BVB-Lazarett lässt Saarbrücken hoffen

SAARBRÜCKEN - Das Gelächter im Studio war groß. "Was kann diese Bayern noch stoppen", lautete die "Frage der Woche" in der Sendung "Doppelpass" bei Sport1. "Die Bayern werden in diesem Jahr nur noch ein Spiel verlieren", sagte ein Anrufer: "Und zwar das Pokalendspiel gegen den 1. FC Saarbrücken."

Die Euphorie im Saarland ist riesig vor dem größten Spiel der vergangenen 20 Jahre. Vor den großen Bayern steht für den einzig verbliebenen Drittligisten im Achtelfinale des DFB-Pokals am Dienstag aber erst einmal die vermeintlich zweitschwerste Aufgabe gegen Vizemeister Borussia Dortmund an.

Doch so sehr sie im Saarland auch murren über ihren "Eff-Zeh", sie wittern doch die Sensation. Spätestens seit BVB-Coach Jürgen Klopp angesichts seines gut gefüllten Lazaretts erklärte, er müsse schauen, "wen wir in Saarbrücken überhaupt noch bringen können". Doch schon zuvor hätte der Verein wahrscheinlich 100.000 Karten absetzen können.

Es reichte eben, überhaupt nochmal großen Fußball zu sehen an einem Ort, an dem er früher regelmäßig zu Gast war. Bis 1993 spielte das Bundesliga-Gründungsmitglied insgesamt fünf Jahre in der deutschen Eliteklasse und bezwang 1977 die Bayern mal mit 6:1. In den 50er Jahren während der (Teil-)Autonomie des Saarlandes gewann der FCS 4:0 bei Real Madrid, bezwang den AC Mailand und wurde von FIFA-Präsident Jules Rimet als "das aufregendste Team Europas" geadelt. In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Saarbrücker immerhin zum Sprungbrett für Trainer Otto Rehhagel (1972), für Profis wie Felix Magath, Andreas Brehme und die Förster-Brüder oder zum Entdecker von Stürmer-Exoten wie Anthony Yeboah, Jonathan Akpoborie und Eric Wynalda.

Auch heute ist die Mannschaft sicher stärker, als es der 19. Platz in der 3. Liga aussagt. Nicht umsonst haben sie im Pokal Bundesligist Werder Bremen (3:1 n.V.) und Zweitligist SC Paderborn (2:1) bezwungen. Im Kader stehen sogar zwei Spieler mit Champions-League-Erfahrung (Timo Ochs, Francois Marque). Zudem weiß der Außenseiter zwei ideale Glücksbringer für das Pokal-Duell mit dem Champions-League-Finalisten in seinen Reihen: Stürmer Thomas Rathgeber warf 2010 mit Kickers Offenbach den BVB aus dem Wettbewerb, Trainer Milan Sasic zog mit dem MSV Duisburg 2011 gar ins Finale ein (0:5 gegen Schalke 04).

Doch der FCS war immer auch eine launische Diva. Vielleicht erlebte er seine Höhenflüge auch deshalb vor allem mit exzentrischen Trainertypen wie Uwe Klimaschefski, Klaus Schlappner, Peter Neururer oder Klaus Toppmöller. 1995 wurde dem FCS wegen eines Formfehlers die Lizenz für die 2. Bundesliga entzogen, ab 2005 stieg er dreimal in Folge ab bis in die fünfte Liga - und anschließend gleich zwei Mal auf. Legendär ist auch die Geschichte vom heutigen UEFA-Präsidenten Michel Platini, der nach einem Probetraining als "zu schmächtig" zurück nach Nancy geschickt wurde. Oder in jüngerer Vergangenheit von Philipp Wollscheid (Leverkusen), dem man 2009 die Eignung für die vierte Liga absprach - im Sommer stieg er zum ersten saarländischen Nationalspieler seit Stefan Kuntz auf.

Kürzlich wurden der ehemalige Klub-Präsident Paul Borgard und der früheren Bundesminister Reinhard Klimmt aus dem Aufsichtsrat gewählt - sie verloren gegen zwei Fanvertreter, einen 23 Jahre alten Studenten und einen 32 Jahre alten Versicherungsmakler. Am DFB-Pokal im kommenden Jahr dürfte der FCS übrigens selbst im Falle eines Final-Erfolgs gegen die Bayern nicht teilnehmen. Im Saarlandpokal scheiterte er nämlich kürzlich am Sechstligisten SV Mettlach. Und der Titelverteidiger hat kein automatisches Startrecht. - sid

Quelle: wa.de

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