Wulff in Afghanistan - Staatsbesuch mit Fahrrad

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Bundespräsident Christian Wulff

Kabul - Bundespräsident Christian Wulff hat bei einem überraschenden Staatsbesuch in Afghanistan dem Land weiterhin deutsche Unterstützung zugesagt. Auf die Reise hat er ein Kinderfahrrad mitgenommen.

Das auffälligste Requisit des Staatsbesuchs in Afghanistan war ein Gastgeschenk für den jüngsten Sohn von Präsident Hamid Karsai. Ein kleines buntes Kinderfahrrad mit Stützrädern begleitete die Delegation von Berlin bis in den Präsidentenpalast von Kabul. Fast ein heiteres Symbol der Reise, die am Sonntag ernst, staatstragend und mit allem protokollarischen Pomp begann.

Das ist Afghanistan

Das ist Afghanistan

Bundespräsident Christian Wulff wollte keine Fehler machen. 2010 hatte sein Vorgänger Horst Köhler Afghanistan besucht, aber nur die deutschen Truppen im Norden des Landes. Die Hauptstadt mied er. Präsident Karsai wurde übergangen und nahm dies durchaus übel.

Aber es war nicht nur das Beispiel Köhlers, das Wulff vor Augen hat. Ein Truppenbesuch alleine wäre nicht das richtige Signal gewesen, schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt, keine zwei Monate vor der Afghanistan-Konferenz in Bonn. Wulff schlug denn auch den großen historischen Bogen und erinnerte daran, dass der afghanische König Amanullah 1928 zum Staatsbesuch in Berlin war. Vier Jahrzehnte später reiste Bundespräsident Heinrich Lübke nach Kabul, und nun, 44 Jahre danach, Wulff zu Karsai.

Nach seiner Ankunft lobte Wulff das pulsierende Leben in den Straßen Kabuls - trotz Armut und Elend, die in der afghanischen Hauptstadt kaum zu übersehen sind. Auch daran konnte der Bundespräsident erkennen, wie viel es beim zivilen Wiederaufbau noch zu tun gibt.

Bei einem Treffen mit Menschen- und Bürgerrechtlern setzte Wulff den Akzent seiner Reise: Es geht nicht mehr in erster Linie ums Militärische. Doch gerade die anwesenden Frauen äußerten in dem Gespräch auch die Sorge, dass mit dem Abzug der internationalen Truppen Ende 2014 vieles wieder auf dem Spiel steht, was in den letzten Jahren erreicht wurde.

Gastgeber der Konferenz Anfang Dezember in Bonn sind nicht die Deutschen, sondern die Afghanen. Das heißt aber nicht, dass Berlin bei Tagesordnung und Teilnehmern nicht mitzureden hätte. Klar ist, dass es nur eine afghanische Delegation geben wird. Wenn zu dieser auch Taliban gehören, dann müssen sie die Regierung Karsai anerkennen, dem Terror abgeschworen und die afghanische Verfassung akzeptiert haben. Das ist die “rote Linie“, von der auch deutsche Diplomaten sprechen.

Wulff sieht Deutschland bei der Konferenz in der Rolle des “ehrlichen Maklers“. Mit diesem Zitat Otto von Bismarcks hebt er die historische Dimension hervor. Seit rund 100 Jahren ist Deutschland ein verlässlicher Freund Afghanistans, und das ist viel für ein Land, in dem Misstrauen eine mächtige Rolle spielt.

Die Freundschaft soll halten, über 2014 und den bis dahin anvisierten Abzug der Bundeswehr hinaus. Deshalb hat Wulff das “große Kino“ Staatsbesuch gewählt. Er spricht Erfolge der letzten Jahre an, etwa in den Bereichen Bildung und Gesundheit. Er nennt aber auch deutlich Defizite: Korruption, Drogenwirtschaft, Ineffizienz.

Der Bundespräsident will das zivile Engagement Deutschlands betonen. Doch dass es noch für einige Zeit ohne Militär nicht gehen wird, zeigt die Anwesenheit des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Volker Wieker, der Wulff begleitet. Zudem legt sich auch auf dieser Reise niemand auf eine Zahl für den Abzug deutscher Soldaten fest, der noch in diesem Jahr beginnen soll. Am Abend traf Wulff dann im Regionalkommando Nord der internationalen Schutztruppe Isaf in Masar-i-Scharif ein. Der erste Weg führte ihn zum Ehrenhain für die ums Leben gekommenen deutschen Soldaten.

Das kleine bunte Kinderfahrrad wurde ohne viel Pomp im Garten des Präsidentenpalastes übergeben, beladen mit einem üppigen Paket Schokolade, das in der Sonne sicher gelitten hat. Karsais Sohn Mirwais ist vier und wird die Stützräder wohl nicht mehr lange brauchen. Mit der Übernahme der Sicherheitsverantwortung der Afghanen wird es länger dauern, Stützräder aus Deutschland braucht das Land am Hindukusch sicher noch viele Jahre.

dpa

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