BVB-Geschäftsführer im Interview

Watzke zu Transfer-Unruhe: "Das Vertrauen hat gefehlt"

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Hans-Joachim Watzke.

BAD RAGAZ - Der Vorsitzende der Geschäftsführung von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, ist im Trainingslager in Bad Ragaz fast pausenlos für den BVB im Einsatz. Gestern sprach Jens Lederer mit dem BVB-Boss.

Herr Watzke, befindet sich Borussia Dortmund in einer guten Frühform, oder sind die Gegner FC Basel, Bursaspor und FC Luzern kein Maßstab?

Hans-Joachim Watzke: Die Schweizer haben zwar schon mit ihrer Meisterschaft begonnen, aber als deutsche Spitzenmannschaft, das sage ich ohne Überheblichkeit, sollten wir in der Lage sein, gegen sie zu gewinnen.  Der FC Basel war in der vergangenen Saison international gut unterwegs. Gerade deshalb ist es sehr erstaunlich, wie gut sich unsere Mannschaft geschlagen hat, denn sie befindet sich seit Tagen in einem sehr harten Training.

In Luzern fehlte die körperliche Frische.

Watzke: Das ist richtig. Richtig ist aber auch, dass die Mannschaft unbedingt gewinnen wollte und dieses Ziel erreicht hat.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in die neue Saison?

Watzke: Es gibt eine eigentümliche Geschichte, die mich extrem gewundert hat. Denn zwischen dem Champions-League-Finale und dem Trainingsauftakt wurde Unruhe in den Verein getragen.

Woran machen Sie das fest?

Watzke: Es hat dem einen oder anderen Außenstehenden, der in Internetforen postet, bei den von uns geplanten Transfers das Vertrauen in die Verantwortlichen des BVB gefehlt. Das war schade. Wir wussten immer ganz genau, wie wir die Mannschaft verstärken wollten. Weil wir mit Blick auf gute Spieler in anderen Regalen suchen müssen als früher, dauert es hin und wieder aber eben etwas länger.

Suche erfolgreich beendet?

Watzke: Wir haben mit Mkhitaryan, Aubameyang und Sokratis unsere personellen Vorstellungen so exakt umgesetzt, dass ich mich auf die neue Saison freue.

Werden nach dem Champions-League-Finale utopische Ablösesummen aufgerufen?

Watzke: Nein. Dieser geschäftliche Vorgang wird öffentlich zu groß aufgeblasen. Fakt ist: Du kannst Mario Götze nicht mit einem Perspektivspieler ersetzen, der sofort zündet. Wenn das spielerische Niveau in der Mannschaft gehalten oder gar verbessert werden soll, kosten die Transfers nun einmal mehr Geld. Und sie sind komplizierter abzuhandeln. Wir geben aber weiterhin nur das aus, was wir vorher auch eingenommen haben.

Auch in diesem Jahr?

Watzke: Wir haben uns ausschließlich von unserem Festgeldkonto und nicht in einer Kreditabteilung bedient, um die drei Transfers abzuwickeln. Übrigens: Die komplette Ablösesumme für Mkhitaryan ist bereits von uns gezahlt worden (Anmerkung der Redaktion: 25 Millionen Euro).

Sind Sprachbarrieren ein Hindernis für die Integration der neuen Spieler Mkhitaryan, Sokratis und Aubameyang?

Watzke: Natürlich ist es besser, wenn alle Deutsch sprechen. Dies gilt vor allem für den Defensivverbund, für den die Verständigung ganz wichtig ist. Aber ich bin mir sicher, alle drei Spieler werden sehr schnell die deutsche Sprache beherrschen.

Ist die Mannschaft trotz des Wechsels von Mario Götze zum FC Bayern stärker als in der vergangenen Saison?

Watzke: Mario ist ein außergewöhnlicher Spieler. Ihn zu verlieren, ist auch für uns nicht leicht. Aber wir akzeptieren seine Entscheidung. Durch die drei Neuen sind wir aber variabler geworden, zumal sie auf verschiedenen Positionen einsetzbar sind. Ich kann nicht sagen, wie die Saison verläuft. Fest steht jedoch: Wir können mit einem Lizenzspieleretat, mit dem wir keineswegs zu den Top 20 in Europa gehören, nicht Jahr für Jahr ein Highlight an das andere reihen. In dieser Saison erwarte ich allerdings keinen großen Einbruch.

Ist der Leistungsunterschied zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München so groß wie bei der Wirtschaftskraft?

Watzke: Wir sind in den vergangenen Jahren zweimal Deutscher Meister und zuletzt Vizemeister geworden. Vor ein paar Jahren wäre das noch ein riesiger Triumph gewesen. 25 Punkte Rückstand auf die Bayern, die eine richtig gute Saison gespielt haben, sind natürlich zu viel.

Müssen sich die Fußballfans in den nächsten Jahren auf das Duell BVB gegen Bayern München einstellen?

Watzke: Ich hoffe das natürlich, aber es gibt in der Bundesliga Klubs, die extrem gute wirtschaftliche Voraussetzung haben. Sie sind immer in der Lage, zur Spitze aufzuschließen.

Das wären?

Watzke: Die Gelsenkirchener und auch der Hamburger Sportverein. Nicht zu vergessen der VfB Stuttgart und die Werksmannschaften Leverkusen und Wolfsburg.

Nehmen die Schalker den Mund zu voll, wenn sie sich derzeit mit Borussia Dortmund auf Augenhöhe sehen?

Watzke: Ich verfolge nicht so genau, was da passiert, weil es mich nicht interessiert. Zudem besitzt jeder Verein seine eigene Identität und Strategie. Unsere Öffentlichkeitsarbeit war eher defensiv in den vergangenen Jahren. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und muss am Ende der Saison auf die Tabelle blicken.

Hält die Arbeitsverdichtung bei Ihnen an?

Watzke: Bedingt durch das extreme Wirtschaftswachstum von 87 auf 212 Millionen, und in diesem Jahr wird es noch höher ausfallen, bin ich nur noch alle vier Wochen in meinem Heimatdorf. Leider.

Keine Entlastung im Verein?

Watzke: Doch. Ich habe es hinbekommen, dass die zweite Führungsebene mit Carsten Cramer sehr gut aufgestellt ist. Die Vertriebs- und Marketing-Abteilung nimmt mir viel Arbeit ab. Große Sponsoren und die Medien legen allerdings Wert auf das persönliche Gespräch mit mir.

Quelle: wa.de

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