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Investigativbericht: Russischer Soldat gesteht Kriegsverbrechen

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Von: Sandra Kathe

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Seit sechs Monaten herrscht Krieg in der Ukraine und immer wieder wird über die Verbrechen russischer Militärs berichtet. Nun reden zwei ehemalige Soldaten.

Kiew – Bereits kurz nach Kriegsbeginn in der Ukraine, Ende Februar 2022, besetzten russische Militärs erste Ortschaften, auch in der Umgebung von Kiew. Dabei hinterließen sie zerstörte und geplünderte Häuser, getötete Zivilpersonen, traumatisierte Menschen, und im Fall des 21-jährigen Soldaten Daniil Frolkin und seines Kameraden Dmitry Danilov eben auch Fotos auf einem gestohlenen Smartphone.

Auf den Bildern auf dem Handy eines älteren Ukrainers, das die Soldaten nach ihrem Abzug zurückließen, posieren Frolkin und Danilov neben anderen Kameraden mit Waffe und Sonnenbrille im besetzten Ort Andrijiwka nordwestlich von Kiew. Beide wurden anhand einer Namensliste von Soldaten der 64. Motorisierten Schützendivision identifiziert und unter mehreren bis April in Andrijiwka stationierten Soldaten vom Investigativteam der russischen Nachrichtenseite Important Stories kontaktiert. Und obwohl ihnen eine Beteiligung an möglichen Kriegsverbrechen vorgeworfen wird, haben beide mit dem Reportageteam gesprochen.

Russisches Militär im Ukraine-Krieg: Vielen Soldaten werden Kriegsverbrechen vorgeworfen

Zu den Vorwürfen gegen den 21-Jährigen Frolkin zählen eine mutmaßliche Beteiligung an der Ermordung von mindestens einem von nachweislich 13 getöteten Zivilisten in Andrijiwka, der Diebstahl eines Autos sowie etlicher anderer Gegenstände, darunter mehrere Militärmedaillen eines inzwischen verstorbenen 94-jährigen Weltkriegsveteranen, den die Besatzer aus seinem Zuhause vertrieben haben sollen. Auch die Medaillen seien laut dem Important Stories-Bericht auf einigen der Handybilder zu sehen. Danilov wird ebenfalls mehrerer Diebstähle bezichtigt.

Das russische Soldaten über ihre Einsätze im Ukraine-Krieg berichten kommt eher selten vor. Einem russischen Investigativportal ist es nun gelungen mit zwei ehemaligen Militärs zu sprechen.
Das russische Soldaten über ihre Einsätze im Ukraine-Krieg berichten kommt eher selten vor. Einem russischen Investigativportal ist es nun gelungen mit zwei ehemaligen Militärs zu sprechen. (Symbolfoto) © Olga Maltseva/AFP

Die Beteiligung an Morden an Zivilisten bestritten beide anfangs, räumten jedoch direkt viele der Diebstähle ein und belasten das russische Militär damit schwer. Beide haben dem Bericht zufolge inzwischen ihren Dienst quittiert und sind zurück in Russland. In einem weiteren Interview hat der 21-jährige Frolkin außerdem weitere Kriegsverbrechen gestanden.

Russische Soldaten über den Ukraine-Krieg: Mit Ausrüstung für drei Tage losgeschickt

So erzählt Danilov von dem Beginn des Ukraine-Kriegs, darüber, dass er und seine Kameraden im Januar nach Belarus verlegt worden seien, angeblich für eine Übung. Ende Februar hieß es dann, die Division würde für drei Tage in die Ukraine verlegt, um den Ukrainern „Angst zu machen“ und die Annektion der „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk zu forcieren. Für drei Tage war auch die Ausrüstung ausgelegt, die die Soldaten dabei hatten, Verpflegung und Kleidung, sodass die Russen schnell damit begonnen hätten, die Häuser von Einheimischen zu Plündern.

Vonseiten der Militärführung seien immer wieder neue Termine kommuniziert worden, wann der Rückzug aus der Region Kiew erfolgen solle, die wieder und wieder verschoben worden seien. Von angeblichen Nazis hätte Danilov in seiner Zeit in Andrijiwka nichts bemerkt, vielmehr hätte er dort mit „ziemlich vernünftigen Einheimischen“ zu tun gehabt.

Geständnis eines russischen Soldaten: 21-Jähriger belastet auch Militärführung

Frolkin erzählte in seinem Telefonat mit der Investigativreporterin ebenfalls über den Beginn des Kriegs und darüber, dass einige Kameraden schon vor der Verlegung in die Ukraine versucht hatten, ihren Dienst zu quittieren. Daraufhin seien sie von Vorgesetzten unter Druck gesetzt und bedroht worden, ähnlich sei es all jenen ergangen, die während oder nach Ende des Einsatzes in der Region um Kiew ihren Militärdienst aufgekündigt hätten.

In einem späteren Videotelefonat legte Frolkin bei mitlaufender Aufnahme ein Geständnis ab: Er gestand das „Erschießen und das Ausrauben von Zivilpersonen, das Beschlagnahmen ihrer Telefone und die Tatsache, dass unser Kommando sich keinen Scheiß für unsere Kämpfer an der Front interessiert“. Daraufhin nannte er die Namen mehrerer Kommandanten, die ihn und seine Kameraden in den Tod hätten laufen lassen wollen. Einer hätte auch befehligt, Zivilpersonen zu erschießen, was Frolkin und seine Kameraden daraufhin getan hätten.

Russischer Soldat über Einsatz in der Ukraine: „Wäre besser wenn dieser Krieg niemals begonnen hätte“

Auf die Frage warum er sich zu seinem Geständnis durchgerungen hätte, erklärte Frolkin, er tue das „für die Jungs“, die nach monatelangen Einsätzen bald wieder an die Front nach Cherson geschickt würden. Er hoffe, dass er mit seinem Geständnis dafür sorgen könne, dass hunderte Menschen davor verschont würden, erneut in den Krieg zu ziehen. „Die haben kein Recht dazu, das zu machen, weil die Männer einfach nicht mehr körperlich dazu in der Lage sind. Ich sehe, wie unsere Brigade zerstört wird“.

Vor allem verstehe Frolkin bis heute nicht, wofür in der Ukraine gekämpft werde. „Über die Front erzählen sie uns, wir würden alle retten, wir wären so großartig“, sagte er in dem Telefonat. Über alles, was anderorts im Krieg passiert, bekämen die Soldaten jedoch nichts mit. „Wie viele Zivilpersonen bei all dem ums Leben kommen, das wissen womöglich noch nicht mal die Kommandanten.“ Dass er für seine Kritik am Militär und sein Geständnis womöglich von russischer Seite inhaftiert werden könnte, sei Frolkin bewusst, dennoch wolle er erklären, was in seinem Land gerade passiert. „Ich glaube, es wäre besser, wenn dieser Krieg niemals begonnen hätte.“ (ska)

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