Amtliches Endergebnis: Sieger, Retter und Verlierer

Düsseldorf - Nach zwei Jahren Minderheitsregierung erkämpfen sich SPD und Grüne in Nordrhein-Westfalen eine satte Mehrheit. Die CDU stürzt ins Bodenlose.

Nordrhein-Westfalen steuert auf eine Neuauflage von Rot-Grün zu, diesmal mit einer absoluten Mehrheit. Bei der Landtagswahl am Sonntag legten die Sozialdemokraten unter Ministerpräsidentin Hannelore Kraft deutlich zu und kamen auf 39,1 Prozent, wie die Landeswahlleiterin in der Nacht zum Montag in Düsseldorf mitteilte. Der erklärte Koalitionspartner, die Grünen, errang 11,3 Prozent.

Die CDU unter Bundesumweltminister Norbert Röttgen sank auf den historischen Landestiefstwert von 26,3 Prozent. Die FDP rettete sich mit 8,6 Prozent deutlich über die Fünf-Prozent-Hürde und zieht damit erneut in den Landtag ein. Ebenfalls im Parlament in Düsseldorf vertreten ist künftig die Piratenpartei mit 7,8 Prozent. Die Linke hingegen scheiterte mit 2,5 Prozent am Wiedereinzug.

Ministerpräsidentin Kraft holt bestes Erststimmenergebnis in NRW

Kraft konnte auch das beste Erststimmenergebnis für sich verbuchen. In ihrem Wahlkreis Mülheim I entfielen 59,1 Prozent der Erststimmen auf sie - fast zehn Prozentpunkte mehr als vor zwei Jahren. Das zweitbeste Ergebnis landesweit hatte Frank Börner (SPD) im Wahlkreis Duisburg IV mit 59,0 Prozent. Auf Platz drei folgt mit Innenminister Ralf Jäger ein weiteres SPD-Kabinettsmitglied: In Duisburg III schaffte er 58,4 Prozent. Das beste CDU-Ergebnis holte Volker Jung im Wahlkreis Paderborn I mit 52,2 Prozent.

"Großes Ergebnis für die FDP"

Wer hat nach dieser Landtagswahl mehr Grund zu feiern? SPD oder FDP? Wenn die Lautstärke auf der Wahlparty dafür ein Indiz ist, ganz klar die nordrhein-westfälischen Liberalen und ihr Retter Christian Lindner. Fast ein wenig verschüchtert wirkt er bei der FDP-Wahlparty im Düsseldorfer Medienhafen angesichts des frenetischen Beifalls und der vielen Jubelrufe - so, als könnte er seinen Wahlerfolg selbst kaum glauben. Mit mehr als 8 Prozent der Stimmen hat er den Verbleib der Liberalen im Düsseldorfer Landtag gesichert.

„Das ist ein großes Ergebnis für die FDP“, sagt er, als er sich schließlich gegen den fröhlichen Lärm durchsetzen kann - und erinnert daran, wie die Liberalen angegangen worden seien, als sie dem rot-grünen Haushalt nicht zustimmten und damit die Neuwahlen ins Rollen gebracht hatten. „Prinzipienfestigkeit ist in der Politik keine Dummheit, sondern Ausdruck von Tugend und Charakter“, stellt Lindner dazu selbstbewusst fest. Das hätten die Wähler honoriert.

Jubel und Enttäuschung: NRW-Wahl in Bildern

Jubel und Enttäuschung: Die NRW-Wahl in Bildern

Die alte und wohl auch künftige Ministerpräsidentin Hannelore Kraft von der SPD kommt durch den Seiteneingang in die Disco 3001 im Düsseldorfer Medienhafen und hat Tränen in den Augen. Einen halben Schritt hinter ihr Ehemann Udo und Sohn Jan. Die jubelnden Gäste bilden eine Gasse zur Bühne. „Was für ein toller Abend“, sagt Kraft und schüttelt den Kopf. „Es ist ein so tolles Gefühl, nach zwölf Jahren das erste Mal wieder vorne zu sein“, schwärmt sie und ihre sonst so feste Stimme ist leiser als üblich, der Tonfall der SPD-Powerfrau klingt beinahe demütig. Sie reckt beide Daumen nach oben, rund 600 Partygäste skandieren: „So sehen Sieger aus, schaalalalala“.

