Hansi Küpper über Borussia Dortmund

Gastkommentar: Emotionales Defizit von Tuchel sollte nicht zu groß werden

+
Thomas Tuchel steht bei Borussia Dortmund noch bis Sommer 2018 unter Vertrag.

Dortmund - In seiner Gast-Kolumne analysiert Hansi Küpper die aktuelle Lage bei Borussia Dortmund. Für die fehlende Konstanz macht er Thomas Tuchel verantwortlich.

Neun Punkte liegt Borussia Dortmund nach der Hinrunde hinter Aufsteiger RB Leipzig, das ist definitiv nicht der Anspruch des BVB. Natürlich hat Dortmund drei absolute Schlüsselspieler verloren. Aber wenn ein Bundesligist die Möglichkeit hat, seinen Kader mit über 100 Millionen Euro neu zu gestalten, dann muss das Gesamtpaket einfach reichen, um sich problemlos für die Champions League zu qualifizieren. Aber das, was die Borussia bisher in der Liga abgeliefert hat, war deutlich unter Soll. Dortmund muss sich strecken, um dieses Minimalziel zu erreichen.

Ein Grund dafür ist sicherlich die Über-Rotation, die Thomas Tuchel auch nach guten Spielen vorgenommen hat. Bestes Beispiel ist die überzeugende Partie bei Sporting und einer dann auf acht Positionen veränderten Mannschaft in Ingolstadt, die über weite Strecken Zweitliga-Fußball abgeliefert hat. Da ist es dem Trainer nicht gelungen, mit all den Rotationen einen gewissen Rhythmus in die Saison zu bekommen. An guten Tagen kann dieses Team grandiosen Fußball spielen. Was für eine solche Spitzenmannschaft aber viel alarmierender ist, ist diese permanente Hilflosigkeit gegen defensiv stehende Gegner.

Drobny-Rot und Schürrle-Torpremiere: BVB siegt 2:1 bei Werder Bremen

Das ist eine Baustelle, die sich Tuchel selbst aufgemacht hat. Dazu kommt seine unglückliche Außendarstellung. Es ist gefährlich, wenn sich der Coach von Borussia Dortmund immer wieder über zu große Härte der Gegner beklagt anstatt diese Härte mit den Standards, die es dafür gibt, auch als Chance zu begreifen. Dazu lässt sich das Team zu viel gefallen. Wenn man einen Elfmeter nicht bekommt, wird auf dem Rasen kaum protestiert. Nach dem Spiel steht dann der Trainer vor der Kamera und klagt. Eigentlich sollte es andersrum sein. Die Jungs sollten sich auf dem Rasen wehren und laut werden, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen.

Verwissenschaftlichung des Fußballs

Tuchel verwissenschaftlicht den Fußball extrem, indem er zum Beispiel über Passabstände spricht. Dann glaubt er, dass sich diese Wissenschaft auf dem Rasen in Ergebnisse umwandeln lässt. Aber Spieler müssen auch mal Dinge intuitiv machen dürfen, vor allem gegen knüppelhart und taktisch kompakt dagegenhaltende Kontrahenten. Vielleicht sollte man den Spielern auch mitgeben, dass das Ganze auch eine Sache der Emotionen sein kann.

Hansi Küpper.

Tuchel mit Jürgen Klopp zu vergleichen, wäre sicher unfair. Aber man darf von ihm durchaus erwarten, dass er sich ein bisschen mehr auf einen Verein einlässt. Ich erinnere mich nur an das Revierderby, wo Dortmund Geheimtraining um Geheimtraining gemacht hat, damit die Verwissenschaftlichung des Fußballs nicht nach draußen dringt.

Auf der anderen Seite hat Christian Heidel, der Schalke schnell verstanden hat, sofort gesagt: Jeder soll wissen, worum es geht. Das Ergebnis war ein öffentliches Abschlusstraining mit 5000 Zuschauern, sodass jeder Schalker auf dem Platz um die Bedeutung eines Derbys wusste. Dieses emotionale Defizit von Tuchel sollte nicht zu groß werden.

Der Dortmunder Coach ist jemand, der nicht geliebt werden will. Aber wenn er keine Ergebnisse liefert, wird es schwierig, ihn zu halten. Die Bereitschaft der Anhänger, mit ihm durch eine schwere Zeit zu gehen, ist nicht so groß wie bei Klopp, als sich das ganze Stadion aufgerichtet hat – im Abstiegskampf wohlgemerkt. Ein Verpassen der Champions League würde sicherlich Grundsatzfragen aufwerfen. Daher muss er es jetzt schaffen, die Mannschaft bei hoher Belastung auf Kurs zu bringen. Das bedeutet: Keine Rotation mehr um der Rotation willen. Für das Spiel in Mainz bedeutet das: Der BVB muss unbedingt gewinnen – auch um Druck zu machen auf die Überraschungskonkurrenz aus Leipzig und Hoffenheim.

Von Hansi Küpper

Hansi Küpper, aus Werne stammend, ist seit 2009 als Kommentator bei "Sport1" im Einsatz. In „Warm-up – Die Fußballvorschau“ wird er nun freitags ab 21 Uhr als meinungsstarker Experte das Spielgeschehen einordnen und seine Prognose zum Bundesliga-Spieltag abgeben.

Verpassen Sie keine Nachricht zu Borussia Dortmund und werden Sie Fan unserer Facebook-Seite.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare