Keine Rückkehrklausel für Klopp

Interview: Watzke fällt Klopp-Abschied "sehr, sehr schwer"

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Am 15. Mai 2011 feierten Jürgen Klopp (rechts) und Hans-Joachim Watzke gemeinsam die Meisterschaft mit dem Umzugswagen auf dem Borsigplatz.

Dortmund - Mit einem Sieg im DFB-Pokalfinale gegen den VfL Wolfsburg kann Borussia Dortmund am Samstag in Berlin eine zunächst enttäuschend verlaufende Saison noch krönen.

Zwei Tage vor dem Endspiel im Olympiastadion beantwortete Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der Geschäftsführung des BVB, die Fragen von Peter Schwennecker zu den Themen rund um das Endspiel.

Wie erleichtert sind Sie, dass die Mannschaft vor dem Pokalfinale gegen Wolfsburg schon einmal die Qualifikation für die Europa League erreicht hat?

Watzke: Wir waren ja im Februar noch Tabellenletzter. Der Sprung von Platz 18 auf Platz 7 ist in der Bundesliga-Historie nur sehr, sehr wenigen Klubs geglückt. Ich bin froh, dass wir die Europa-Hürde schon vor dem Finale genommen haben. Wobei wir uns durch einen Sieg im Pokalfinale die Qualifikation zur Europa League noch ersparen könnten...

Am 19. Spieltag war der BVB sogar Tabellenletzter. Haben Sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch an Fußball auf europäischer Bühne geglaubt?

Watzke: Zu diesem Zeitpunkt mussten wir uns als seriöser Klub mit anderen Szenarien auseinandersetzen. Das Träumen von der Teilnahme am internationalen Geschäft wäre zu dieser Zeit nicht zielführend gewesen. Wir haben die Hinrunde intensiv analysiert, alle Kräfte gebündelt, uns Schritt für Schritt immer nur dem jeweils nächsten Ziel verschrieben und erst über Europa gesprochen, als der Klassenerhalt perfekt war. Ich glaube, so gehört sich das in einer sportlichen Krise.

Trotz der guten Rückrunde werden 15 Punkte Rückstand auf die Champions-League-Plätze den gesteckten Saisonzielen und den Ansprüchen in Dortmund nicht gerecht. Was ist neben dem großen Verletzungspech in der Saison schief gelaufen, welche Lehren ziehen Sie aus dieser Achterbahnfahrt, besonders, was die Leistungsdifferenz zwischen nationalen und internationalen Auftritten angeht?

Wir berichten, sowohl mit dem Blick auf das sportliche als auch das ganze Drumherum in Dortmund und Berlin, in einem Live-Ticker!

Watzke: Die Gründe haben wir schon im Winter deutlich thematisiert. Es war eine verhängnisvolle Mischung aus einer zerstückelten Vorbereitung, den WM-Nachwehen, einer nicht enden wollenden Verletztenliste und negativen sportlichen Erlebnissen, die uns in eine Abwärtsspirale gestoßen hat. Dass wir mit dieser Einordnung nicht ganz falsch lagen, können Sie an der Rückrundentabelle ablesen. Wer mit so einem außergewöhnlich belastenden Rucksack in die zweite Saisonhälfte startet, nach dem 19. Spieltag sogar die Rote Laterne in den Händen hält und am Ende der Rückrunde nur drei Punkte weniger gesammelt hat als der Deutsche Meister, der darf von sich zumindest behaupten, eine ordentliche Halbserie gespielt zu haben.

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Ein Grund für die Wende in der Rückrunde war sicherlich der große Zusammenhalt im Verein zwischen Führungsetage, Trainerteam, Mannschaft und auch den Fans. Bei ihrem ewigen Rivalen ein paar Kilometer weiter, der die Bundesliga in der Tabelle sogar vor dem BVB abschloss, herrscht derzeit große Unruhe. In Dortmund wurde stets Ruhe bewahrt, am Ende der Saison sogar gefeiert. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Watzke: Es steht mir nicht zu, über andere Klubs zu urteilen. Ich glaube allerdings, dass Sie Recht haben, was den BVB betrifft: Ich kenne nicht viele Klubs unserer Größe, die sich in einer vergleichbaren Situation nach innen und außen so geschlossen zeigen. Ausdrücklich beziehe ich hier unsere Fans mit ein. Was die BVB-Familie in der abgelaufenen Saison in dieser Hinsicht geleistet hat, war beeindruckend. Wir haben uns nie auseinander dividieren lassen.

Vor Jahren haben Sie einmal das Ziel geäußert, den BVB zum zweiten Leuchtturm neben den Bayern im deutschen Fußball zu etablieren. Inzwischen hat die Konkurrenz aus Wolfsburg, Gladbach oder Leverkusen Dortmund nicht nur eingeholt, sondern auch überholt. Ist diese Lücke in naher Zukunft wieder zu schließen oder rückt die Bundesliga, was das Ranking hinter den Bayern angeht, weiter enger zusammen?

Watzke: Ich habe das Wort Strahlkraft bewusst benutzt, weil es das Wort "strahlen" beinhaltet. Borussia Dortmund hat sechs Mal in Serie das internationale Geschäft erreicht, stand vier Mal in Serie am Saisonende in einem Endspiel. Wir haben in den vergangenen Jahren zwei Meistertitel gewonnen, das Double geholt, standen unter anderem im Champions-League-Finale. Am kommenden Wochenende erwarten wir in Berlin 130.000 BVB-Fans. Was die Strahlkraft angeht, stehen wir bei allem Respekt für eine jeweils sportliche starke Spielzeit deutlich vor den meisten von Ihnen erwähnten Klubs. Und was das Sportliche angeht: Gehen Sie bitte davon aus, dass wir auch in Zukunft sehr ambitioniert sein und 2015/2016 eine starke Mannschaft stellen werden.

