Klopps Emotionen und Eruptionen begleiten BVB-Dilemma

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DORTMUND - Eine Verletztenmisere, mangelnde Punkteausbeute und Treffsicherheit seiner Offensiv-Akteure: Trainer Jürgen Klopp bewältigt bei Borussia Dortmund die derzeit größte Herausforderung seiner Karriere.

Es gab schon angenehmere Momente in der bemerkenswerten Trainer-Karriere von Jürgen Klopp. Erstmals in den bisherigen fünf Jahren bei Borussia Dortmund hat der 46-Jährige mit einer Serie von Rückschlägen zu kämpfen. Kein Wunder, dass dem Strahlemann in der ersten Saisonhälfte das Lachen oftmals vergangenen ist.

Die Emotionen, bei Klopp bisher stets als Symbol für Authentizität beschrieben, schlugen in den vergangenen Wochen einige Kapriolen. Eine außergewöhnliche Verletztenmisere beim deutschen Fußball-Vizemeister, der damit verbundene Zwölf-Punkte-Rückstand auf den Erzrivalen und Tabellenführer Bayern München sowie eine mangelhafte Torausbeute haben Spuren hinterlassen. Mehrfach dünnhäutig und genervt reagierte Klopp zuletzt auf die bohrenden Fragen der Journalisten. Dabei kommt es auch vor, dass der ein oder andere Medienvertreter einen markigen Spruch gedrückt bekommt.

Klopp mag es sachlich und fachlich, Nebenschauplätze will er nicht aufmachen, ausschließlich das Wesentliche betrachtet wissen. Sein Problem mit dem Boulevard gibt er öffentlich zu, seine Reaktionen sind eindeutig. "Aus diplomatischen oder politischen Gründen dieses oder jenes anders zu formulieren, liegt mir nicht", wurde Klopp einst in einem Interview im kicker zitiert.

Der Meistercoach, der sich mit dem Sprung ins Finale der Champions League im Mai endgültig in die erste Garde der europäischen Spitzentrainer einreihte, erschreckte seine Fans im September, als er im Auftaktspiel der Königsklasse beim SSC Neapel (1:2) ausrastete und den vierten Offiziellen attackierte. Zwei Spiele Sperre folgten. Geldstrafen zahlte Klopp in den vergangenen Jahren zur Genüge, wenn an der Seitenlinie wieder einmal die Gäule mit ihm durchgegangen waren.

"Jürgen lebt Fußball, er ist emotional, aber man sollte das nicht so hoch hängen", sagte kürzlich BVB-Boss Watzke. Die Fans sind hingegen offensichtlich hin und hergerissen. Jene Szene, als Klopp den Schiedsrichter-Assistenten in Neapel mit fletschenden Zähnen anfauchte, beschrieben nicht wenige Experten und Fans als "unprofessionell".

Oder sind Klopps emotionale Reaktionen im guten wie im negativen Sinne Fußball pur und mit ein Grund, warum er überall höchsten Respekt genießt? fragte Sport1 auf seiner Internetseite. Paulo Fonseca, Trainer des FC Porto, antwortete: "Der deutsche Fußball hat derzeit Jürgen Klopp, der wegen seiner Leidenschaft ein Bezugspunkt für uns alle ist."

Derzeit durchlebt Klopp zweifellos eine Ausnahmesituation. Die Verletzungen und Ausfälle von immer noch drei deutschen Nationalspielern (Marcel Schmelzer, Mats Hummels, Ilkay Gündogan) sowie Neven Subotic und zwischenzeitlich einer kompletten Abwehrreihe zu kompensieren, brachte den allseits hochgeschätzten Coach an seine Grenzen. Dennoch liefert seine Mannschaft passable Leistungen ab, wuchtete sich mit einem Kraftakt im letzten Gruppenspiel der Königsklasse ins Achtelfinale und steht im Viertelfinale des DFB-Pokals.

Nur eines der vergangenen fünf Liga-Spiele konnte der BVB gewinnen, dennoch würde bei einem Sieg am Samstag gegen Hertha BSC mit 35 Punkten die beste Hinrunde in der Ära Jürgen Klopp stehen, besser noch als jene in der Double- und Rekordsaison 2011/12 (34 Punkte). Für den beträchtlichen Abstand zu den Bayern in der Tabelle lieferte Torjäger Robert Lewandowski in einem Interview in der Bild-Zeitung weitere Gründe. Der BVB habe ja nicht so viele Punkte abgegeben, weil er schlecht gespielt habe, "sondern weil wir zu viele Chancen liegen lassen", sagte der 25-Jährige.

Es quält Klopp zu sehen, wie sich seine letzten Mohikaner derzeit mit Leidenschaft bemühen, die missliche Situation zu kompensieren, sich dabei jedoch nur zu selten belohnen. Klopp lebt Fußball, für und mit seiner Mannschaft, stellt sich schützend vor sie und geht dabei - mitunter auch mal undiplomatisch - in die verbale Offensive. - Günter Bork/sid

Quelle: wa.de

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