Auch bei den Grünen kennt der Jubel keine Grenzen. Begleitet von „Sylvia, Sylvia, Sylvia“-Rufen steigt Spitzenkandidatin Löhrmann auf die Mini-Bühne. Ihre Anhänger klatschen, andere schlagen sich die Hände vor den Kopf oder fallen sich in die Arme. „Das ist ein ganz toller Arbeitssieg“, ruft Löhrmann, die mit ihrer Partei gerade eben laut Wahlprognose rund 12,0 Prozent eingefahren hat. Es ist fast das identische Ergebnis wie bei der vergangenen Landtagswahl 2010.

Für den gescheiterten CDU-Spitzenkandidaten Norbert Röttgen haben die feiernden Grünen nur Spott übrig. „Du kannst nach Hause fahren“, singen die rund 300 Gäste in dem Museumscafé am Rheinufer, als der zerknirschte Bundesumweltminister auf dem Bildschirm seine Niederlage eingesteht.

„Ich habe verloren“

„Ich habe verloren“, räumt Röttgen vor seinen Parteifreunden im Partyzelt vor der NRW-CDU-Zentrale ein. Rund 25 Prozent - das ist noch weniger als erwartet. „Desaströs“ sei das Abschneiden der CDU, befindet er. Von Anfang macht er klar: Das ist vor allem seine Niederlage. Er will nichts beschönigen. „Ich habe verloren, es war mein Wahlkampf“, sagt er. Starr blickt er geradeaus.

Ähnlich ist die Stimmung bei den Linken. Als die erste Prognose über den Bildschirm flimmert, werden die schlimmsten Befürchtungen wahr: 2,5 Prozent in NRW, die Partei fliegt nach nur zwei Jahren wieder aus dem Düsseldorfer Landtag. Völlig konsterniert blicken die Linken-Anhänger am Sonntagabend bei ihrer Wahlparty in einer Kneipe in Düsseldorf-Unterbilk auf die Leinwand. „Nein“ ruft einer. „Das gibt es doch nicht, ich will andere Zahlen“, sagt eine andere Besucherin lakonisch.

Linken-Spitzenkandidatin Katharina Schwabedissen spricht ihrer Partei Mut zu. „Unsere Themen waren richtig - und wir werden nicht aufhören“, ruft sie ihren Anhängern zu. 5,6 Prozent hatte die Linke bei der Landtagswahl 2010 erreicht und war erstmals als Fraktion in den Düsseldorfer Landtag eingezogen. Neben gebührenfreien Kita-Plätzen warb die Partei vor allem mit der Bekämpfung der Leiharbeit und einer Millionärssteuer. Vergeblich.

„Morgen ist der Bundestag dran.“

Für die Piraten war es leichter. Selbst der bullige Landesvorsitzende Michele Marsching muss sich an dem Podest mit der Piratenfahne festhalten. Gerade hat er von dem Ergebnis der ersten Prognose erfahren: 7,5 Prozentpunkte. Marsching hat Tränen in den Augen. „Wenn ich mit einem nicht gerechnet hätte, dann damit, dass ihr mich zum Weinen bringt“, sagt er. Gerührt von den rund 400 Piraten, die ihm auf der Wahlparty im Kulturzentrum ZAK zujubeln, schreit er: „Danke, Piraten und transsexuelle Eichhörnchen. Es war geil!“

Staatsmännischer tritt nach ihm Spitzenkandidat Joachim Paul auf. Er richtet seine Worte an die „lieben Piraten, Demokraten und Mitmenschen“. Doch dann kommt auch Paul in Fahrt: „NRW-Piraten sind im Landtag, morgen ist der Bundestag dran.“ Die Party-Stimmung erreicht ihren Siedepunkt als der 54-Jährige konstatiert: „Ihr Wähler habt bestellt. Wir werden liefern.“ Womöglich übersieht er, dass er nun zwar im Landtag sitzt - aber in der Opposition.

dapd

Rubriklistenbild: © dpa

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