„Alle bleiben sitzen und schweigen“

Eklat um Tichy und Politikerin Chebli: Dorothee Bär tritt Lawine los - mit Folgen

Die Politikerinnen Dorothee Bär und Sawsan-Chebli in einer Bildmontage.
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Dorothee Bär (li.) ist Sawsan Chebli nach einem sexistischen Angriff zur Seite gesprungen - der Fall bringt die Ludwig-Erhard-Stiftung in Nöten.

Das Magazin Tichys Einblick hatte sich SPD-Politikerin Sawsan Chebli als Zielscheibe ausgesucht. Dorothee Bär reagiert und tritt eine Lawine los. Kritik gab es zunächst auch an Merz und Spahn.

  • Die namhaft besetzte Ludwig-Erhard-Stiftung will vor allem die soziale Marktwirtschaft fördern.
  • Aktuell hat der Verein aber mit einem Sexismus-Eklat zu kämpfen - Anlass ist ein Artikel im Blatt des Vorsitzenden Roland Tichy.
  • Nach Dorothee Bär (CSU) übten auch weitere Politiker Kritik, Tichy will sein Amt aufgeben. Doch es gibt weitere heikle Fragen.

Berlin - Die Ludwig-Erhard-Stiftung ist eigentlich eine honorige Einrichtung: Vom Namensgeber selbst 1967 gegründet, will der Verein die soziale Marktwirtschaft stärken. Aktuell steckt die Stiftung aber in einer äußerst unangenehmen Debatte - es geht um Sexismus. Und um die Wahl des Vorsitzenden.

Nun gibt es offenbar personelle Konsequenzen: Stiftungs-Chef Roland Tichy will sich laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht mehr zur Wiederwahl stellen. Zuvor hatte CSU-Staatsministerin Dorothee Bär für Aufsehen gesorgt. Sie kündigte ihre Mitgliedschaft.

Ludwig-Erhard-Stiftung: Sexistischer Angriff auf Chebli bei Tichy? Dorothee Bär zieht als erste die Reißleine

Anlass des Streits sind sexistische Äußerungen über die SPD-Politikerin Sawsan Chebli in der Monatszeitschrift Tichys Einblick. Dort war zu lesen: „Was spricht für Sawsan? (...) Befreundete Journalistinnen haben bislang nur den G-Punkt als Pluspunkt feststellen können in der Spezialdemokratischen Partei der alten Männer.“ Chebli will 2021 für den Bundestag kandidieren.

In dem mit einer großen Zahl an Spitzenpolitikern und namhaften Ökonomen und Wirtschaftsvertretern besetzten Verein hatte zunächst allein Bär die Reißleine gezogen. „Derartige Ausfälle sind unerträglich und mit den Zielen der Stiftung absolut unvereinbar“, erklärte sie am Mittwoch ihren Austritt.

Ludwig Erhards Ansinnen wäre heute sicher nicht die Herabwürdigung von Frauen, sondern das Fördern weiblicher Karrieren, befand sie. „Sofern die Stiftung einen Vorsitzenden hat, unter dessen Federführung solche Texte veröffentlicht werden, kann und will ich sie nicht weiter unterstützen. Es zeigt eine gesellschaftspolitische Geisteshaltung, die ich nicht akzeptiere.“ Chebli bedankte sich via Twitter bei Bär für deren „klare Haltung“ und schrieb: „Wir dürfen nicht länger Sexismus hinnehmen. Wir brauchen aber auch die Männer, die mit uns an einem Strang ziehen.“

Merz und Spahn im Fokus: Eklat um Ludwig-Erhard-Stiftung - CDU-Spitzenleute reagieren mit Verzögerung

Allerdings dauerte es ein wenig, bis auch Männer nachzogen. Auf Twitter kursierten am Mittwoch heftige Vorwürfe an die weiteren Mitglieder der Stiftung - darunter CDU-Kanzleranwärter Friedrich Merz*, Gesundheitsminister Jens Spahn* (CDU) oder Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn. „Alle anderen bleiben sitzen und schweigen. Das lässt tief blicken“, urteilte etwa ein User.

Am Donnerstag zogen dann Spahn sowie der Vorsitzende der Mittelstandsunion, Carsten Linnemann, nach. Sie ließen mit sofortiger Wirkung ihre Mitgliedschaft in der Erhard-Stiftung ruhen. „Die Ludwig-Erhard-Stiftung ist eine Institution mit langer Tradition und dem Erbe des Namensgebers verpflichtet. Leider ist seit geraumer Zeit eine Debattenkultur von führenden Vertretern der Stiftung festzustellen, die dieser Verantwortung nicht gerecht wird. Das schadet dem Ansehen Ludwig Erhards. Deshalb haben wir uns entschieden, unsere Mitgliedschaft bis auf weiteres ruhen zu lassen.“

Tichy geht - Kritiker nach Sexismus-Eklat dennoch unzufrieden

Kritik an Tichy äußerte nach Angaben der FAZ auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der ebenfalls Mitglied der Stiftung ist. In einem Schreiben an die anderen Mitglieder der Stiftung argumentiert Weidmann demnach, zur „Fortentwicklung marktwirtschaftlichen und freiheitlich-demokratischen Denkens“ gehöre auch „ein Debattenklima gegenseitigen Respekts, nicht nur innerhalb der Stiftung, sondern auch darüber hinaus.“ Nun tritt Tichy also den Rückzug an - ein Schritt, den Merz in einem Tweet als „einzig richtige Entscheidung“ bezeichnete.

Gerhard Schröder kam: Roland Tichy bei der Verleihung des Ludwig-Erhard-Preises an den Bundeskanzler a.D. im Jahr 2016

Ob der Streit damit ausgestanden ist, bleibt allerdings abzuwarten. Der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz etwa forderte auf Twitter, die Stiftung solle nicht bis zur Vorsitz-Wahl im Oktober warten, sondern sich „von Tichy komplett trennen“. Andere Beobachter stellten noch grundsätzlichere Fragen: „Warum ist Roland Tichy Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung“, fragte etwa Spiegel-Journalist Mathieu von Rohr in dem Kurznachrichtendienst trocken.

Roland Tichy: Umstrittener Journalist gibt wohl Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung ab - bohrende Fragen im Netz

Tichy selbst bezeichnet sein Magazin als „liberal-konservatives Meinungsmagazin“. Das Magazin und die Online-Plattform tichyseinblick.de gehören für viele Politiker aus dem rechtspopulistischen Spektrum zur Pflichtlektüre.

Zu erwarten ist, dass auch jetzt eine Debatte über Meinungsfreiheit losbricht. Politikberater Erik Flügge, ein SPD-Mitglied, äußerte allerdings am Donnerstag ein klares Urteil: „Tichy hat jedes Recht zu publizieren und sich politisch zu betätigen“, betonte er. „Gleichzeitig hat aber auch jede Institution das Recht zu sagen, ‚Ihre Publikationen und Ihre politische Betätigung passen nicht mehr zu uns‘. Nennt sich Meinungs- und Gewissensfreiheit.“ Flügge musste sich allerdings zurechtweisen lassen, dass die Stiftung selbst gar nicht auf die Vorwürfe reagiert hatte. (dpa/fn)

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