Es ist alles perfekt.

Der FC Bayern ist in die USA geflogen, auch andere Vereine sind in Übersee unterwegs. Warum nicht der BVB?

Watzke: Ich finde das zunächst mal gut, was die Bayern im Zuge der Internationalisierung machen. Aber es gibt auch immer eine Abwägung – zwischen ökonomischen Interessen und einer optimalen Vorbereitung. Wir haben beschlossen, so eine Reise in diesem Jahr nach der Weltmeisterschaft nicht zu machen.

Das heißt, Ihnen ist die sportliche Situation im Moment wichtiger.

Watzke:  In diesem Moment ja. Aber wir wissen, dass wir die Nummer zwei in Deutschland sind und eine gewisse Verantwortung gegenüber der Liga haben. Wir werden im nächsten Sommer sicher auch eine weitere Reise unternehmen, um die Bundesliga im Ausland zu vertreten.

Ist die Kritik am engen Terminplan seitens des FCB vor dem Hintergrund der selbst gewählten weiten Reise auch etwas übertrieben?

Watzke:  Das glaube ich nicht. Da ging es mehr darum, dass die Spieler in sehr unterschiedlichen Zyklen zurückkommen und man unterschiedliche Fitnesszustände innerhalb der Mannschaft hat. Natürlich wusste man das auch vorher, außerdem hat Bayern dafür schon seit Jahren den Kader. Aber es ist auch legitim, dass man darauf hinweist. Man muss ihnen einfach zugestehen, dass sie zu dem WM-Titel, der ganz Deutschland gefreut hat, von allen Klubs am meisten beigesteuert haben.

Und wie die Statistik zeigt, hat der FCB nach diesen WM-Turnieren schwächere Spielzeiten gehabt.

Watzke: Ja, aber das ist doch alles Schnee von gestern. Als einer, der die Liga praktisch seit der Gründung genau verfolgt und studiert hat, weiß ich, dass da 1974 nach der WM 14 gleichwertige Spieler im Kader standen und dass man dann natürlich…

Moment: Auch nach den letzten beiden Weltmeisterschaften 2006 und 2010 wurde Bayern nicht Meister.

Watzke:  Das ist richtig. Aber es hatte auch nicht jedes Mal etwas damit zu tun. Pep Guardiola hat gesagt, dass er beim FC Barcelona völlig andere Erfahrungen gemacht hat. Und Bayern hat viele Leistungsträger, die gar nicht dabei waren in Brasilien: Lewandowski, Alaba, Ribéry – wir kennen sie alle. Ich glaube das also alles nicht, für mich ist Bayern München auch in diesem Jahr wieder klarer Favorit.

Dass Sie selbst keine Kampf-Ansage auspacken, damit hatten wir gerechnet. Aber wie fühlt es sich an, selber attackiert zu werden? Aus Leverkusen kommen klare Signale.

Watzke: Auch das haben wir uns erarbeitet. Nach den ersten beiden Meisterschaften kamen die Attacken eher aus München, jetzt sind wir in der Position zwischen den Bayern und dem Rest der Top-Klubs. Und aus dieser Position heraus würde ich es auch so machen, schließlich wären auch Leverkusen, Schalke oder Wolfsburg gern mal wieder Zweiter. Es wäre ein gefühlter Erfolg für alle, wenn sie uns mal wieder ein Jahr lang hinter sich hätten. Deswegen ist das legitim, auch wenn wir das verbal nie gemacht haben. Wir haben nie zur Jagd auf irgendjemanden geblasen, weil es einfach nichts bringt – außer vielleicht mediale Aufmerksamkeit. Aber die brauchen wir nicht.

Leverkusen schon?

Watzke:  Das will ich nicht beurteilen.

Dann kommen wir zu Real Madrid und James Rodriguez: Was haben Sie gedacht, als er für 80 Millionen nach Spanien gewechselt ist?

Watzke: Ich habe gedacht, Florentino, du bist ein glücklicher Mensch! Wir hätten den auch noch genommen (lacht). Aber Fakt ist: Real Madrid ist der größte Klub der Welt, und die 80 Millionen Euro kriegen sie auch wieder rein. Man muss auch sehen, wen sie verkaufen. Da könnte auch jetzt noch was passieren.

Sie meinen, di Maria verlässt den Klub noch. Richtung BVB?