Mit Ilkay Gündogan verlässt vermutlich auch in diesem Sommer ein weiterer wichtiger Leistungsträger den BVB. Einige Spieler, darunter auch der ein oder andere Neuzugang, haben in der vergangenen Saison die Erwartungen nicht erfüllt. Wird es mit dem neuen Trainer einen richtigen Umbruch oder wird es nur punktuelle Veränderungen im Kader geben?

Watzke: Wenn Sie unter Umbruch verstehen, dass acht, neun Spieler den Klub verlassen und ähnliche viele neue Spieler kommen, dann wird es keinen geben. Natürlich wird es die eine oder andere Veränderung geben, aber die Rückrunde hat ja gezeigt, dass wir an der grundsätzlichen Qualität des Kaders keine Zweifel haben müssen.

Mit Sebastian Kehl hat sich am vergangenen Samstag ein Spieler nach 13,5 Jahren im BVB-Trikot von den Fans verabschiedet. Wird es diese Verbundenheit eines Spielers mit einem Verein im Profi-Geschäft in Zukunft überhaupt noch geben oder ist die Zeit der Fußball-Romantiker endgültig vorbei?

Watzke: Für Spieler wie Sebastian Kehl wurde das Wort "Mannschaftskapitän" überhaupt erst erfunden. Wir werden ihn natürlich sehr vermissen! Dennoch spüre ich bei gleich mehreren unserer Spieler eine ganz starke Identifikation mit dem Klub, der Stadt und der Region. Ich erinnere hier nur an die Vertragsverlängerung von Marco Reus, der die Wahl hatte unter den Angeboten etlicher europäischer Großkaliber. Entschieden hat er sich letztlich für "seinen BVB", für seine Heimatstadt. Er hat die Chance, in Dortmund eine Ära zu prägen wie Steven Gerrard in Liverpool oder Uwe Seeler einst in Hamburg.

Borussias kuriose Saison mit Höhen und Tiefen

Der BVB hat immer auf die Jugend gebaut. Jetzt standen bei der EM in Bulgarien wieder drei Talente im Aufgebot der U17 des DFB, die Platz zwei belegte. Hat ein Verein, wenn er auch international auf sehr hohem Niveau mithalten will, überhaupt die Zeit, solche Leute heranzuführen? Top-Klubs wie Bayern München, Real Madrid, Chelsea, Barcelona, Paris oder die Klubs aus Manchester bedienen sich doch eher auf exklusiveren Märkten.

Watzke: Ich habe vor einigen Jahren ja auch mal kritische Töne gegenüber unserer Nachwuchsabteilung angestimmt. Und gerade deshalb muss ich nun auch positive Worte finden. Unsere Fans dürfen sich mittelfristig auf einen herausragenden Jahrgang freuen, den ich in ähnlicher Qualität lange nicht mehr erlebt habe. Wir werden uns die Zeit nehmen, diese Spieler sehr sorgsam heranzuführen und müssen - wie immer bei jungen Menschen - natürlich auch hoffen, dass Ihre positive Entwicklung anhält und sie verletzungsfrei bleiben.

Auch der VfL Wolfsburg hat in den vergangenen Jahren, was die Transferpolitik angeht, seine Zurückhaltung abgelegt. Kann man am Samstag in Berlin trotzdem noch von einem Duell auf Augenhöhe sprechen? Sie haben ja immer gesagt, dass sie nur das Geld ausgeben, das Sie auch einnehmen. Der VfL kann ja auch andere Töpfe anzapfen.

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Watzke: Von Volkswagen-Chef Martin Winterkorn weiß ich, dass er den Fußball sehr ernst nimmt. Und dass er als VW-Chef Erfolg gewohnt ist und erfolgreich sein will, ist auch logisch. Seit er VW übernommen hat, wurde verstärkt Geld in den Fußball investiert. Zunächst hat es mit Ausnahme des Meistertitels 2009 nicht nachhaltig auf hohem Niveau funktioniert, aber jetzt hat es auch dank Klaus Allofs und Dieter Hecking Hand und Fuß, was dort gemacht wird. Wolfsburg liegt, was die finanziellen Möglichkeiten angeht, vor dem BVB. Aber von der Strahlkraft her sind wir vorne, das sollten wir auch nicht kleinreden! Beides ist vollkommen in Ordnung. Mir ist nur wichtig: Am Ende dürfen in der Bundesliga nicht zwölf Klubs spielen, die lediglich 30000 Zuschauer haben. Und wenn dann Vereine wie Hamburg oder Stuttgart rausgekippt wären bzw. rauskippen würden, dann ist das für die Liga in Gänze schlecht. Dabei bleibe ich.

Nach dem Pokalfinale wird irgendwann der endgültige Abschied von Trainer Jürgen Klopp kommen, vielleicht sogar mit der LKW-Fahrt um den Borsig-Platz. Wie schwer wird Ihnen das fallen?

Watzke: Sehr, sehr schwer. Ich weiß allerdings, dass unsere Freundschaft für immer Bestand haben wird. Und darauf bin ich ein wenig stolz. Wir alle wünschen uns für Jürgen nach sieben Jahren jenen Abschied, den er zweifellos verdient. Am liebsten auf dem Lastwagen.

Viele Profis haben Ausstiegsklauseln in ihren Verträgen. Haben Sie in der vorzeitigen Vertragsauflösung mit Jürgen Klopp zum Saisonende eine Rückkehrklausel verankert?

Watzke (lacht): Nein, das haben wir nicht. Und das Thema mit den Ausstiegsklauseln ist beim BVB - wie Sie wissen - ja ohnehin keines mehr.

Quelle: wa.de

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