Watzke:  Eher unwahrscheinlich. Aber genau das meinte ich ja. Real Madrid wird seriös geführt, macht eine halbe Milliarde Euro Umsatz.

Anders als Paris SG oder Manchester City?

Watzke: Ja, das ist was völlig anderes. Gegen die Ausgaben dieser Vereine stehen keinerlei Einnahmen. Da muss das Financial Fairplay weiter zuschlagen. Bei beiden sehe ich aber bereits ein etwas dezenteres Kaufverhalten als in den letzten Jahren.

Wie sehen Sie dann die Rolle von Red Bull Leipzig?

Watzke: Als Sonderfall. Man kann das nicht mit den herkömmlichen Maßstäben messen. Ich habe oft kritisiert, dass Klubs, die eine eindimensionale Struktur haben, keine Leute bewegen, keine Fanscharen. Dietrich Mateschitz aber hat sehr klug den Standort Leipzig gewählt, einen Ort, der förmlich nach Fußball schreit. Man hat seit Jahrzehnten gesehen, dass der ganze Osten ohne externe Hilfe wahrscheinlich keinen dauerhaften Bundesligafußball bekommt.

Ist dieses Modell allein dadurch schon zu legitimieren?

Watzke: Darum geht es mir nicht, für diese Frage ist die DFL zuständig. Und wenn sie nach Prüfung aller Fragen die Lizenz erteilt, dann wird das seine Richtigkeit haben. Ich sage nur, es ist ein Sonderfall, weil dort Fußball-Beisterung und -Kultur herrscht. Wenn die Leipziger mal nach Dortmund kommen, werden sie 5000 oder 6000 Zuschauer mitbringen.

Sie unterscheiden also bei dem Punkt „Investition in Fußballkultur“ – und damit ist der Fall Leipzig anders gelagert als Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim?

Watzke: Das Entscheidende ist, und da sind wir wieder bei den internationalen Regularien: Der Klub muss sich irgendwann selbst tragen und darf nicht am Tropf von Herrn Mateschitz hängen. Aber wenn es überhaupt einen Standort gibt, an dem man so ein Projekt mittelfristig über klassische Einnahmen refinanzieren kann, dann ist es der Osten Deutschlands.

Gibt es in Ihrem Kopf schon Pläne für eine Nachfolge von Marco Reus?

Watzke: Nein, nicht einen.

Muss man sich nicht auf so etwas vorbereiten?

Watzke: Wenn wir es täten, würden wir es Ihnen nicht sagen. Ich habe kein Problem mit dem derzeitigen Stand. Problematisch wäre es, wenn unsere Spieler plötzlich für niemanden mehr interessant sein würden. Dann hätten wir mindestens eine miese Saison gespielt.

Aber Sie würden doch ruhiger schlafen, wenn keine Ausstiegsklausel im Spiel wäre, oder?

Watzke:  Wenn es bei einem Spieler eine Ausstiegsklausel geben sollte, ist ja immer die Frage: Hättest du damals auf den Spieler verzichten sollen, unter der Prämisse, dass alle anderen Klubs ihm diese gestattet hätten? Insofern erkenne ich kein Problem. Selbst Bayern hat 40, 50 Jahre damit leben müssen, dass mal jemand geht. Zuletzt sogar Toni Kroos.

Auf der anderen Seite kommt erneut das Thema Shinji Kagawa auf und eine mögliche Rückkehr des Japaners.

Watzke: Das ist ein Thema für Leute, die Sommerlöcher füllen müssen. Aktuell ist da nichts dran. Ich halte nicht viel davon, kategorisch bis in alle Ewigkeit etwas auszuschließen. Aber im Moment brauchen wir uns da keine Gedanken zu machen.

Wie haben Sie den Einstand von Robert Lewandowski beim FC Bayern gesehen?

Watzke:  Robert ist für jede Mannschaft der Welt eine Verstärkung. Er ist ein super Profi, der sich bei Borussia Dortmund zu dem entwickelt hat, der er heute ist. Man muss aber fairerweise sagen, dass Bayern auf dieser Position auch vorher nicht schlecht aufgestellt war. Ein Mario Mandzukic hat ja auch durchaus ab und zu getroffen.

In München heißt es, man bedient sich nicht bei Spielern von Borussia Dortmund, nur um den Verein zu schwächen.

Watzke: Ich höre das. Ob ich das dann glaube, ist eine andere Sache. Aber mehr braucht man dazu nicht zu sagen.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare